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Einfach abreißen?

Deutschland steigt aus der Atomkraft aus, wieder einmal. Das AKW Grohnde soll nun Ende 2021 vom Netz. Wenn im ganzen Land die Meiler abgeschaltet werden, beginnt das unendlich mühevolle und teure Nachspiel des Atomzeitalters. Ein Baustellenbericht aus Würgassen.

veröffentlicht am 28.07.2011 um 00:00 Uhr

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Die Straße „Zum Kernkraftwerk“ ist eine Sackgasse. Die markanten Kühltürme fehlen zwar, aber der Straßenname lässt keinen Zweifel: Hier geht’s zum Atomkraftwerk im Weserstädtchen Beverungen im Kreis Höxter, Ortsteil Würgassen. Hinweisschilder sucht man im Ort weitgehend vergeblich. Vielleicht, weil das Kraftwerk seit 1997 abgerissen wird.

Gebaut wurde das Kraftwerk innerhalb von vier Jahren, der Rückbau dauert jetzt schon 14 Jahre. Wer heute, nach so langer Zeit, mehr erwartet hatte, wird enttäuscht: Wie seit 40 Jahren ragt der Reaktor des Energiekonzerns e.on auf der Wiese an der Weser 60 Meter hoch in den Himmel. Auf den ersten Blick wirkt der Titel der e.on-Broschüre „Vom Kernkraftwerk zur ,Grünen Wiese‘ “ geprahlt.

In gut einem Jahrzehnt soll nach dem Willen der Bundesregierung auch der letzte der gegenwärtig 17 Atommeiler in Deutschland abgeschaltet sein. Doch mit dem Abschalten geht die Arbeit erst los. Und die wird teuer. Bundesweit sind derzeit 16 Atomanlagen im Rückbau. Der Bund hat schon mehr als fünf Milliarden Euro für den Abriss seiner Anlagen ausgegeben, bis 2035 dürfte mindestens noch mal die gleiche Summe dazukommen.

Eine Absperrung im ehemaligen Maschinenhaus des Kernkraftwerks Würgassen. Fast 500 Menschen arbeiten am Rückbau der Anlage. Foto: dpa

Allein die Rückstellungen der Atomkonzerne unter anderem für den Rückbau ihrer AKW betrugen Ende 2010 knapp 28,7 Milliarden Euro Euro. Diese sind steuerfrei und waren auf den Strompreis umgelegt worden. e.on ist Eigner von sechs Atommeilern – auch von dem in Grohnde. Außerdem müssen die Arbeiten an den bereits seit Längerem stillgelegten Kraftwerken Stade und Würgassen finanziert werden. Der Konzern hält für Stilllegung, Abbruch und Endlagerung 12,2 Milliarden Euro bereit. „Wir gehen derzeit davon aus, dass wir damit klarkommen“, sagt e.on-Sprecher Christian Drepper. Allein für Würgassen ist eine Milliarde Euro eingeplant. Der Rückbau von Siedewasserreaktoren wie Würgassen ist besonders teuer. Der radioaktiv problematische Kontrollbereich ist nämlich doppelt so groß wie der eines Druckwasserreaktors wie in Grohnde. Die Baukosten für das Kraftwerk an der Weser lagen damals bei umgerechnet 200 Millionen Euro.

Den Vergleich findet Peter Klimmek unfair. Denn heutzutage koste auch der Bau eines Atomkraftwerks Milliarden. Klimmek ist Pressereferent für das Kernkraftwerk Würgassen. An einem seiner Bücherregale lehnt ein Bilderrahmen mit einem bedruckten Stück Stoff. Anfang Dezember 2010 war eine Delegation des japanischen Energiekonzerns Tepco in Würgassen. „Es ist ein Gruß aus Fukushima“, sagt Klimmek. Nach dieser Begegnung sei ihm die Katastrophe in Japan besonders nahe gegangen. Eigentlich wollte der bekennende Atomkraftanhänger Klimmek beim Ausbau dieser Technik dabei sein, als er nach dem Elektrotechnik-Studium hier anheuerte. Nun wickelt der 62-Jährige sie ab.

Das Aus für Würgassen kam überraschend. „Damals wollten wir das Kraftwerk für die nächsten 20 Jahre fit machen“, sagt Klimmek und es klingt wehmütig. Damals, das war 1994, wurden bei der Überprüfung Haarrisse im Reaktormantel gefunden, also in der Hülle, die die Brennelemente umschließt. Ein Austausch hätte Unsummen gekostet. „Außerdem hätte die Anlage bis zu zwei Jahre still gestanden“, sagt Klimmek. Also wurde das bundesweit erste rein kommerziell genutzte Kernkraftwerk 1995 abgeschaltet, zwei Jahre später offiziell stillgelegt – aus wirtschaftlichen Gründen.

Beverungens Bürgermeister Christian Haase (CDU) sieht die Abwicklung des Meilers mit gemischten Gefühlen. Mehrere Millionen Euro hat das Kraftwerk an Gewerbesteuern zuverlässig in den städtischen Haushalt gespült. Der Etat der Stadt mit ihren 14 500 Einwohnern liegt bei 20 Millionen Euro. „Dazu kamen jährlich mindestens zwei Millionen Euro an Aufträgen für die regionale Wirtschaft und damit verbunden die Kaufkraft in der Region“, sagt Haase. „Von dem Einschnitt haben wir uns noch nicht erholt.“ Zwischenzeitlich gab es Investoren, die ein Gaskraftwerk bauen und die vorhandene Technik zur Einspeisung des Stroms nutzen wollten. Dieser Plan sei aber nach dem – inzwischen kassierten – Beschluss der Bundesregierung zur Verlängerung der Atomlaufzeiten geplatzt.

Würgassen war seit dem Bau 1971 insgesamt 130 000 Stunden in Betrieb und erzeugte fast 73 Milliarden Kilowattstunden Strom, ist im Nachruf zur Lebensleistung des Kraftwerks nachzulesen. Ein Vorteil der resoluten Entscheidung war, dass die hoch radioaktiven Brennstäbe damals noch unverzüglich in die französische Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gebracht werden konnten. Heute ginge das nicht mehr.

„Ohne die Brennelemente hat hier die Radioaktivität im Vergleich zum aktiven Betrieb um 99,9 Prozent abgenommen“, versichert Klimmek fast beruhigend auf dem kurzen Fußweg von seinem Büro zum Reaktorgebäude. Wahrscheinlich weiß er schon aus langer Erfahrung, welche Gefühle der mit Wellblech verkleidete Koloss bei Besuchern auslöst.

Innen ein trostloses Treppenhaus, ein muffiger Fahrstuhl, verlassene Gänge. Aus den Wänden ragen gekappte Kabelbündel. „Das ist hier zunehmend eine Ansammlung leerer Räume“, sagt Klimmek fast entschuldigend. In 14 Metern Höhe liegt der fensterlose Kontrollraum, die Kraftwerkswarte. „Früher war hier die ganze Wand voller Bildschirme und Messgeräte“, erzählt der Pressereferent wehmütig. Heute sind es nur noch einige wenige Bildschirme, etwa zur Kontrolle von Heizung und Lüftung. An den Wänden hängen vergilbte Bilder aus besseren Zeiten. Teile des Reaktorgebäudes und des angeschlossenen Maschinenhauses gehören zum sogenannten Kontrollbereich, hier gelten besondere Vorsichtsregeln. „Hier darf nicht getrunken, gegessen, geraucht oder Kaugummi gekaut werden“, mahnt Klimmek. Auch Toiletten gibt es nicht. Es gehe nicht um radioaktive Strahlung, erklärt er, vielmehr um radioaktive Teilchen. „Die sollen nicht in den Körper oder nach draußen gelangen.“ Darum muss jeder Arbeiter, jeder Ingenieur, aber auch jeder Pressesprecher und jeder Journalist den Sicherheitsbereich in Unterhose betreten. Hinter der Sperre wird jeder neu eingekleidet: Unterwäsche, Schuhe, Socken, Overall und Helm, dazu ein Dosimeter, das die mögliche Strahlungsdosis misst.

Als die Gruppe eben an dem 20 Meter hohen Reaktordruck-Behälter steht, heulen die Sirenen los. „Probealarm“, ruft Klimmek und wartet dann das Ende des Sirenentons ab. Das Innere des Behälters ist extra abgesperrt „Zugang verboten, Alpha-Bereich“. Dafür sei zusätzliche Schutzkleidung notwendig. Immer noch laufen hier die Zerlegearbeiten.

In dem ehemals 340 Tonnen schweren Behälter war früher das Herz des Siedewasserreaktors. Millimeter für Millimeter wurde der 17 Zentimeter dicke Stahl mit einem dünnen, mit Schneidsand versetzten Wasserstrahl und 2000 bar Druck in Hunderte Stücke geschnitten. Das alles geschah unter Wasser. Für den bis zu 43 Zentimeter dicken Flansch, auf dem der Reaktordeckel saß, wurde eine eigens konstruierte Bandsäge eingesetzt.

Modernste Technik für heikle Arbeiten trifft hier auf Boten aus der Vergangenheit: Auf Tischchen stehen verstaubte beige-braune Telefonapparate aus den 80er Jahren. In einer Ecke hängt ein roter Rettungsring. „Der hing früher an dem 13 Meter tiefen Wasserbecken mit den Brennelementen“, sagt Klimmek.

Die spektakulärsten Arbeiten sind erledigt. Aber weiterhin geht jedes Betonstück und jede Schraube den vorgeschriebenen Weg, erklärt Klimmek. Drehscheibe für die Millionen abgebauter Teile ist das ehemalige Maschinenhaus, 40 Meter breit und 85 Meter lang. Die riesige Turbine und die anderen Maschinen sind längst demontiert, zerlegt, verkauft. Nun lagern hier in zahllosen Gitterboxen handliche Teile, die gemessen und dekontaminiert, entgiftet werden müssen.

Je nachdem, wie das Testergebnis ausfällt, wird das Stück trocken oder nass dekontaminiert. Dafür wurden hier eigens Anlagen aufgebaut. Sie stehen als abgeschirmte Räume in der Maschinenhalle. Manche Fläche muss nur abgewaschen werden, andere werden mit Stahlkiesstrahlen, Hochdruckwasserstrahlen oder mit chemischen Lösungen behandelt. Die Teile werden zwischendurch immer wieder kontrolliert, im Amtsjargon: Kontrollmessung, Vormessung, Entscheidungsmessung, Überprüfungsmessung. Belastetes Material wird nochmals dekontaminiert. Stellt am Ende ein unabhängiger Gutachter fest, dass alles in Ordnung ist, empfiehlt er die Freigabe. Darüber muss dann das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf entscheiden. Ist die Freigabe uneingeschränkt, kann etwa der Schrottverwerter das Stück abholen. Eingeschränkte Freigabe heißt: Deponie.

Noch unspektakulärer, aber nicht weniger mühsam ist die Kontrolle der 640 Räume, insgesamt 140 000 Quadratmeter Wände, Böden und Decken. Viele Flächen sind schon übersät mit Strichen, Planquadraten und Notizen. Jeder Quadratzentimeter muss mit einer Art Geigerzähler von der Größe eines Taschenbuches sorgfältig „abgefahren“ werden. Der höchste Wert eines Planquadrats wird gekennzeichnet, eine Probe wird im Labor untersucht. Dann wird entschieden, ob die Oberfläche dort abgetragen werden muss. Unterm Strich arbeiten hier heute knapp 500 Menschen, fast genauso viele Menschen wie vor der Stilllegung. 1994 kamen allerdings nur 130 von Fremdfirmen, heute sind es 380. Ab 2013, wenn die Arbeit weitgehend getan ist, werden insgesamt nur noch 250 Menschen hier Arbeit finden.

Noch in diesem Jahr soll das Maschinenhaus weitgehend leer geräumt sein. Bis 2014 könnten alle Gebäude frei für den Abriss sein. Wären da nicht die beiden Zwischenlager.

Insgesamt müssen in Würgassen 424 000 Tonnen Masse abgebaut werden. Fast 96 Prozent der Masse werden freigegeben, knapp drei Prozent eingeschmolzen. Der Rest sind radioaktive Teile, etwa 5000 Tonnen. Sie werden in den symbolträchtigen gelben Fässern eingeschlossen. Rund 10 000 Fässer werden es am Ende sein. Eigentlich sollte der schwach- und mittelradioaktive Müll direkt in den Schacht Konrad in Salzgitter gebracht werden. Auf der letzten Seite der e.on-Broschüre zeigt ein Computerbild ein grünes Gelände. In der Mitte stehen etwas verloren die beiden Zwischenlager. Denn der Schacht Konrad wird voraussichtlich erst 2019 betriebsbereit sein.

Das Kraftwerk entlässt den Besucher nicht ohne Weiteres. Vor dem Umziehen stehen die Tests im Detektor. Die Kästen sehen aus wie die Passbildautomaten am Bahnhof. Die freundliche Frauenstimme gibt die Anweisungen, wie sich die Testperson hinstellen, wann sie sich drehen soll. „Vielen Dank, keine Kontamination“ heißt es am Ende. Das ist auch das Ziel der Abbrucharbeiten.



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