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Ausstellung rund um die "Sparlade" als Besucher-Tipp / Führungen durch Witte-Nachfahr Dr. Pfingsten

Eine Idee aus Bad Eilsen auf Siegeszug in der Welt

Bad Eilsen (sig). Es gibt immer Menschen mit zukunftsweisenden Ideen. Das galt auch für Friedrich Witte, jenem Mann, der vor fast zwei Jahrhunderten auf die Idee kam, die Eilser "Sparlade" zu gründen. Seine Nachkommen haben dafür gesorgt, dass etliche Dokumente und Gegenstände erhalten geblieben sind. Davon profitieren jetzt in dieser Woche alle Besucher der Ausstellung im "Witte-Haus" an der Bahnhofstraße/Ecke Arensburger Straße.

veröffentlicht am 08.05.2007 um 00:00 Uhr

Spar-Pionier: Friedrich Witte.

Das Verdienst, diese Dinge derÖffentlichkeit zugänglich zu machen, kommt Dr. Ulrich Pfingsten zu. Er ist ein Ururenkel des Schuhmachermeisters Friedrich Witte. Der für die Kulturarbeit in Wittenberg zuständige frühere Theologe hält sich immer gern in Bad Eilsen auf, obwohl die Lutherstadt sein Lebensmittelpunkt geworden ist. Mit viel Respekt vor dem Wirken jenes Ahnen aus der Zeit, in der Napoleons Truppen durch Europa zogen, hat Pfingsten das Material gesichtet und jetzt in demältesten noch erhaltenen Fachwerkhaus des Kurortes ausgestellt. Im Gespräch mit unserer Zeitung verschwieg er nicht, dass dieser Sichtungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. In den Räumen, die einst als Kuhstall und als "Gute Stube" dienten, befinden sich zahlreiche Originale. Sie geben Aufschluss über die Lebensumstände, in denen der 1792 auf dem Hof Nr. 1 in Eilsen geborene Witte aufgewachsen ist. So findet der Besucher auch den Taufschein des Gründers des weltweit ersten demokratisch organisierten Geldinstitutes. Diese Urkunde besagt, dass ein gewisser Pastor Heermann in Obernkirchen die Taufe des Jungen vorgenommen hat. Bad Eilsen besaß zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Kirche. Witte erlernte wie sein Vater, den er schon mit fünf Jahren verlor, den Beruf eines Schuhmachers und machte sich während seiner Wanderschaft mit den geistigen Strömungen jener aufrührerischen Zeit vertraut. Die Studentenbünde feierten damals das Wartburgfest, forderten Freiheit und Demokratie. Schuster Witte, damals noch Leibeigener, erkannte die wachsende Aufbruchstimmung als Chance und beantragte mit 24 Jahren bei seinem Landesherrn, er möge ihm die Errichtung einer "Sparlade" genehmigen. In diesem Schritt sah er die Chance, Landwirten und Handwerkern zu helfen, Notgroschen zurückzulegen. Napoleons Kriegszüge hatten nämlich das Land verwüstet und viel Armut hinterlassen. Am 1. Januar 1817 nahm die Eilser "Sparlade" ihren Betrieb auf. Die erste Generalversammlung fand in der Wohnung Wittes statt. Es gibt eine im Original erhaltene Satzung, die vorschrieb, dass alles "sehr wichtig und feierlich unternommen werden müsse, sobald die Sparlade geöffnet ist". Bei den späteren Generalversammlungen im "Eilser Krug" ging es locker zu. Die Teilnehmer frönten dem Kartenspiel und nutzen das Treffen zum Plausch. Aus den Abrechnungen, von denen einige erhalten sind, geht hervor, dass alle Ausgaben dieser Treffen präzise erfasst wurden. Dazu gehörten Lagerbier, Kaffee, Zigarren, Spielkarten, Petroleum, Dochte und ein paar Schwefelhölzer. Welch ein Aufwand betrieben wurde, macht die Tatsache deutlich, dass eine solche Versammlung schon mal 174 Taler und 24 Groschen gekostet hat. Zum Vergleich: Friedrich Witte erstand damals sein erstes Pferd für fünf Taler! Die Sparer kamen nicht nur aus dem erst wenige Einwohner zählenden Badeort, sondern auch aus Steinbergen, Buchholz, Bückeburg, Achum, Meinsen, Vehlen und Niedernwöhren. Eine Kundenkladde enthält bekannte Namen wie: Rinne, Dreves, Möhlmann, Waltemate, Prasuhn, Schewe, Wilkening, Lahmann, Kastning und Mühlmeister. Diese Familien zählten zu denen, diezum Tode des Landesherrn Adolf-Georg Geld spendeten. Die Reichen standen natürlich an vorderster Stelle in der Liste. Die Ausstellung enthält neben Urkunden von Eheschließungen, die vom Fürsten genehmigt werden mussten, einen Brautkranz und Broschen des Bräutigams. Über Generationen hinweg stellte die Familie neben dem Rechnungsführer den Standesbeamten, aber auch den Ortsvorsteher. Weil Badegäste in dem 1818 errichteten Haus Nr. 13 für ein Zubrot sorgten, mussten Abgaben an den Badekommissar geleistet werden. Auch das ist bei dieser Ausstellung zu finden - ebenso wie ein alter Wunschzettel an das Christkind, und das Kleid der Uururgroßmutter von Pfingsten, die Eline Schütte hieß und aus Liekwegen stammte. Der Besuch dieser täglich von 15 nis 18 Uhr geöffneten Ausstellung kostet nichts. Gäste können sich von Dr. Pfingsten führen lassen.

Dr. Ulrich Pfingsten (l.), Nachfahre des Gründers der "Eilser Sp
  • Dr. Ulrich Pfingsten (l.), Nachfahre des Gründers der "Eilser Sparlade", hat zusammen mit seiner Lebensgefährtin Ursula Harms die Ausstellung im ursprünglichen Sparkassengebäude zusammengestellt. Sie kann noch etwa eine Wochen lang täglich von 15 bis 18 Uhr kostenlos besichtigt werden. Fotos: sig


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