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Wohnwagen mit Vorzelt auf dem Parkplatz in Marienau ist das Zuhause der Burkhardts

Eine Familie, die mit Körben arbeitet und lebt

Marienau (sto). Sie sind eine ganz normale Familie – und doch ganz anders. Handgeflochtene Schaukelstühle, Puppenwagen und Körbe aller Art sind ihre „Visitenkarten“. Visitenkarten wie auf dem Präsentierteller. Der ist in diesem Fall aber ein Parkplatz, auf dem die Korbwaren ausgestellt sind und zum Mitnehmen einladen. Mittendrin wohnt die Familie Burkhardt. Das Besondere: Nicht ein Haus ist ihr Quartier, sondern ein acht Meter langer Wohnwagen mit Vorzelt. Und das unterscheidet sie einmal mehr von den Nachbarn drumherum.

veröffentlicht am 16.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.04.2010 um 11:45 Uhr

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Ihr „Anderssein“ war zu Beginn auf Vorurteile einiger Bürger gestoßen. „Manche hielten uns für Zigeuner, und manche nannten uns asozial“, erinnert sich Thorsten Burkhardt. Solche Äußerungen haben ihn zwar gekränkt, er konnte jedoch damit umgehen. Diskriminierungen habe er nämlich bereits in seiner Kindheit erfahren. Als Spross einer Korbmacherfamilie sei er mit seinen Eltern auch von Ort zu Ort gefahren, um die Waren zu verkaufen. In manchen Orten habe es Leute gegeben, die mit den herumreisenden Korbmachern nichts zu tun haben wollten. „Man hat uns ignoriert. Wir waren Luft für die“, erinnert sich der mittlerweile 39-Jährige. Besonders für Kinder sei es demütigend, wie Vagabunden behandelt zu werden.

Auch die Kinder von Agnes und Thorsten Burkhardt haben Demütigungen aus der Bevölkerung erfahren. „Ihr seid doch Asis“, haben manche, auch Mitschüler, zu uns gesagt, erinnert sich die 15-jährige Elisabeth. Robert, ihr Zwillingsbruder, und der elfjährige Mario nicken zustimmend. Mittlerweile haben die drei Geschwister, eine ältere Schwester ist schon „aus dem Haus“, die Beleidigungen weggesteckt. Mehr noch – sie haben ihre „Gegner“ davon überzeugt, dass sie trotz ihres anderen Wohnens ganz normale Menschen sind. „Wir haben Mitschüler zu uns in den Wohnwagen eingeladen, damit sie sehen konnten, dass wir leben wie sie, nur eben im Wohnwagen“, erzählt Elisabeth. Wie ihre Geschwister, ist sie in Marienau auf dem Parkplatz aufgewachsen. Sie hat die Grundschule in Coppenbrügge besucht und geht nun zur Kooperativen Gesamtschule in Salzhemmendorf. Das Leben im Wohnwagen gefalle ihr und ihren Geschwistern. „Wir kennen es nicht anders“, betont sie.

Agnes Burkhardt ist erleichtert, dass die anfänglichen Vorurteile längst abgebaut sind und die Familie in Marienau akzeptiert wird. „Ausnahmen gibt es ja immer mal“, räumt sie jedoch ein. Aber die werden hingenommen. Es überwiege das Positive. Im Laufe der Jahre seien Freundschaften entstanden. Bei besonders guten Freunden dürfen die Burkhardts sogar duschen und ihre Wäsche waschen. „Nachbarn kommen zu uns zum Klönen, und auch Freunde unserer Kinder sind häufig bei uns zu Besuch, ja, manchmal essen sie bei uns sogar zu Mittag“, freut sich Agnes Burkhardt. Bei einem heftigen Sturm Ende Februar, bei dem die ausgestellten Korbwaren kreuz und quer geflogen seien, haben einige Nachbarn ihnen geholfen, größere Schäden abzuwenden.

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Ihr kleines Reich halten die Burkhardts penibel sauber. Ein rosa Tulpenstrauß auf dem mit Kuchen gedeckten Tisch und der Duft nach frisch gekochtem Kaffee strahlen Behaglichkeit und Gastfreundschaft aus. Trotz des starken Verkehrs auf der B 1 ist es urgemütlich in dem sonnendurchfluteten Vorzelt. „Wir fühlen uns hier wohl, und wir wohnen gerne hier“, sagt Thorsten Burkhardt. Sogar während des kalten Winters und auch über Weihnachten haben sie ausgeharrt im Wohnwagen, natürlich mit einer gut funktionierenden Heizung. Kamin- und Holzkörbe waren zu der Zeit übrigens die beliebtesten Verkaufsartikel.

Ihr „richtiges“ Zuhause haben die Burkhardts in Mönchengladbach, wo sie in einem „richtigen“ Haus wohnen; sie reisen auch zu Märkten und bieten ihre Waren unter der Adresse www.burkhardt-korbwaren.de an.

Ab und zu fahren sie nach Hause. Bleiben sie dort länger, gehen die Kinder dann auch in Mönchengladbach zur Schule. Das sei in letzter Zeit aber nicht so häufig vorgekommen. Das Umherreisen sei eine alte, aber selten gewordene Korbmachertradition, um Waren auch anderswo an den „Mann zu bringen“. „Unsere Vorfahren sind noch mit Kutsche und Pferdewagen gereist“, weiß Thorsten Burkhardt. In Marienau verkauft die Familie seit über 20 Jahren mit Genehmigung der zuständigen Behörden ihre selbst gefertigten Waren und repariert beschädigte Korbsachen aller Art. Bei schlechtem Wetter dient das Vorzelt dann als Werkstatt. „Bei schönem Wetter arbeiten wir draußen“, erzählt der Korb- und Stuhlflechter. Seine Spezialität sei die Reparatur von Stuhlgeflechten. Manchmal helfen ihm seine Söhne bei der Arbeit. Robert am liebsten. „Vielleicht werde ich auch Korb- und Stuhlflechter“, überlegt der Schüler. Vater Burkhardt jedenfalls kann sich keine schönere Arbeit vorstellen, als alte Korbwaren zu erhalten und neue herzustellen. „Ich liebe meinen Beruf“, gibt der Kunsthandwerker zu. Obwohl Billigimporte aus China den Markt überschwemmen, können sich die Burkhardts nicht beschweren über mangelnde Kundschaft. „Unsere Kunden sind Durchfahrende, aber auch Leute aus der näheren Umgebung“, weiß Agnes Burkhardt.

Er hält die Tradition der Korbmacherfamilie aufrecht:

Thorsten Burkhardt erneuert im Vorzelt das Geflecht eines alten Stuhles.

„Wir kennen es nicht anders“: Mario hilft seinem Vater (li.). Im Vorzelt ist es gemütlich, die Kinder Elisabeth und Robert leben „gerne hier“.

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