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Wie und wo junge Erwachsene in der Rattenfängerstadt die Nacht zum Tag werden lassen

Ein Versuch über das Ausgehen in Hameln…

Hameln. Iris Handydisplay zeigt 21.43 Uhr. Sie muss sich beeilen. In ihrem Badezimmer läuft Tik Tok von Kesha. Ein kleines bisschen „tipsy“ – auf Deutsch beschwipst – singt die Chart-Newcomerin. Das will Iris heute auch noch werden: Schließlich ist Samstag! Aber erstmal muss sie Haare und Make-Up fertigkriegen.

veröffentlicht am 14.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.03.2010 um 10:48 Uhr

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Marcus sitzt zur gleichen Zeit in Svens Wohnung. Die beiden vernichten ihr erstes Plastik-Six-Pack und reden über Frauen. Nebenbei spielen sie Playstation; der Aschenbecher auf dem gekachelten Couchtisch quillt über. Die Kumpels warten auf Steffi. Sie wird heute die Fahrerin sein. Die drei wollen heute noch weg. Letzte Woche waren sie mal im Crazy und Limit. Heute wollen die drei Freunde lieber wieder in die „Nachtschicht“.

Iris klippt sich schnell noch goldene Creolen ins Ohr. Mit ihrem Styling ist sie zufrieden. Bis zum „Mosquitos“ in der Bäckerstraße hat sie es nicht weit. Ihre Freundin Anne wartet dort schon. Sie sitzt auf einem der nussbrauen Ledersofas, und studiert die Karte. Die Freundinnen gehen sonst immer in das „Sumpfe-Café“ zum quatschen und vortrinken. Sie mögen den Blick auf die Weser. Heute Abend wollen sie mal etwas Neues probieren. Anne passt mit ihrem erdfarbenen Kostüm gut zu der Lounge-Atmosphäre im „Mosquitos“. Palmen und stilisierte Geckos zieren den Raum. Futuristische Lampen hängen von der Decke. Das grünliche Licht färbt ihr Haar. Auf der Karte stehen Straußensteak oder etwas vom Kangaroo. Das junge Pärchen am Nachbartisch hat eben etwas serviert bekommen. Auf dem Teller thront ein Schwan aus Alufolie und schützt sein heißes Innenleben. Von ihrem Platz aus kann Anne direkt auf McDonald’s gucken. „Nur Assis in Hameln“, denkt sie sich. Eine Kellnerin bringt ihr den bestellten Cocktail. Auf den Rand ihres Mai Thai ist eine Physalis geklemmt.

In Hamelns Nordstadt sucht Steffi vor Svens Tür einen Parkplatz. Sie huppt und parkt in zweiter Reihe. Nach endlosen Minuten kommen Marcus und Sven runter. „Einmal in die Nachtschicht bitte“, raunt Marcus. Er hat seine Haare zu einem Igel gegelt und sein Lieblings-Tribal-Shirt angezogen. „Wieso muss ich eigentlich immer fahren?“, fragt Steffi. Sven zuckt mit den Schultern: „Weil wir immer zu voll sind.“ Steffi wirft die Kippe aus dem Fenster und fährt los.

Im „Mosquitos“ ist mittlerweile die Hölle los. Iris stöckelt in großer Pose über das dunkle Laminat. Auf fast jedem Tisch steht ein „Reserviert-Schildchen“. Sie gibt Anne zur Begrüßung ein Küsschen. sie bestellen sich etwas zu Essen aus Australien.

Marcus sitzt neben Steffi im Wagen und spielt am Radio – „geil Frauenarzt läuft in 1Live“. Marcus dreht den Lautstärkepegel voll auf, Steffi singt mit und Sven trommelt auf Marcus Kopfstütze. Die drei brüllen laut. Steffi tritt aufs Gas. „,Das geht ab‘, der geilste Song überhaupt“, meint Marcus. Es ist der Lieblingssong der Truppe. Sie wollen es heute krachen lassen. Steffi setzt den Blinker, dann haben sie den Multimarkt erreicht.

Anne redet mittlerweile wirres Zeug. Irgendwas über ihren Ex-Freund. Jetzt hat sie den dritten Cocktail intus. Iris kennt das Geleier und nimmt den letzten Schluck „43er-mit-Milch“. „Wollen wir los?“, fragt sie. Die Freundinnen nehmen vom Münsterkirchhof ein Taxi zum Bahnhof. Für den Bus ist es zu spät – schon nach zwölf. Vor dem Bahnhof ist nicht viel los, erst als sie die Halle betreten hören sie die Beats aus dem „Blondie“. Früher war hier das „Retro“. Die Türsteher lächeln die Freundinnen an. Einer erklärt ihnen das Verzehrsystem und wünscht viel Spaß.

Fahrerin Steffi, Marcus und Sven gehen über den Parkplatz. Marcus hat sich extra Parfüm aufgetragen. Er ist davon überzeugt, dass es bei den Frauen gut ankommt. Eigentlich reicht es ihm auch, wenn Jenny es gut findet. Über Freunde hat er erfahren, das sie heute auch in der „Schicht“ ist. Vereinzelt stehen Grüppchen herum, Zigaretten glimmen wie Glühwürmchen. „Jetzt noch an den Türstehern vorbei“, denkt sich Marcus. Die drei Hünen am Eingang winken sie durch. Sie gehen die Treppe hoch, schwülstige Barockmalereien in Goldrahmen hängen an den Wänden. Die Luft ist schwül-warm. Oben wankt ihnen ein junger Mann entgegen, hinter ihm läuft einer der Türsteher. Er trägt einen blauen Plastikeimer, falls sich der Jugendliche übergeben muss. Der Türsteher trägt Handschuhe, der junge Mann lehnt sich halb zusammengesackt an die Wand. Sven, Marcus und Steffi geben ihre Jacken ab. Sie zahlen den Eintritt und bekommen ihren Verzehrgutschein – die Getränke werden erst beim Rausgehen bezahlt.

Anne findet das „Blondie“ sofort super. „Stylischer Laden – voll chic“, sagt sie zu Iris. Aber die ist schon an der Theke und bestellt die nächste Runde. Von der Decke hängen übergroße Lampenschirme. Die Wände sind hoch und weiß, kleine Lederbänke in den Ecken machen das Ambiente perfekt. Die Räume sind in Grün- und Rottönen ausgeleuchtet. Von der Galerie im zweiten Stock kann man auf die Theke gucken. Die hübschen Barkeeperinnen tanzen bei der Arbeit. Sie schauen direkt auf die Tanzfläche, wo die Mädchen in Stöckelschuhen tanzen, Jungs mit Krawatten bestellen Bier. Die Gäste verteilen sich in dem weiträumigen Areal.

In der „Nachtschicht“ können sich die drei Freunde wie jedes Mal nicht entscheiden: „Stadel oder Rittersaal?“, fragt Sven. Steffi möchte lieber im Stadel bleiben: Da läuft Schlager, den ganzen Abend. Bei jedem zweiten Lied kann Steffi mitsingen. Seinen Namen hat das Stadel verdient. Die Tanzfläche ist eingefasst in eine urige Holzhüttenoptik. Folgt man dem Straßenschild „Eierweg“ führt der Weg zur Toilette. Es ist rappelvoll, um zur Tanzfläche zu kommen muss man sich an zig Leibern vorbeischieben. Über der Tanzfläche steht der DJ in seiner Kanzel. Steffi möchte die Flippers hören. Sven hat sie sich für Steffi beim DJ gewünscht, aber er spielt sie einfach nicht…

Wo zu „Retro“-Zeiten noch die Tanzfläche war, thront jetzt mitten im „Blondi“ ein viereckiger Tresen. Aus den Boxen dröhnt House. Iris und Anne sind auf dem Main-Floor und hotten zu den harten Beats ab. Anne ist mittlerweile nicht mehr so standsicher. Sie schwankt, versucht es aber so aussehen zu lassen, als ob das zu ihrer Performance gehört.

In der Nachtschicht holen sich Sven und Marcus Bier. Die Bedienung klippt mit einem Locher ihre Verzehrgutscheine ab. Dann stellen sie sich an die Tanzfläche – um Mädchen anzugucken. Marcus hat bereits den ganzen Laden nach Jenny abgesucht, aber sie ist nicht da. Nena lässt „99 Luftballons“ steigen.

Im „Blondi“ möchte Anne in Ruhe eine Rauchen. Sie geht die Treppe hoch ins zweite Geschoss. Durch die Fenster schaut sie auf den Bahnsteig. Der zweite Floor und die Bar auf der Galerie sind mit Hockern abgeriegelt. Sie lehnt sich auf das halbmondförmige Geländer, schaut auf die Tanzfläche und die Theke und steckt sich ihre Marlboro light an. Iris reißt auf der Tanzfläche ihre Arme in die Luft, als ihr Lieblingslied auf die Beats gemixt wird.

Sven muss sich am Pfosten festhalten. „Zu viel Bier und Pernot-Cola“, denkt er sich. Er hat Angst nicht genug Geld dabei zu haben. Marcus ist schon seit Stunden schlecht drauf. Vor ihm auf der Empore der Tanzfläche tanzt ein drahtiger Typ. Alles was er sehen kann ist dessen Hintern. Es ist schon fast halb 5. Steffi hat an dem Abend stundenlang getanzt, mitgesungen und dann ist sie irgendwann mit einem Typen verschwunden. Sven lästert über die anderen Partygäste. Vorhin hat sie ein Fotograf geknippst. „Das beste Bild wird es wohl nicht“, sagt Sven. Besonders Marcus sind jegliche Gesichtszüge entglitten. Eigentlich wollen die beiden nur noch nach Hause.

Mehr als 70 Euro hat Anne an diesem Samstagabend schon ausgegeben. Das ist ihr jetzt egal. Sie hat die ganze Woche lang gearbeitet und braucht den Ausgleich. Indes ist Iris immer noch am Tanzen, sie hat sich ihre Pumps ausgezogen und bemerkt wie sie ein paar Jungs von der Galerie beobachten. Sie liebt es im Mittelpunkt zu stehen und wirft ihren Kopf in alle Richtungen und kreischt.

Sven holt sich noch einen letzten Pernot-Cola. Als er zu Marcus kommt, steht Steffi neben ihm. Sie schaut überglücklich. „Ich hab einen kennengelernt“, sagt sie. Sven gratuliert halbherzig. „Und wollen wir jetzt los?“

Iris ist mittlerweile fast allein auf der „Blondi“-Tanzfläche. Die Jungs, die von der Galerie aus geguckt haben, sind auch weg. Ihr rosa Motorola-Handy vibriert in der Handtasche. Eine SMS von Anne: „wigll jeuzs grehn.“ Iris versteht, zieht ihre Schuhe wieder an und sucht Anne.

Am Nachtschicht-Ausgang muss Sven 23,50 Euro zahlen. Die Frau hinter der Kasse schaut ihn durch die Plexiglasscheibe auffordernd an. Sein Geld hat gerade noch gereicht. Steffi hat Hummeln im Hintern: „Und Jungs! Jetzt noch in die Pinte?“ Marcus hat noch Bock, aber Sven schwächelt. Er will es sich auf der Fahrt überlegen.

Iris holt die Jacken und schleppt Anne, die wieder irgendwas von ihrem Ex labert, nach draußen vor den Bahnhof. Iris guckt auf ihr Handydisplay: 5:17 Uhr.

Lesen Sie morgen den dritten Teil der Serie.

Hameln ist nicht Hamburg oder Berlin. In den verhältnismäßig wenigen Clubs und Bars lässt es sich trotzdem gut bis in die Morgenstunden aushalten. Unterwegs mit verschiedenen jungen Erwachsenen an einem Samstagabend. Die Namen der Partygänger wurden von der Redaktion „vorsichtshalber“ geändert…



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