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Flora und Fauna verändern sich auch im Landkreis Schaumburg stark

Eingeschleppt und eingewandert

Die Gefleckte Weinbergschnecke ist kleiner und stärker gezeichnet als die heimische Weinbergschnecke. Die buntere Art ist im Mittelmeerraum verbreitet. Sie besitzt im Gegensatz zu den größeren Verwandten keinen Kalkdeckel, mit dem sie sich in ihrem Winterquartier gegen Kälte schützen kann. Deshalb musste die Art bisher meist die Ausflüge als eingeschleppte Mitreisende in Obstkisten in den Norden nach der Entlassung in die Freiheit mit dem Leben bezahlen. Die Art ist nach dem Tiererfassungsprogramm des Naturschutzbundes Deutschland bisher nur wenige Male im Norden nachgewiesen worden. Im 19. Jahrhundert in Bremen und im 20. Jahrhundert in Hildesheim, bis sie im April 2008 in Bergen bei Celle wieder identifiziert wurde. Damals vermutete der Nabu-Schneckenexperte Walter Wimmer, dass die Art zu den Gewinnern des Klimawandels gehören könne.

veröffentlicht am 22.09.2014 um 00:00 Uhr

Nun sind einige Exemplare der Gefleckten Weinbergschnecke kürzlich auch in den alten Gärten rund um die ehemalige Bahntrasse in Hagenburg entdeckt worden. Florian Brandes, Leiter der Wildtier- und Artenschutzstation in Sachsenhagen, sieht die Entdeckung mit Argwohn. Mit Blick darauf, dass speziell die Gefleckte Weinbergschnecke in manchen Gegenden gemästet und zum Verspeisen gezüchtet wird, reagiert er zurückhaltend und mit ein wenig Ironie: „Meinetwegen könnte sie auch gegessen werden.“ Für Brandes gehört die eingeschleppte Art nicht in diesen Lebensraum, er mildert seine Aussage jedoch gleich wieder ab: „Für mich hat jedes Tier seine Lebensberechtigung. Allerdings möchte ich so etwas wie Neozoden nicht unbedingt noch vermehrt bei uns in der Natur sehen.“ Unter Neozoden sind Tiere zu verstehen, die absichtlich oder unabsichtlich in die Natur eingebracht worden sind.

Schnecken-Experte Wimmer weist darauf hin, dass die Gefleckte Weinbergschnecke inzwischen häufiger in Norddeutschland und den Ostfriesischen Inseln vorkomme, und setzt hinzu: „Sie kann kalte Winter überleben.“

Für weitaus bedeutender als die mögliche Verbreitung von Weinbergschnecken, die in Gärten nur wenig bis gar keinen Schaden anrichten, hält er die Invasion der Spanischen Wegschnecken, die nach neuesten Erkenntnissen nicht aus Spanien stammen. Diese Tiere haben sich aus Sicht der Gärtner zur Plage entwickelt und die „Rote Wegschnecke“ verdrängt. „Sie hat sich invasiv vermehrt“, sagt Brandes.

Der Waschbär ist 1934 von Förstern am Edersee ausgesetzt worden, die Pelze waren interessant. Von dort aus hat er sich über Deutschland verbreitet: „Den werden wir hier nicht mehr los“, meint Brandes. Das Tier – „kein großer Jäger, sondern ein Sammler“ – sei auch schwierig zu bejagen, weil es scheu und nachtaktiv sei. Da der Waschbär gut klettern könne, räume er auch Gelege von Vögeln aus. Thomas Brandt, der wissenschaftliche Leiter der Ökologischen Schutzstation in Winzlar, kann von einem nachgewiesenen Fall berichten, dass ein Waschbär ein Seeadlergelege ausgehoben hat. Brandes vermutet, dass künftig möglicherweise „waschbärsichere Mülltonnen“ eingeführt werden müssten. Auch der Marderhund hat sich inzwischen – ursprünglich aus Richtung Osten kommend – im Schaumburger Land angesiedelt.

Bei den Reptilien bekommt die Wildtierstation viele Exoten wie Schmuckschildkröten, die, so Brandes, „mehr schlecht als recht“ in Teichen leben. Nicht so sehr der Winter sei das Problem, sagt Brandes, sondern das wechselnde Wetter im Frühjahr. Ein wenig Sorge hat Brandes bei der Schnappschildkröte, die auch in Kanada heimisch sei und hier in der Natur durchaus überleben könne, „wenn sich zwei Tiere finden und Eier legen“.

Invasiv ausgebreitet hat sich der Mink, der Amerikanische Nerz, der vor Jahren von Pelzgegnern aus Zuchtfarmen befreit wurde. Der einheimische Europäische Nerz war zuvor nahezu ausgerottet worden. Die Wildtierstation in Sachsenhagen zieht Europäische Nerze für ein Wiederansiedlungsprojekt am Steinhuder Meer. „Der Mink-Rüde kann die Fähe des Europäischen Nerzes decken“, sagt Brandes. Daraus entsteht kein Nachwuchs, aber das Weibchen ist für die Fortpflanzung in diesem Jahr verloren. Als Konkurrent um Nester und Nahrung sei der Mink gegenüber dem Einheimischen Nerz etwas größer und stärker.

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz gelten die Arten als heimisch, weil sie sich hier über mehrere Generationen vermehrt haben. Diese Definition hält Brandes für „Quatsch“. So würden Waschbär oder auch die Nilgans, für die diese Definition zutrifft, zwar aufgenommen und weitervermittelt, aber nicht wieder ausgewildert. Selbst eine Wollhandkrabbe hat schon Obdach in der Station gefunden. Wollhandkrabben sind Anfang des 20. Jahrhunderts in den Wassertanks von Frachtschiffen aus China nach Europa gefahren und haben sich sofort aggressiv vermehrt und immense Schäden an Deichen und in Fischernetzen angerichtet. Genau wie auch die Bisamratte eingeschleppt wurde, die sich an Deichen und Uferbefestigungen zu schaffen macht, und „richtig Geld kostet“, wie Brandt meint.

Bei den Pflanzen hat der Riesenbärenklau immer wieder Schlagzeilen gemacht, aber auch das Indische Springkraut hat sich zur Bedrohung für die heimische Flora entwickelt. „Wir haben hier Probleme mit der Kartoffelrose“, berichtet Brandt aus dem Naturschutzgebiet „Meerbruch“ – in den Moorgebieten macht nach seinen Angaben die Traubenkirsche den anderen Pflanzen zu schaffen.

Nicht anders ist die Situation im Bereich der Insekten, viele neue Arten haben sich inzwischen dazugesellt, einige davon „eingenischt“, das heißt, sie haben ihre Nische gefunden, ohne einheimische Arten zu verdrängen.

„Wann habe ich denn zuletzt einen Zweipunkt-Marienkäfer gesehen?“ fragt sich Brandes. Überall gebe es nur noch die Asiatischen Marienkäfer, die zunächst in Belgien zur Blattlausbekämpfung eingesetzt wurden, weil sie ein besserer Jäger sind als ihre europäischen Kollegen, deren Larven sie außerdem noch fressen.

Aus dem Steinhuder Meer meldet Brandt das Vorkommen von „Blaubandberblingen“, die Gartenteichbesitzer dort eingesetzt hätten. Zudem verdränge der Giebel – Stammform des Goldfisches – die Karausche. Eine Definitionsfrage sei gegenwärtig der im Steinhuder Meer zu beobachtende, extreme Rückgang von Zandern. Diese Fischart sei erst vor rund 100 Jahren im Steinhuder Meer ausgesetzt worden.

In warmen Sommern wird auch vermehrt das Taubenschwänzchen, eine Schmetterlingsart, deren Flugverhalten einem Kolibri ähnelt, im Landkreis Schaumburg beobachtet. Es handelt sich dabei offenbar um Falterschübe aus dem Süden. Ob sie bereits erfolgreich überwintern können, ist nicht bekannt.jpw

Asiatische Marienkäfer, Chinesische Wollhandkrabben, Marderhunde, Waschbären, Minke, Riesenbärenklau, Kartoffelrose, das sind nur einige Beispiele für tierische und pflanzliche Einwanderer in den Landkreis Schaumburg. Etwa 320 gebietsfremde Tierarten und 430 gebietsfremde Pflanzenarten leben nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz in Deutschland, viele davon auch in diesen Breiten.



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