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„Herzlich willkommen“: ein Gastgeber-Debüt bei der „Offenen Pforte“

Eingepflanzte Glückseligkeit

Obernkirchen. Der erste Gast, der den Garten Brockmann besichtigen möchte, muss abgewiesen werden: Er ist gehbehindert und rollt mit einem Elektromobil vor das Eingangstor; die hohen Stufen sind eine Hürde, die er nicht überklimmen kann.

veröffentlicht am 30.06.2015 um 00:00 Uhr

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Aber an behindertengerechte Eingänge, an das Recht auf Teilhabe für Behinderte, wurde noch nicht gedacht, als einst der Bürgergarten angelegt wurde.

Und ich selbst hätte auch niemals gedacht, dass ich an diesem Tage mit zwei weiteren Ehrenamtlichen in sechs Stunden rund 150 Gäste begrüßen darf: Herzlich willkommen.

Aber seit dem letzten Jahr gibt es in der Bergstadt ein Obernkirchen-Projekt, es nennt sich „strull-und-schluke“ und wird von Arne Boecker betrieben. Er will nicht nur mit den Mediengestaltern von morgen schicke und hippe Filme über das Leben rund um Obernkirchen drehen (um nur ein Beispiel zu nennen), sondern auch etablierte Kulturleistungen den kommenden Generationen ein bisschen schmackhafter machen: Wandern etwa, oder eben die Mitarbeit im Garten Brockmann. Und so vollzieht sich zurzeit ein langsamer Wandel: Die erste Generation der Gartenfreunde Brockmann, die seit 2003 diesen Bürgergarten freigelegt und in vielen Bereich neu gestaltet hat, wird nach unfassbar vielen ehrenamtlichen Stunden bei den Aufgaben, beim Pflegen, Pflanzen, Zupfen und Wässern, von den Mitmachern des Obernkirchen-Projektes unterstützt.

4 Bilder

Minze ist der

Usain Bolt unter den Pflanzen

Meine gärtnerischen Kenntnisse sind begrenzt. Ein bisschen habe ich gelernt: Der Mangold etwa kommt meistens nicht so gut wie erhofft, die meisten Kirschen munden auch den Vögeln, Minze überwuchert alles, und zwar in Rekordzeit, es ist Usain Bolt unter den Pflanzen, und das Fleißige Lieschen wird in der Sonne eher faul.

Aber wer zwei Jahrzehnte im Garten mit dem Prinzip von Versuch und Irrtum hinter sich gebracht hat, dem wird jeder Nachbar sofort einen grünen Daumen nachsagen.

Gärtnern verschafft ein gutes Gefühl, bei den Wochenendeinsätzen im Garten Brockmann wühle ich mit Wonne in der Erde, weil ich dort hautnah erlebe, dass ich etwas schaffe. Oder mit dem Löwenzahn 300 Mal etwas entsorge. Gärtnern befreit den Kopf, schließlich verfügt nicht jeder über die notwendigen finanziellen Mittel, um bei jeder beruflichen Krise alles hinzuwerfen und eine neue Existenz aufzubauen, als selbstständiger Möbeldesigner oder als Yoga-Lehrer etwa. Aber gärtnern, etwas anpflanzen, das ist immer drin. Und deshalb stehe ich jetzt im Garten Brockmann und begrüße die Besucher: Herzlich willkommen.

Im Vorfeld, das will ich gern gestehen, hatte ich richtig Bammel. Ich kenne kaum Pflanzen, von den lateinischen Namen wollen wir gänzlich schweigen, aber das alles interessiert die Besucher nicht, nicht einen einzigen. Die Menschen wollen reden und wollen hören, wie es uns mit „unserem“ Garten ergangen ist, sie wollen von ihren grünen Idyllen erzählen, man ist unter sich und über nichts lässt sich unter dieser Sonne leichter parlieren als über schöne und spannende Gartenerlebnisse. Und selbst wenn ich auf nicht so schöne Dinge angesprochen werde, so schwingt keinerlei Häme mit, ganz im Gegenteil: Im Garten Brockmann sind einige Teile der Buchsbaumhecke befallen, und wenn ich darauf angesprochen werde, dann kommt immer noch ein weiterer Satz, nämlich dieser: „Bei uns auch, bei uns auch.“ Viele Besucher, so lerne ich an diesem Nachmittag, machen sich schon Gedanken, vor allem der berüchtigte Buchsbaumzünsler kommt oft zur Sprache, denn bei starkem Befall können Buchsbäume durchaus absterben – und das wäre in einem Garten Brockmann, der durch Buchsbaumhecken seine Struktur erhalten hat, eine mittlere Katastrophe. Leider ist es schwierig, den Befall im ersten Stadium zu erkennen. Meistens beginnt es an den unteren Ästen des Buchsbaums. Die Schäden sind gering und normalerweise erst bei genauer Betrachtung festzustellen. Bei fortschreitendem Befall wird auch das Innere der Pflanze befallen, wodurch auch hier Schäden entstehen. Dazu kommt: Der Schädling stammt aus Ostasien und durch seine Stellung als Einwanderer fehlen in Deutschland natürliche Fressfeinde. Nicht wenige Vögel, die die Raupen gefressen haben, würgen sie gleich wieder aus.

Viele der Besucher sind schon im Rentenalter, aber es gibt auch Gruppen, bei denen mein Herz aufgeht. Eine Großmutter ist mit ihren Kindern, den Enkelkindern und einem Urenkel zu Besuch, der Garten eint über Generationen hinweg, wie schön. Und sie muss ja auch weitergegeben werden, diese Liebe zu den eingepflanzten Glücksgefühlen: Wer einmal erlebt hat, wie Stadtkinder mit Schnappatmung Kartoffeln auf einem Acker auflesen, die die Erntemaschine übersehen hat, der begreift, dass wir nur schützen könne, was man zuvor auch kennengelernt hat.

Gärtnern beglückt natürlich nicht nur die Menschenseele, sonder auch die Industrie: Die Zahlen finden sich im Internet schnell, fast 15 Milliarden setzt die Branche um, so viel geben die Deutschen jährlich für Grünzeug und Garten aus. Die einschlägigen Illustrierten fluten seit Jahr und Tag den Markt, und jedes noch so unbekannte Gemüse erhält seine Fotostrecken, immer mit dem Hinweis auf „unser unterschätztes Gemüse“.

Im Garten Brockmann ist es wie in jedem anderen Garten auch: Es gibt Baustellen. Etwa hinter einem der drei Pavillons, wo sich seit Jahren kein Spaten mehr hingetraut hat, oder im Eingangsbereich, wo Moos und Efeu gnädig große Steinsammelplätze verdecken. Wäre Gärtnermeister Gerd Kirchner in diesem Moment in diesem Garten, dann könnte er einen langen Vortrag darüber halten, dass gerade der Eingangsbereich immer auch eine Visitenkarte darstellt, die dem Besucher vor allem ein Gefühl vermitteln soll: Er ist hier willkommen. Von diesem Gefühl ist der Eingangsbereich ähnlich weit entfernt wie Schalke 04 und der HSV von der nächsten deutschen Fußballmeisterschaft. Fehlende Toiletten sind ein weiteres Thema im Garten Brockmann. Denn auch wenn der Garten denkmalgeschützt ist, so findet sich in seinen Mauern nicht der heilige Gral der Gartenkultur: Vieles, was dort wächst und gedeiht, findet sich in vielen anderen Gärten wieder, etwas die Akelei oder der Sommersporn, der Mohn und die Taglilien.

Aber auf eine Brockmann- Pflanze werde ich immer wieder angesprochen; immer wieder wird nachgefragt, was das denn für eine Pflanze sei, die mit ihren kräftigen, aufrechten, kaum verzweigten Stängeln und den in Etagen übereinander aufgereihten Blütenquirlen so ein schönes dauerhaftes vertikales Element in sonnigen Staudenpflanzungen bildet: Es ist das Brandkraut, für das die Gartenfreunde einst sehr schöne und vor allem markante Pflanzplätze ausgesucht haben. Die Lippenblüten mit weißem Bart, von denen bis zu 40 Stück in einem Quirl stehen, erscheinen im Frühsommer und halten sich über Wochen.

Das Brandkraut ist

die Eisblume der Moderne

Indes, damit hat sich der Lebenszweck der attraktiven Staude noch nicht erfüllt. Denn werden nach der Blüte die welken Blätter entfernt, bleiben runde, knubbelige, braune Samenkapseln an steif aufrechten Stielen zurück. In ihrer strengen, grafischen Wirkung stellen sie ein schmückendes Element bis weit in den Winter hinein dar. Glitzernd mit Raureif überzogen erwachen sie zu neuem Leben – und vermitteln eine überraschend neue Interpretation einer „Eisblume“. Es wird der Satz werden, den ich an diesem Nachmittag am meisten sage: „Das ist das Brandkraut.“

Nach sechs Stunden verlässt der letzte Besucher den Garten, ich habe meine Premiere überstanden. Ich fühle mich ein bisschen euphorisiert, so schön habe ich mir die Teilnahme an der Offenen Pforte nicht vorgestellt. Oder wie es bei Ebay immer heißt: gerne wieder.

Denn die gute Nachricht ist diese: Ein Garten ist niemals fertig.

Niemals.

Premiere bei der Offenen Pforte im gelben Pasvalys-Shirt: Frank Westermann (l.) erklärt zwei Auetalern das mittlere Beet im Garten, und die Presse möchte ein paar Handbewegungen sehen – das gibt Dynamik im Bild. Auf dem Bild unten legt Jutta Meves letzte Hand an die Rosen, die restlichen Bilder entstanden nebenbei bei der Arbeit im Garten Brockmann. Unten rechts ist das Brandkraut zu sehen.

wk (2)/rnk (3)



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