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„Ich bin eine Stimme zu ruffen die Gott lieben“ – Einblicke in die heimische Glockengeschichte

Eingeschmolzen für Kanonen

Am morgigen Sonntag werden die Kirchenglocken überall im Land den Advent einläuten. Ihr Klang gilt nicht nur Christen als wohlklingendste und wohltuendste Einstimmung in die Weihnachtszeit. Kaum zu glauben, dass aus den Freude und Frieden verheißenden Instrumenten einst Tod bringendes Kriegsgerät hergestellt wurde. Und doch ist genau das im vergangenen Jahrhundert zweimal passiert. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg wurden Glocken zu Kanonen verarbeitet. Heiß begehrt waren vor allem die Bronze-Güsse. Insgesamt sollen mehr als 140 000 Glocken vernichtet worden sein. Besonders rigoros ging es während der NS-Zeit zu. Geplündert wurden nicht nur die deutschen, sondern auch die besetzten ausländischen Gebiete. In vielen Gegenden östlich der Oder wird Christi Geburt bis heute – im wahrsten Sinne des Wortes – als „stille Nacht“ begangen.

veröffentlicht am 01.12.2012 um 00:00 Uhr

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Die Zahl der hierzulande 1917 und 1940 verloren gegangenen Glocken dürfte zwischen 140 und 160 liegen. Ablauf und Ausmaß der beiden Beschlagnahme-Aktionen sind weitgehend unerforscht; ein großer Teil der damaligen Aufschreibungen und Berichte scheint verloren gegangen zu sein. Sicher ist jedoch eins: Auch in Schaumburg wurde jede Menge wertvolles Kulturgut vernichtet.

Im Ersten Weltkrieg gingen die Rüstungsstrategen noch vergleichsweise behutsam vor. Laut Verordnung vom 1. März 1917 sollten alle kulturhistorisch bedeutsamen Stücke unangetastet bleiben. Damit waren die besonders alten, die besonders wohlklingenden und die besonders schön und auffallend geformten und/oder verzierten Exemplare gemeint. Trotzdem kamen – auch durch Unkenntnis und Übereifer patriotisch eingestimmter örtlicher Kirchenvorstände – zahlreiche unersetzliche Highlights mittelalterlicher Gießkunst abhanden.

Aus der Kirche St. Cosmae et Damiani zu Exten wurde eine während der Reformationszeit in der Gemeinde angeschaffte Glocke abgeholt. Neben der Jahreszahl MDLXXXVII (1587) waren auch die Namen des ersten evangelischen Kirchenvorstands eingebrannt. Die Stadtkirche Bückeburg verlor auf einen Schlag drei ihrer vier kostbaren Bronzeglocken. Der Stiftskirche Fischbeck kamen zwei, 1731 in der Werkstatt von Johannes Godefridus Delapaix entstandene Meisterwerke abhanden, darunter ein 24 Zentner schweres Prachtexemplar, das nur „die großen Feiertage, die großen Bußtage und wenn von der Herrschaft oder aus unserem Stift Äbtissin oder von den Fräuleins jemand stirbt“ geläutet werden durfte. Und in Rinteln wurden drei vorläufig beschlagnahmte Stücke der St.-Nikolai-Kirche sofort nach dem Abhängen unterm Glockenstuhl kurz und klein geschlagen, weil man sie sonst nur schwer vom Turm herunter gekriegt hätte.

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Die älteste, mit geheimnisvollen Symbolzeichnungen geschmückte Schaumburger Glocke gehört heute zu den Attraktionen des westfälischen Glockenmuseums in Gescher. Quelle: Glockenmuseum

Noch verlustreicher als zur Kaiserzeit ging es bei der knapp 25 Jahre später von den NS-Behörden angeordneten „Säuberungsaktion“ zu. Bei der Durchforstung der Bestände müssten auch und vor allem die im Ersten Weltkrieg nicht angetasteten Glocken überprüft werden, war in der am 15. März 1940 abgesetzten Verordnung zu lesen. „Lediglich das Alter einer Glocke, ohne dass sie besonders Bemerkenswertes aufweist, kann nicht mehr die Zubilligung dauernder Erhaltung rechtfertigen“.

Die Folge: Neben den mittlerweile von vielen Gemeinden neu angeschafften Ersatzglocken wurde auch ein großer Teil der 1917 verschont gebliebenen Stücke requiriert. Um Ausbau und Abtransport hatten sich die örtlichen Handwerker zu kümmern. Nach einer im Staatsarchiv Bückeburg aufbewahrten Aktennotiz sammelten die Betriebe der Kreishandwerkerschaft Rinteln allein im April und Mai 1942 in der Grafschaft Schaumburg 55 Glocken ein, darunter auch vier als „kulturhistorisch besonders wertvoll“ eingestufte Exemplare. Die meisten landeten, genauso wie das Gros der andernorts beschlagnahmten Stücke, in Hamburg. Im Freihafen der Hansestadt war ein zentrales Sammellager eingerichtet worden. Schon bald türmte sich auf dem „Glockenfriedhof“ ein riesiger, auf 90 000 Stück geschätzter Instrumentenberg.

1947 ging man unter Aufsicht der Alliierten daran, die mehr als 10 000 heil gebliebenen Güsse in ihre Heimatorte zurückzuschaffen. Im heutigen Bückeburger Ortsteil Meinsen mochte man nicht so lange warten. Sofort nach Kriegsende machten sich Bauer Ernst Ovesiek und Pastorensohn Herbert Lessing mit einem Lastwagen in Richtung Elbe und Alster auf den Weg, um die 1942 aus dem Dorf abtransportierte Hauptglocke nach Hause zu holen. Die beiden jungen Männer wurden von der englischen Wachmannschaft barsch zurückgewiesen. Die erhoffte Wiedersehensparty im Dorf musste verschoben werden. Einige Monate später kehrte das aus dem Jahre 1710 stammende örtliche Wahrzeichen per Schiff auf dem Mittellandkanal zurück.

Auch anderen Kirchengemeinden war – mehr oder weniger – Glück im Unglück beschieden. Die Stadthäger St. Martini-Kirche bekam mit der 1511 gegossenen Glocke „Anna“ zumindest ein Viertel ihres einst prachtvollen Geläuts zurück. Gleich zwei Freudenfeste konnten die Christen im heutigen Rintelner Ortsteil Hohenrode feiern. Nach der Heimkehr der 1717 von dem Mindener Meister Voigt hergestellten Glocke nach dem Ersten Weltkrieg kam 1947 auch die älteste, 1567 gegossene und 1942 beschlagnahmte Glocke zurück.

Anfang der 1950er Jahre wurden auch die aus den von der Wehrmacht eroberten Gebieten stammenden und noch in Hamburg liegenden Glocken verteilt. Da die neuen kommunistischen Machthaber jenseits des eisernen Vorhangs weder an christlicher Symbolik noch an Relikten aus der Zeit der vertriebenen deutschen Bevölkerung interessiert waren, gingen die Instrumente als „Leihglocken“ an „bedürftige“ westdeutsche Kirchengemeinden. So läuten heute in der Bückeburger St.-Marien-Kirche zwei kostbare Stücke aus Schlesien.

Nicht nur wegen der dramatischen Vorgänge während des 20. Jahrhunderts dürfte das Glocken-Thema zu den spannendsten, noch weitgehend unentdeckten Kapiteln der heimischen Kultur- und Denkmalgeschichte gehören. Das gilt auch für Herkunft und Schicksal des ältesten, vor mehr als 800 Jahren in der St.-Cosmas- und St.-Damian-Kirche im heutigen Bückeburger Ortsteil Petzen aufgehängten heimischen Instruments. Es musste seinen Platz nicht aufgrund von Gewalt und Kriegswirren verlassen, sondern wurde 1980 an das Glockenmuseum der münsterländischen Stadt Gescher verkauft. Im Gegenzug bekam die Gemeinde ein neu gegossenes Stück. Eine der im Petzer Kirchturm verbliebenen Glocken trägt die Inschrift: „Jost Heinrich Kohler, Kassel, gos mich nach Becen (Petzen) gehorig. Ich bin eine Stimme zu ruffen alle die Gott lieben“.

So sah es nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem

„Glockenfriedhof“ im Hamburger Freihafen aus.



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