weather-image

Ein Blick in einst hierzulande geltende Jahreskalender

„Eine Tochter, in diesem Monat geboren, bekommt rohte Haare“

Ob Geschäftstermine, Familiengeburtstage, Müllabfuhr oder Urlaubsplanung – ohne Kalender geht es nicht. Es gebe „kein (anderes) Buch unter der Sonnen, dessen so viel Exemplaria verkaufft und alle Jahr wider erneuert werden“, stellte bereits vor 400 Jahren der große Johannes Kepler (1571-1630), Mitbegründer der modernen Naturwissenschaften, fest. Allerdings hat sich seither in puncto jahreszeitlicher Zeitrechnung und Übersicht einiges verändert. Die Terminplanung 2015 kommt ohne Papier und Bleistift aus. Die von unseren Altvorderen einst hoch geschätzten Übersichten mit Tipps für Haus, Hof, Garten und Gemüt haben ausgedient. Und statt kleiner, dicker Abreißkalender mit erbaulichen Tagessprüchen von Goethe, Lessing und Rilke hängen heutzutage digitale Kunstfotos an der Wand.

veröffentlicht am 03.01.2015 um 00:00 Uhr

270_008_7657839_fe_KalThomas_0301.jpg

Autor:

von wilhelm gerntrup

Die bereits von Kepler erwähnte Beliebtheit der Kalender hatte nicht nur mit den benutzerfreundlichen Tabellen, sondern auch und vor allem mit den immer umfangreicheren „Randnotizen“ zu tun. Neben der Einteilung „des Jahres nach Tagen, Wochen, Monathen und Festen“ seien „viele andere, im menschlichen Leben zu wissen nöthige Sachen angemercket“, heißt es in der mehrbändigen, erstmals im 18. Jahrhundert aufgelegten „Oekonomischen Encyklopädie“. Nach Darstellung des damals umfangreichsten deutschsprachigen Lexikons zählten zu diesen „zu wissen nöthige Sachen“ unter anderem „astronomische und astrologische Praktika und Muthmaßungen von des Jahres und der vier Zeiten, von der Planeten Auf- und Untergange, von Finsternissen, Seuchen und Krankheiten, von Frucht- und Unfruchtbarkeit“ sowie von „andern Zufällen, so nach dem natürlichen Lauf des Gestirns zu erwarten“.

Das Beste daran: die den Kalendarien beigefügten „Muthmaßungen“ waren nicht als komplizierte wissenschaftliche Abhandlungen, sondern als schlichte und für Jedermann verständliche Symbole dargestellt. Anders gesagt: Kalender waren die einzigen Schriftstücke, die auch Leute, die keine Schule besucht hatten, verstehen und „lesen“ konnten. Davon gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein eine ganze Menge. Kein Wunder, dass Kalender bis in die Neuzeit hinein – auch und vor allem in den heimischen Dörfern – der wichtigste und am weitesten verbreitete Lesestoff waren.

Über die Anfänge der auch „Almanach“ genannten Übersichten hierzulande ist wenig bekannt. Zu den ältesten, in Schaumburg genutzten Exemplaren dürfte eine tabellarische Darstellung des Jahres 1554 gehören. Sie stammte aus der Feder eines gewissen Simonis Heuringii Salicedensis Medicinarum Doctoris zu Speyr (Dr. med. Simon Heuring aus Speyer) und gehörte offenbar zur Archivalien-Sammlung der Ex-Universität Rinteln. Nach einem Aufsatz des Bibliothekars Dr. Rudolf Feige in den „Schaumburger Heimatblättern (Ausgabe 44/1932) wurde beziehungsweise wird das gute Stück heute in der Bücherei des Gymnasiums Ernestinum aufbewahrt. Der zweifarbige Druck vermittelt einen Einblick in die (schlichte) Vorstellungswelt unserer Vorfahren. Der Rat von Dr. Heuring für den Jahresauftakt-Monat lautete so: „Im Jenner (Januar) ist fast (Fasten) gesund. / Warm speyß (Speise) essen zu aller stund. / Auff warm baden hab du acht, / Meyd Erzney (Arznei), ob du auch magst“.

2 Bilder

Im Zuge des höfischen Absolutismus nahmen auch die Periodika immer „barockere“ Formen an. Vor allem die Berichte, Ratschläge und Tipps zu Seuchen, Krankheiten und „andern Zufällen, so nach dem Lauf des Gestirns zu erwarten“ schossen zunehmend üppig ins Kraut. Als besonders eindrucksvolles Beispiel darf der 1743 vom damaligen schaumburg-lippischen Landesherrn Albrecht Wolfgang (Regierungszeit 1728 bis 1748) ins Leben gerufene „Hochgräflich Schaumburgische Zeit-Staats und Geschicht-Calender“ gelten. Darin konnten die Untertanen unter anderem nachlesen, wann und wie sich Wind, Wetter und Temperaturen entwickeln würden und an welchen Tagen „gut Aderlassen“, „gut Schröpfen“, „gut Purgieren“ (Reinigen, Baden), „gut Jagen“, „gut Bauholzfällen“, „gut Kinder-Entwöhnen“ (Beenden der Stillzeit), gut Säen und Pflanzen sowie „gut Haarschneiden“ oder „bös Haarschneiden“ war.

„Das Purgiren soll nicht geschehen im Winter, auch nicht im Sommer, aber gar nicht in Hundstagen“, heißt es in der 1764er Ausgabe. „Am besten kann es geschehen im Frühling oder Herbst, sonderlich im May und im abnehmenden, niemals aber im zunehmenden Mond“. Eine Weibes-Person solle „in keiner andern Zeit purgiren als bey Abnehmung ihrer natürlichen Zeit, widrigenfals aber wird’s ihr schädlich sein“.

Auf besonderes Interesse dürften die Weissagungen zu Charakter und Schicksal der in den einzelnen Monaten geborenen Kinder gestoßen sein. Hinsichtlich der im Juni 1964 zur Welt kommenden Mädchen klang das so: „Eine Tochter, in diesem Monat geboren, bekommt rohte Haare und ein Grübchen am Kinn, ist voller Tücke und Falschheit, sonsten aber nicht heßlich, und wann ihr erster Mann stirbt, wird sie im Witwenstande nicht bleiben; sie kann, wenn sie sich schonet, den andern Mann überleben“. Und den im Dezember 1764, also vor exakt 250 Jahren geborenen Söhnen war laut Staatskalender der folgende Lebens- und Leidensweg vorbestimmt: „Ein Knabe, in diesem Monat geboren, wird von Natur venerisch, melancholisch, kalt, trukken, fruchtbar, weibisch, stark vom Leibe, groß und hübscher Augen, gemischter Coleur des Angesichts, langer Stirn, und bekomt gemeiniglich eine Habichtsnase“.

So viel Spökenkiekerei war Albrechts Sohn und Nachfolger Wilhelm (1748 bis 1777) irgendwann zu viel. Der von den Gedanken und Ideen der Aufklärung durchdrungene Potentat ließ den Kalender von Grund auf entrümpeln. Um die Durchführung kümmerte sich der kurz zuvor von der Universität Rinteln abgeworbene Mathematik- und Philosophie-Professor Thomas Abbt. Der junge, als Verfechter von Logik und Vernunft ausgewiesene Gelehrte fackelte nicht lange. Ab 1767 kamen inhaltlich komplett neu gestaltete Periodika auf den Markt. Er habe „alles dasjenige, was bisher zur Nahrung des Aberglaubens und zur Belästigung der Dummheit im Kalender abgedruckt“ worden sei, „herausgeworfen und durch gemeinnützige Stellen ersetzt“, ließ Abbt die überraschte Leserschaft wissen.

Das gelte auch für die Wettervorhersage. „Sollten etliche Personen die Anzeige der Witterung vermissen, so werden sie sämtlich ersuchet, anstatt in den Calender zu sehen, zum Fenster hinaus zu blicken. Man muß sich begnügen, zu wissen, daß es im November zuweylen schneit, daß es im Februar manchmal schon Staub gibt, gewöhnlich aber kalt ist, daß im Junius oder Julius der meiste Regen fällt und endlich manche Wetterregeln des Landmanns und Jägers sehr gut sind, weil sie auf längerer Erfahrung beruhen“.

Zu den ältesten hierzulande genutzten Kalendarien dürfte die von einem gewissen Dr. Simon Heuring aus Speyer zusammengestellte und in Druck gegebene Übersicht des Jahres 1554 gehören. Das seltene Dokument gehörte offenbar zur Archivalien-Sammlung der Ex-Universität Rinteln.

Der schaumburg-lippische Landesherr Albrecht Wolfgang (Regierungszeit 1728-1748) gab 1743 den ersten hierzulande aufgelegten Kalender in Auftrag.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt