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Warum Rick Springfield seine akustische Klampfe zur E-Gitarre umbaute

Ein Springinsfeld der Achtziger fühlt den Big Beat seit den Beatles

Mein Geschichtslehrer hatte mich überrumpelt. „Du kriegst 50 Mark, wenn Du von Haus zu Haus gehst und Spenden für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge sammelst.“ Ich sagte zu; nicht etwa, weil ich damals schon so ein guter Mensch gewesen bin. Nein, ich war 14 und ich brauchte das Geld für die Ausgaben 30 bis 35 der „Bravo“. Die Redaktion der Jugendzeitschrift hatte Rick Springfield in 13 Teile gestückelt und auf sechs Hefte verteilt. Mein Idol in Lebensgröße. Ich wollte so aussehen, was ich nicht geschafft habe. Ich wollte so Gitarre spielen, was ich (noch) nicht geschafft habe. Ja, ich wollte Rick sein, seitdem ich etwa ein Jahr zuvor „Love somebody“ zum ersten Mal gehört hatte. Klarer Fall von jugendlicher Identitätskrise.

veröffentlicht am 12.05.2011 um 12:07 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Dabei reicht die Geschichte dieses Musikers und Schauspielers viel weiter zurück, und – um es vorwegzunehmen – sie wird von ihm momentan erfolgreich fortgeschrieben. Richard Springthorpe war im August 1949 in Sydney geboren worden. Als junger Aussie zog er zehn Jahre später nach England um, was in der Militärkarriere seines Vaters begründet lag. Für Rick kein ganz so schlechter Deal, denn immerhin war er in den Folgejahren auf diese Weise seinen musikalischen Idolen, den Beatles und The Who, hier in England, der Wiege des Beats, viel näher. Springfields Eltern Norman und Eileen erkannten die Zeichen der Zeit und schenkten ihrem Sohn zum 13. Geburtstag eine Gitarre. Rick funktionierte die akustische Klampfe kurzerhand in eine E-Gitarre um und wechselte die Saiten: Soldat wollte er nicht werden, einen normalen Beruf hatte er auch nicht im Sinn – und so strebte er eine Karriere als Rockstar an.

Das taten viele damals. Manche blieben auf der Strecke, manche starben über die ersten Erfolge hinfort. Nur ein vergleichsweise geringer Anteil fand in die Erfolgsspur und blieb auch drin. Auf Springfield traf all das nicht zu. Die Bands Rock House und Zoot zerstoben an den Klippen der Bedeutungslosigkeit. Springfield hatte schwer zu kämpfen, im Grunde genommen zehn Jahre lang. Erst das Album „Working Class Dog“ brachte 1981 den Durchbruch und im Nachhinein sogar einen Grammy in der Kategorie „Best Rock Vocal Performance“. Hitsingle: „Jessies Girl“.

Über Rick Springfield schreibt man nicht, weil er Jahrhundertalben produzierte, nein, keine einzige seiner Platten verfügt über das Potenzial, in diese Kategorie eingestuft zu werden, selbst „Tao“ (1985) nicht. Dafür sind die Songstrukturen zu durchschaubar, zu eingängig und rumpelnd, was man von den Stones aber ebenso behaupten könnte. Über Rick Springfield schreibt man vielleicht, weil er mit seiner einfachen, ehrlichen Art des Rockens ziemlich erfolgreich gewesen ist, vor allem in den achtziger Jahren. „Celebrate Youth“, Hitsingle aus dem Album „Tao“, legen Musikchefs von Radiosendern nicht mal mehr ins verstaubte Archiv – wird ohnehin jeden Tag gespielt. Aktualität in der Rockmusik ist keine Frage der Zeit, sondern der Zeitlosigkeit.

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Entspannt: Rick Springfield sieht mit 60 Jahren blendend aus (links) – fast möchte man behaupten, er sieht besser aus als Mitte der acht- ziger Jahre auf der Bravo-Titelseite (unten).

Über Rick Springfield schreibt man aber ganz bestimmt mit Herzblut, weil dieser Typ frei von Skandalen und egozentrischem Stargehabe, seine Linie nie zu verlieren schien, so wie das auch Daryl Hall & John Oates mit ihrem Philly-Soul-Sound hingekriegt haben. Immer der Nase nach. „I feel the big beat. Rock of Life. Big beat talks to me.“

Immer hatte ich, im Sommer 1985, diesen Starschnitt vor Augen. Rick in lässiger Rockerpose. Orangefarbene Lederjacke, verwaschene Bluejeans und Haare, wie man sie in dieser Vokuhila-Vollpfosten-Zeitspanne eben so trug. Ich klingelte an Haustüren und bat um Spenden für die Kriegsgräberfürsorge. Habe ich nie wieder getan übrigens, allein Rick Springfield in Lebensgröße ließ mich sammeln. Und wer mir eine Abfuhr erteilte, erteilte mir eben eine. „Walk like a man, walk like a man. I’m still waiting on the revelation here in nevernever land“, murmelte ich dann leise vor mich hin. Ich wartete noch auf die Offenbarung im Niemandsland.

Rick Springfield wartete nicht. „Tao“ wurde millionenfach verkauft; das Nachfolgealbum „Rock Of Life“ ist bis heute unterschätzt, und zwar so sehr, dass es fast völlig aus dem Fokus rückte, selbst bei denen, die ihre schwarzen Schallplatten von damals nach und nach in eine silbern-schillernde CD-Sammlung wechselten. „Tao“ hat fast jeder, „Rock Of Life“ fast keiner.

An der Machart Springfields lässt sich nicht rütteln: eingängige, melodiöse Rockmusik mit Hang zum Pop. Gewissermaßen nichts großes Gewaltiges. Aber die Leichtigkeit, mit der die Songs berühren, ist omnipräsent, in jedem Riff, in jeder Strophe. Einfach packend, und das spürte Springfield auch damals, als er noch aufschaute zu anderen. „Die Beatles und The Who haben einen großen Einfluss auf mein Leben gehabt“, blickt er heute zurück. An ihnen hatte sich der junge Rick orientiert, aber nichts von ihnen hat er je kopiert, das ist wichtig. Überhaupt blieben während seiner langen Karriere bis heute großartige Kollaboration mit anderen bekannten Rockmusikern aus. Springfield machte sein Ding, teils auffällig unauffällig sogar, was dem Erfolg in diesem Genre ja nicht gerade zuträglich ist.

Als die achtziger Jahre zu Ende gingen, zerfledderte der Starschnitt an meiner Zimmertür, verblasste so wie der Erfolg Springfields, der eine lange Pause einzulegen wagte. Auch nicht gut fürs Rockgeschäft, ohne Frage, aber erstens war der Wahlamerikaner zu diesem Zeitpunkt schon mehrfacher Vater und orientierte sich Richtung Familie, zweitens war der Akku möglicherweise leer. Und drittens verfolgte Springfield auch noch seine Schauspielerkarriere. Ende der siebziger Jahre hatte er schon Nebenrollen unter anderem bei „Detektiv Rockford“ bekleidet und wurde als Dr. Noah Drake in der Serie „General Hospital“ bekannt.

Erst 1998 kehrte Rick Springfield auf die Tourbühne zurück, aber nur drüben in den USA und in Australien. Das Album „Karma“ zündete in Europa ebenso wenig wie alle anderen CDs, die er seit „Karma“ bis heute veröffentlicht hat. Beim enttäuschenden „shock/denial/anger/acceptance“ war’s noch verständlich, doch im Jahr 2008 haute Springfield eine Platte raus, die zu seinen besten gehört: „Venus In Overdrive“. Verdammt, der Starschnitt, wo ist der Starschnitt…?

„Wir hatten einen Lauf. Wir hatten angefangen und konnten nicht stoppen. Die Songs flossen aus uns heraus. Seit Anfang der achtziger Jahre hatte ich nicht mehr so einen Spaß im Studio“, erzählt Rick von der großartigen Zusammenarbeit mit seinem langjährigen musikalischen Begleiter, dem Bassisten Matt Bissonette. „What’s Victoria’s Secret“ wurde als Single ausgekoppelt. Kein Hit fürs Volk, nur einer für alle, die damals den Starschnitt an der Tür hängen hatten. Denn Victorias Geheimnis und der Rest des Albums knüpfen an die Achtziger an und verschmelzen Herz und Schmerz mit eigenen Erfahrungen. Zwei Lieder, „God Blinked“ und das ergreifende „Saint Sahara“, widmete die Band Sahara Aldridge, einer jungen Frau, die zur Springfield-Fanfamilie gehörte und an Krebs gestorben war. „Es war ein großer Verlust für uns, aber diese beiden Songs feiern ihr Leben, und sie würde dazu tanzen“, sagt Springfield.

Ungewöhnlich für einen Rockstar, der 20 Millionen Platten verkaufte und 17 Mal unter den Top 40 der US- Billboard-Charts war? Nicht ungewöhnlich für einen wie Springfield. Schon 1982 veröffentlichte er ein Album unter dem Titel „Success Hasn’t Spoiled Me Yet“. Zu Deutsch: „Der Erfolg hat mich noch nicht verdorben.“ Und genau so hatte er es gemeint.

You better love somebody

it’s late.

You better love somebody

don’t wait.

You better love somebody

don’t tempt fate.

You’re gonna push it just a little too far

– one night.



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