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Karl Gottlieb Horstigs "Physiognomik"-Lehrbuch aufgetaucht / Einziges noch bekanntes Exemplar

Eine 200 Jahre alte Kostbarkeit "kehrt heim"

Bückeburg (gp). Ob der Inhalt der kleinen Schrift, in der es um Lehre und Erkenntnisse zur "Physiognomik" geht, höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, scheint zweifelhaft - der Wert des Büchleins als heimatkundliche Kostbarkeit hingegen ist unbestritten. Grund: Das Werk wurde vor gut 200 Jahren von dem zu jener Zeit in Bückeburg lebenden und wirkenden Theologen Karl Gottlieb Horstig verfasst und ist - soweit bekannt - das letzte, noch verfügbare Exemplar der damaligen Auflage. In den Bestandslisten der deutschen Bibliotheken jedenfalls ist der Titel der Broschüre nirgends mehr aufgeführt. Und auch im Staatsarchiv Bückeburg, das ansonsten eine ganze Reihe von Dokumenten über Horstig undTeile seines Werks aufbewahrt, war die "Physiognomik"-Abhandlung bisher nicht vorhanden.

veröffentlicht am 27.09.2007 um 00:00 Uhr

Ein seltenes, in Bückeburg entstandenes Werk ist dank des Schaum

Diese Lücke ist dank tatkräftiger Unterstützung des Schaumburg-lippischen Heimatvereins jetzt geschlossen. Vorsitzender Dr. Wolfgang Vonscheidt zögerte nicht lange, als dieser Tage unverhofft ein Restexemplar der 1801 gedruckten Büchleins auftauchte. Es soll und wird - wie der übrige, äußerst umfangreiche Bibliotheksbestand des Vereins - künftig im Staatsarchiv aufbewahrt und auf diese Weise interessierten Nutzern zugänglich gemacht werden. Autor Horstig war einst deutschlandweit berühmt. Er hatte Theologie studiert, galt jedoch als eine Art "Universalgenie". 1792 kam er als 30-Jähriger nach Bückeburg. Er versah - wie zwanzig Jahre vor ihm der berühmte Johann Gottfried Herder - das Amt des landeskirchlichen Oberpredigers (Konsistorialrat). Die Arbeit als Geistlicher scheint den vom Geist der Aufklärung beseelten Lehrersohn jedoch nie richtig ausgefüllt zu haben. Bereits während seiner Theologenausbildung hatte er nebenher Musik, Zeichnen, Sprachen und "Reimkunst" studiert und sich als Organist, Chorleiter, Komponist und Instrumentenbauer betätigt. Die größte Leidenschaft des perfekt englisch und französisch sprechenden und schreibenden Mannes aber waren Wissenschaft und Schriftstellerei. Er verfasste mehr als 25 Bücher und 60 größere Schriften, darunter Aufsätze über Erziehungslehre, Stenographie, die Klangeigenschaften von Musikinstrumenten, die Vorteile des Duodezimalsystems, neue Leselern-Methoden, Altertumskunde, die Natur der Töne und malerische Perspektiven. Dazu kamen etliche Reisetagebücher. Als bedeutsamste Arbeit galt das Werk "Über die Religion der Bibel". Aufgrund seines Intellekts und Wissens war Horstig in Bückeburg der führender Kopf im Kreis der kunstsinnigen Persönlichkeiten, die die damalige Fürstin Juliane um sich geschart hatte. Zu der Gruppe zählten unter anderen auch der Komponist Johann Christoph Friedrich Bach und der als "Pockenarzt" bekannt gewordene Mediziner Dr. Bernhard Christoph Faust. Horstig blieb bis 1805 in Bückeburg. Heute erinnert nur noch das Straßenschild "Horstigweg" (an einer vom Julianenweg abzweigenden Stichstraße) an das Wirken des ungewöhnlichen Mannes in der Ex-Residenz. Auch die meisten seiner Schriften sind in Vergessenheit geraten. Manche seiner Thesen und Erkenntnisse muten aus heutiger Sicht darüber hinaus kurios und wirklichkeitsfern an. Dazu gehört auch die jetzt wieder aufgetauchte Abhandlung über die Physiognomik (griech. "Körperwissen"). Hinter dem Begriff verbirgt sich die Lehre von der Deutung des menschlichen Gesichtsausdrucks, seiner Körperhaltung und/oder Körpersprache alsAusdruck des Seelenlebens und Gemütszustands. Die Beschäftigung mit dem Thema galt einst als eine seriöse Wissenschaft. So waren schon die altgriechischen Philosophen felsenfest davonüberzeugt, dass sich das Innere des Menschen in seinem Gesicht und seiner Körperhaltung widerspiegele. Ihre auch von Horstig gestützte These: "Wer wie ein Affe, Löwe, Fuchs oder Raubvogel aussieht und auftritt, ist auch einer."

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