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Kein Massenandrang, keine Lawinengefahr: Auf Schneeschuhen durch den Bayerischen Wald

Eine Wanderung über Richard Wagners Kopf

Wer mit einer Marathonläuferin loszieht, muss früh aufstehen. Um 5.15 Uhr hat Elke Hiebl bereits Schneeschuhe unter die Füße geschnallt, Brot und Tee im Rucksack verstaut und steht startbereit vor der Schareben-Hütte oberhalb von Bodenmais. Ihr Husky Seeley bellt und zerrt ungeduldig an der Leine.

veröffentlicht am 05.02.2010 um 13:21 Uhr

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Autor:

Monika Hippe

Noch ist es dunkel und der Himmel bedeckt. Minus fünf Grad. Windstille. Es geht durch einen dichten Wald stetig „oi“ – das heißt bergauf“, sagt Elke. Die gebürtige Bodenmaiserin atmet dabei so ruhig, als würde sie irgendwo auf einem Sofa liegen. Das kalte Licht der Halogen-Stirnlampen zeigt, wohin man tritt. Bei jedem Schritt kratzen die Eisenzacken unter den Schneeschuhen am nächtlich gefrorenen Untergrund. Manchmal hört es sich an, als würde man durch ein Meer aus zerbrochenem Porzellan laufen. 200 Meter höher lichtet sich der Wald. Im Tal wabert noch Morgennebel, während am Horizont langsam die Sonne hervorkommt.

Der Bayerische Wald ist wie gemacht fürs Schneeschuhwandern. Anders als in den Alpen, geht es nicht stundenlang keuchend bergauf und dann wieder kniebelastend für Stunden bergab. Man wandert nicht mit Hunderten Gleichgesinnten, sondern fast allein. Dabei geht es über sanfte, jungfräuliche Hügel – ganz ohne Lawinengefahr. Ein jeder so um die 1000 Meter hoch. Die Höhenmeter kann man auch auf andere Art erreichen: „Oi und oi“, meint Elke. Für einen Norddeutschen ist weder in Aussprache noch in Tonlage ein Unterschied zwischen den bayerischen Wörtern zu hören. „Man läuft die Berge rauf und runter“, erklärt sie lachend. Eine Tour vom Reitenberg zum Großen Arber führt über zwölf 1000 Meter hohe Gipfel. Wäre Elke allein unterwegs, würde sie die Strecke mit 30 Kilometern und 1800 Höhenmetern an einem Tag schaffen. Die zierliche 45-Jährige hat schon zehnmal an einem 100-Kilometer-Marathon teilgenommen.

Doch an diesem Tag geht es mit nur fünf Gipfeln zum Glück entspannter zu. Auf der Hochebene weht ein strammer Wind. In diesem Jahr hat sich die Landschaft bereits in einen riesigen Märchenwald verwandelt und die Bäume in dicke Wintermäntel verpackt, sodass sie aussehen wie Michelin-Männchen. Besonders auf dem Großen Arber entstehen fotogene Figuren – von den Bayern „Arbermandl“ genannt.

2 Bilder

Pause an der Chamer Hütte. An einer Bank kramt Elke Tee und Brote hervor. Seeley bettelt um Leckerlis. Vor der Hütte flattern die Reste einer vom Eisregen zerfetzten, blau-weißen Fahne im Wind und zeigen, wie rau das Wetter hier sein kann. Dafür gilt die Gegend als schneesicherstes Skigebiet in Deutschland. Meist kann man bis Mitte April ohne Beteiligung von Schneekanonen auf die Bretter. Am Langlaufzentrum Bretterschachten werden täglich rund 65 Kilometer gespurt. Eine Loipe führt direkt an der Chamer Hütte vorbei.

Ein Scooter brummt heran. Der Fahrer steigt ab und sammelt die Schilder ein, die am Rande einer Loipe noch vom letzten „Skadi-Loppet“ stecken. An Deutschlands zweitgrößtem Skilanglaufmarathon haben diesmal 2400 Sportler aus 23 Ländern teilgenommen. Außerdem findet am Großen Arber alle paar Jahre der alpine Skiweltcup der Damen statt. Bei der Siegerehrung erhält jeder Gewinner einen Pokal aus Bleikristall. Die Trophäen werden seit 1987 in der Bodenmaiser Glashütte gefertigt. Sie ist weltweit führend in der Pokalherstellung. Auch Franz Beckenbauer, Boris Becker und Arnold Schwarzenegger besitzen Pokale ganz aus Glas oder mit einer gläsernen Einfassung, die hier gestaltet und hergestellt wurden.

Nach einem strammen Marsch bergauf (oi) erreicht man den Gipfel des Großen Arbers. Hier thronen die runden Kuppeln einer Radarstation. Während des Kalten Krieges dienten sie als Spähposten.

Gleich hinter dem Berg verläuft die tschechische Grenze. Erkennbar ist das nicht, denn der Nationalpark Bayerischer Wald geht direkt in die tschechische Schwester Sumava über. Gemeinsam bilden sie das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas. Elke zeigt zur anderen Seite: „Da kann man Richard Wagner auf dem Kopf tanzen!“ In einen vorstehenden Fels hat die Natur das Profil des Komponisten gemeißelt: lange Nase, kantiges Kinn, auf seinem Haupt laufen ein paar Winterwanderer herum.

Der Abstieg vom sogenannten „Richard-Wagner-Kopf“ führt an den Rißlochfällen vorbei, den größten Wasserfällen im Bayerischen Wald. Das Gebiet wurde schon 1939 unter Naturschutz gestellt. Rechts vom Weg liegen Bäume wild übereinander, als wollte Gulliver Mikado mit ihnen spielen. Kapitale Stämme mit weißen Schneehauben hängen quer über dem Rissbach. Die Parkverwaltung entsorgt umgestürzte Bäume nur noch, wenn die Sicherheit auf den Wegen gefährdet ist. „Natur Natur sein lassen“, unter diesem Motto will sie einen echten „Ur-Wald“ entstehen lassen. Die ersten Häuser von Bodenmais tauchen auf – Zeit, die Schneeschuhe abzuschnallen. Aus einer Haustür grüßt ein Ehepaar. „17 Kilometer und 850 Höhenmetern?“, staunen sie. „War das nicht anstrengend?“ Ja doch! „Ach, gar nicht“, sagt Elke, sie könne die Tour gleich nochmal machen. Seeley hört das und zerrt an der Leine.

Weitere Informationen: Bodenmais Tourismus und Marketing GmbH, Bahnhofstraße 56, 94249 Bodenmais, Tel. 09924/778-135, www.bodenmais.de

Und die Höhenmeter? Kein Problem, es gibt sogar

eine „Zwölftausender“-Tour.

Fotos: Peukert



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