weather-image
11°
Chemiker entwickelt neues Verfahren / Produkte ohne Qualitätsverlust

„Eine Welt ohne Müll ist möglich“

Frankfurt. Diese Aussicht ist für viele verlockend: Eine Welt ohne Müll ist ohne Konsumverzicht möglich. Diese These vertritt zumindest der Umweltschützer Michael Braungart. Der Hamburger Chemiker hat ein Verfahren mitentwickelt, bei dem industriell hergestellte Produkte entweder vollständig biologisch abgebaut oder bei der Herstellung neuer Produkte wiederverwertet werden können. Der Textilhersteller Trigema verkauft bereits ein kompostierbares T-Shirt.

veröffentlicht am 27.01.2011 um 14:32 Uhr
aktualisiert am 28.01.2011 um 16:40 Uhr

Mülldeponien sind nach Ansicht des Chemikers Michael Braungart Auslaufmodelle.  Foto: Bilderbox

Autor:

Silvia M. Bergmann

„Die Natur kennt keine Abfälle, sie kennt nur Materialien in Kreisläufen. Die Natur liefert immer Stoffwechselprodukte, die für andere Lebewesen verwendbar sind“, erklärt der Dozent an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Die nach diesem Konzept entwickelten Produkte werden nicht „von der Wiege bis zur Bahre“, also bis zur Mülldeponie produziert, sondern „von der Wiege zur Wiege“. Auf Englisch heißt das dann „Cradle-to-Cradle“. Auf der von Braungarts Umweltinstitut EPEA mitorganisierten Messe „Cradle-to-Cradle“ in Berlin zeigen bis 16. März unter anderem das Chemieunternehmen AkzoNobel, der Elektronikkonzern Philips, Trigema und der Unterwäschehersteller Triumph Cradle-to-Cradle-Produkte.

Recycling führt oftmals zu Materialien in minderer Qualität. Diesen Qualitätsverlust will Braungart durchbrechen. Dazu müssten die Produkte so entwickelt werden, dass ihr zweites, drittes, viertes Leben schon bei der Erstproduktion eingeplant sei. Der Wissenschaftler unterteilt Materialien in zwei Gruppen: Die vollständig biologisch abbaubaren Materialien, die nach Verschleiß auf dem Komposthaufen landen, werden zu Pflanzennährstoff. Der zweite Kreislauf nimmt technische Materialien wie Autoreifen oder Schuhsohlen auf: Sie werden in ihre Einzelteile zerlegt und beispielsweise zu Sporthallenböden verarbeitet.

„Wenn die Politik entsprechende Richtlinien festlegen würde – etwa: ,In fünf Jahren muss Holz filterfrei verbrennbar sein‘ – würde es einen regelrechten Innovationsschub geben“, ist sich Braungart sicher. Umweltfreundliche Produkte könnten dann nach Herzenslust verbraucht werden, denn: Wer viel Gutes kauft und damit viel Gutes dem Nährstoffkreislauf zuführt, muss sich weder schlecht fühlen noch auf Konsum verzichten.

Braungarts Ansichten haben nicht nur Befürworter. Friedrich Schmidt-Bleek, Chemiker und Präsident des Umweltinstituts „Faktor 10“, kritisiert das Konzept. Schmidt-Bleek, ehemals Leiter des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie und bei der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) verantwortlich für das Chemikalienmanagement, sieht in „Cradle-to-Cradle“ ein weltfremdes Konzept: „Dies ist schon deshalb Unfug, weil es viele wertvolle Dinge gibt, die nach Braungarts Muster nicht konstruiert werden können.“ Es sei unmöglich, die Beschaffenheit und Funktionsweise natürlicher Stoffe ganz zu kopieren. Trigema stützt hingegen Braungarts Prinzip: Naturbelassene Textilien seien zwar aufwendiger und damit teurer, aber dennoch: Der Verbraucher nehme die 10 bis 15 Prozent teureren Produkte an.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt