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Eine wie „Struppi“ gibt’s nie wieder

Den Tag, an dem meine journalistische Laufbahn bei der Dewezet begann, werde ich nie vergessen: Es war kurz vor der Morgenkonferenz, mir unbekannte Redakteure wuselten durcheinander, irgendwer kochte Kaffee. Ich fühlte mich hilflos, ratlos, unerfahren, überflüssig. Und dann kam sie: Eine schöne, kurvenreiche, junge Frau, die roten Haare zu einer Art Vogelnest drapiert, kniehohe Silberstiefel mit Plateausohle. Ich war eingeschüchtert. Fühlte mich angesichts dieser „Sex Bomb“ wie die letzte Landpomeranze. Und – wurde aufgenommen in eine große Familie, der ich bis heute angehöre. Nicht zuletzt dank „Struppi“, wie sie von Generationen von Redakteuren seit jeher genannt wird.

veröffentlicht am 22.10.2009 um 13:50 Uhr
aktualisiert am 23.10.2009 um 18:01 Uhr

Auch das ist Redaktionsarbeit: Heidrun Tanneck

Autor:

Christa Koch

Heidrun Tanneck, geborene Strupat, Herz und Seele dieser Redaktion, hat in den mittlerweile 42 Jahren ihrer Betriebszugehörigkeit unzählige Redakteure unter ihre Fittiche genommen. Hat Freud und Leid mit ihnen geteilt, war Kumpel und Kummerkasten, Sekretärin und Seelsorgerin, Freundin und Fachfrau. Dass es – bei allem Respekt vor möglichen Nachfolgerinnen – so eine Chefsekretärin nie mehr geben wird – darüber sind sich (selten genug) ausnahmsweise mal alle einig, wenn „Struppi“ zum Ende dieses Jahres in Altersteilzeit gehen wird und „ihre“ Redaktion endgültig verlässt.

Dabei war es anfangs nicht unbedingt der Lebenstraum von Heidrun Tanneck, der sie in jungen Jahren zur Dewezet führte. Nach Mittlerer Reife und Höherer Handelsschule wollte das einzige und behütete Kind eines Hamelner Bäckermeisters stattdessen Sprachen lernen, am besten in Hannover. Doch die Eltern sahen in der Tätigkeit bei der Heimatzeitung, in unmittelbarer Nähe ihres Betriebes in der Baustraße gelegen, den ersten Schritt in eine sichere Zukunft. Sprachen und sich die Welt ansehen – das könne sie auch später noch, meinten die besorgten Eltern.

So kam Heidrun Tanneck zur Dewezet, wo sie vom ersten Tag an in der Redaktion tätig war. Dabei muss der Tag ihrer Geburt, der 21. Oktober 1949, wohl ein Schicksalstag sein. Denn es war auch genau der Tag, an dem die Dewezet nach dem Krieg wieder erscheinen durfte – der 60. Geburtstag gilt so symbolhaft in diesem Monat für beide. Doch daran dachte die junge Frau seinerzeit sicher nicht, als sie ihre Tätigkeit aufnahm. Schön, aber schüchtern, so haben sie jene in Erinnerung, die sie aus dieser Zeit kennen. Und sie selbst sagt rückblickend: „Ich war immer furchtbar aufgeregt, wenn ich zum damaligen Chefredakteur Dr. Kurt Dammann zum Diktat musste.“ Der aber habe sie mit seiner ruhigen Art immer wieder ermuntert, sich den Aufgaben zu stellen. Und so wurde sie Schritt für Schritt sicherer in einem Metier, das für sie bis dato unbekannt war. Das mit den Sprachen erledigte sich dann auch schnell: Schon bald lernte sie ihren Mann Rolf kennen, die Geburt von Tochter Mirja und der Bau eines eigenen Hauses in Tündern machten aus der jungen Frau schnell eine treusorgende Ehefrau und Mutter, die in all den Berufsjahren ihre Familie – und zwar die richtige, die eigene – über alles gestellt hat und deren Glück mit der zweiten Tochter Lena Sophie komplettiert wurde.

So kennen sie Leser und Kollegen: Heidrun Tanneck, stets freundl
  • So kennen sie Leser und Kollegen: Heidrun Tanneck, stets freundlich und gut gelaunt.

Und nur dank dieses familiären Rückhalts ist es Heidrun Tanneck über all die Jahre gelungen, der Redaktion dieser Zeitung ein Gesicht zu geben. Viel kann sie erzählen, diese Chefsekretärin, die neben Dammann mit Wolfgang Thomas, Heinzfriedrich Müller, Dr. Hermann A. Griesser, Stefan Reineking und jetzt Julia Niemeyer insgesamt sechs Chefredakteure, nein, nicht verschlissen, sondern geradezu vorbildlich betreut und versorgt hat. Die so verschiedene Temperamente mehr oder weniger gelassen ertragen und dabei niemals, wirklich niemals das freundliche Wesen verloren hat, das ihr zu eigen ist.

Überhaupt Freundlichkeit: Sie ist die zweite Natur dieser phänomenalen Frau, die – von seltenen Modesünden der 70er Jahre mal abgesehen – immer perfekt aussieht und deshalb, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, vom unvergessenen Kreisredakteur Wilhelm Rosahl („-hl“) gern auch als die „Schutzgöttin der Textilindustrie“ bezeichnet wurde. Den aufgebrachten Leser, dessen Beschwerde sie nicht ernst nahm und den sie anschließend nicht besänftigen konnte – den gibt’s einfach nicht. Aussehen, Charme, Intelligenz und ein ungeheures Einfühlungsvermögen sind Attribute, die ihr dabei sicher geholfen haben.

Über all die Jahre hat sie sich übrigens ihre Schönheit bewahrt, und das mag auch daran liegen, dass sie, geboren im Sternzeichen der Waage, ein ausgleichendes und ausgeglichenes Gemüt hat. So leicht kann Heidrun Tanneck eben nichts erschüttern. Sie hat Spaß an ihrer Arbeit, hat ihn immer gehabt, auch wenn sie mit Wehmut auf die Jahre zurückblickt, als die Redaktion mehr als heute so etwas wie eine große Familie war. Wo einer für den anderen einstand, wo gemeinsam gefeiert wurde, manchmal bis in die frühen Morgenstunden. Wo Volontäre mithilfe des Geldes von Redakteuren – ob freiwillig oder nicht – über Weihnachten zu ihren Eltern geschickt wurden. Wobei die „Leihgabe“ selbstredend nie erstattet wurde.

„Es war einfach eine andere Zeit damals“, sagt sie wehmütig. Aber auch eine Zeit mit mehr Zeit. Heute, findet „Struppi“, hat sich die tägliche Arbeit in allen Bereichen so verdichtet, dass an manchen Tagen nicht mal mehr ein paar Minuten für persönliche Worte übrigbleiben.

Ach, sie könnte so viel erzählen, von früher eben. Aber es gehört auch zu den Tugenden dieser Chefsekretärin, dass sie äußerst verschwiegen ist. Höchstens mal Anekdoten zum Besten gibt über jene, die hier und heute keiner mehr kennt. Über den Redakteur etwa, der sich stets beim besten Herrenausstatter Hamelns einkleidete, allerdings auf Kosten von Günther Niemeyer sen. Und dessen direkter Weg dann von der Lokalredaktion in den Knast führte. Oder den Kollegen mit Ehefrau in Hannover, der hier in Hameln eine Werkswohnung bewohnte und sich dahin gewisse Damen kommen ließ. Und der, als er nicht den vereinbarten Liebeslohn zahlen wollte, dank der Stöckelschuhe der Dame so ernste Kopfverletzungen davontrug, dass er sich drei Tage lang im Klüt versteckte, bevor er seine fristlose Kündigung in Empfang nehmen konnte.

Wenn Heidrun Tanneck ihren 60. Geburtstag feiert und damit zugleich den Tag des Wiedererscheinens der Dewezet nach dem Krieg, dann ist das nicht nur für die – frei nach Ephrahim Kishon „beste Chefsekretärin aller Zeiten“ – ein denkwürdiger Tag. Auch für uns bedeutet das viel: viel Freude in der Rückschau, viel Wehmut in der Vorschau, weil sie uns Redakteure in rund zwei Monaten endgültig verlassen wird. Und sie wird dann vermutlich, ihrem trotz allem bescheidenen Naturell gemäß, sagen: „Ach Kinder, nun hört bloß auf!“

Gestern jährte sich zum 60. Mal der Tag, an dem die Dewezet wieder erscheinen durfte: Und: Just an jenem Tag wurde auch Heidrun Tanneck geboren, seit 42 Jahren die Seele der Redaktion.

Sechs Chefredakteure hat Heidrun Tanneck in diesen vier Jahrzehnten vorbildlich betreut und ist dabei immer locker geblieben

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