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Was die Bückeburgerin Jule Sareyka (21) während einer Hilfstour auf Sri Lanka erlebte

Eine Kellnerin als Gesandte des Fürsten

Bückeburg/Colombo. Als er die „Alte Schlossküche“ betrat, wusste ich, dass etwas passiert war. Er sah gefrustet aus. Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug nach Colombo sitzen sollen. Mit 800 Brillen im Gepäck – gebrauchte Sehhilfen für arme Menschen auf Sri Lanka. Interhelp-Schirmherr Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe hatte sie gemeinsam mit seinem Freund, dem Vorsitzenden Ulrich Behmann, tief im Dschungel verteilen wollen. Stattdessen war er am Flughafen in Hamburg gestoppt worden.

veröffentlicht am 17.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.02.2010 um 11:45 Uhr

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Autor:

Jule Sareyka

Bückeburg/Colombo. Als er die „Alte Schlossküche“ betrat, wusste ich, dass etwas passiert war. Er sah gefrustet aus. Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug nach Colombo sitzen sollen. Mit 800 Brillen im Gepäck – gebrauchte Sehhilfen für arme Menschen auf Sri Lanka. Interhelp-Schirmherr Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe hatte sie gemeinsam mit seinem Freund, dem Vorsitzenden Ulrich Behmann, tief im Dschungel verteilen wollen. Stattdessen war er am Flughafen in Hamburg gestoppt worden. Pass verschwunden! Hatte er ihn verloren, oder war er ihm gestohlen worden? Er wusste es nicht. Es spielte auch keine Rolle mehr. Was tun? „Warum nicht jemand anderes schicken?“, fragte ich. Fürst Alexander nickte, griff zum Telefon und schickte Behmann, der im Flugzeug saß, eine SMS: „Ich habe die Lösung. Info folgt!“

Als ich ihm einen Kaffee servierte, fragte er mich: „Willst Du fliegen?“ Ein schlichtes „Ja“ und 34 Stunden später kam ich in Colombo an. Über Nacht war aus einer Kellnerin die Gesandte des Fürsten geworden. Empfangen wurde ich von gefühlten 50 Grad Celsius und einem Fahrer namens Sudu, was übersetzt „Weiß“ heißt. Geschickt, aber im rasanten Tempo manövrierte uns Sudu durch das Wirrwarr von Autos, Lastwagen, Bussen, Mopeds und Tuktuks. Auf einer von Palmen gesäumten Holperpiste fuhren wir vorbei an bewaffneten Soldaten, barfüßigen Frauen, Kühen und Wasserbüffeln. Kleine Kinder schauten mich aus großen Augen an. Sri Lanka – ein Land von großer Faszination. Ein Land von großer Armut. Ich begegnete ihr viel zu unvorbereitet. Ich wusste nicht, was Armut wirklich bedeutet.

Stundenlang ging es durch den Urwald, bis wir unser Ziel Daraniarao erreichten. Erwartet wurden wir in dem Dorf von vielen hoffnungsvollen Menschen. Es war bereits dunkel geworden, als wir mit der Verteilung der Brillen beginnen konnten. Die Freude der Bewohner war riesig. Für uns sind es nur ein paar gebrauchte Sehhilfen – auf Sri Lanka vollbringen sie ein kleines Wunder: Wer wieder richtig sehen kann, ist in der Lage, sich selbst und seine Familie zu ernähren. Dankbar falteten Frauen und Männer, Alte und Junge die Hände wie zum Gebet und verbeugten sich vor uns. Von überall her schallte es herüber „Bohoma stutiyi“ – vielen Dank!

Die Verteilung der Brillen gab mir einen kleinen Einblick in die Arbeit von Interhelp. Mehr begriff ich auf der Reise in den Nordosten der Insel. Es war eine zwölfstündige Fahrt in das ehemalige Bürgerkriegsgebiet bei Trinkomalee. Ein Gebiet, in das jetzt nach und nach die Familien zurückkehren, die in den 80er Jahren vor Gewalt und Terror geflüchtet waren. Sie haben nur ihr Land. Keine Häuser. Keine Brunnen. Sie bauen Reis und Gemüse an, um etwas zum Essen zu haben. Sie errichten notdürftige Hütten aus Lehm und Holz. Sie graben tief, um an etwas Grundwasser zu kommen. Tagsüber kämpfen sie gegen den Hunger, nachts gegen Elefanten, die ihnen die Reisfelder kahl fressen. „Heute Nacht waren es 50“, erzählt mir Apuralage, eine alte Frau, die jede Nacht mit ihren Kindern um die Reisernte bangen muss. „Auch Schlangen sind hier ein großes Problem,“ sagt der kommissarische Landrat Anuruddha Bandara. Wird man hier von einer Kobra gebissen, so ist man dem Tod nahe. Zu weit weg ist das nächste Krankenhaus. Hilfe ist hier wirklich nötig.

Diese Reise hat mich in dem bestätigt, was ich vorhabe: Krankenschwester werden und Medizin studieren, um vielleicht später einmal die Welt ein wenig besser machen zu können.

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