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Notarzt kommt nicht, "Bethel" verweigert Aufnahme - Vorwürfe von Mutter und Erste-Hilfe-Arzt

"Ein Skandal, was meinem Sohn passiert ist"

Bückeburg. Erst fährt er mit seinem Roller gegen einen unbeleuchteten Pkw und bricht sich den Oberschenkel. Ein zufällig vorbeikommender Arzt leistet Erste Hilfe, aber das bleibt auch das einzig positive an diesen Abend, denn der angeforderte Notarzt kommt nicht, und das Krankenhaus Bethel, wohin der Verletzte transportiert wird, nimmt ihn nicht auf. Schließlich wird er im Krankenhaus in Stadthagen versorgt und - mehr als sechs Stunden nach dem Unfall - operiert.

veröffentlicht am 20.10.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Das alles hat der 16-jährige Kleinenbremer Ryan Kolb am Freitag, 6. Oktober, erlebt. An besagtem Freitag war er kurz nach 20.30 Uhr mit seinem Roller auf der Rintelner Straße in Richtung Innenstadt unterwegs, als das Unglück passierte. Angesichts der Umstände - vom Abtransport des Verletzten bis zu seiner Aufnahme in Stadthagen - erheben Beteiligte schwere Vorwürfe. Mutter Cornelia Kolb spricht von "Skandal" und kann bis heute nicht nachvollziehen, was da passiert ist. Der Arzt, der Erste Hilfe leistete, der Bückeburger Facharzt für Allgemeinmedizin Othard August Möller sagt: "Ich will keine Kollegenschelte betreiben, aber es ist nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hätte. Ich kann die Mutter gut verstehen." Das Krankenhaus Bethel räumt ein, dass es "besser hätten laufen können". Warum der Notarzt nicht kam, scheint dagegen auf Übermittlungsfehler der Alarmierenden zurückzugehen, wie die schriftlichen und Tonband-Aufzeichnungen der Rettungsleitstelle in Stadthagen belegen. Obwohl: Eine der Alarmierungen, die über Handy erfolgte, lief in der Leitstelle des Nachbarkreises in Minden auf und wurde von dort - routinemäßig - nach Stadthagen durchgestellt. Nicht ausgeschlossen, dass dort etwas "hängen" geblieben ist. Die Mutter, Cornelia Kolb, meint dagegen: "Der Notarzt aus Rinteln ist nicht gekommen, weil an dem Abend die Straße zwischen Todenmann und Kleinenbremen voll gesperrt war." Der Allgemeinmediziner ist froh, dass seine Erste Hilfe "gut gegangen ist, aber bei einer Komplikation wäre es zu einer Katastrophe gekommen". Wie es Routine ist, hatte Dr. Möller an diesem Abend reagiert: die Unfallstelle gesichert, den Verunglückten zugedeckt, eine Diagnose gestellt und behandelt. Er legte eine Braunüle, leitete Flüssigkeitsersatz ein, um den Kreislauf zu stabilisieren und - nach und nach - Schmerzmittel. Denn: Ein Oberschenkelbruch kann "höllisch" nach innen bluten und schmerzen. Was Dr. Möller nicht diagnostizieren konnte: Liegen weitere Verletzungen vor, insbesonders innere Blutungen? Und: Bei Brüchen großer Knochen ist die Gefahr einer Fettembolie groß. Darum bestand Dr. Möller bei den Helfern am Unfallort darauf, dass bei der Alarmierung auf die Entsendung eines Notarztwagens bestanden wird. "Und das ist meines Wissens auch geschehen", wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Notärzte hätten bei Verunglückten wesentlich mehr Erfahrung als er. Um 20.43 Uhr geht der erste Anruf bei der Rettungsleitstelle ein, zu diesem Zeitpunkt leistet Dr. Möller bereits Erste Hilfe. Den Zeitpunkt bestätigt auch Kreisdezernentin Ursula Krahtz, die nach Anfrage unserer Zeitung die Dokumentationen besagter Nacht sichtet. Allerdings: Bei beiden Alarmierungen - eine durch die Polizei, die andere durch eine Privatperson - kein Hinweis auf die Anforderungdes Notarztes. Schon gar kein Hinweis, der den Verdacht der Mutter erhärten würde, der Notarzt sei wegen einer gesperrten Straße nicht zum Unfallort gekommen. Krahtz: "Die hätten da schon Mittel und Wege gehabt." Um 20.54 Uhr erreicht ein Rettungswagen samt Rettungssanitätern den Unfallort. Der Verletzte wird Punkt 21 Uhr abtransportiert. Dr. Möller steigt mit zu, um den Verletzten weiter zu behandeln, verabreicht weitere Schmerzmittel, legt einen zweiten großen Zugang, um gewappnet zu sein, falls der Kreislauf des Verletzten zusammenbricht. Um 21.15 Uhr erreicht der Rettungswagen das Krankenhaus Bethel - wo die Aufnahme von einer Krankenschwester und später einer Ärztin verweigert wird. Er habe zumindest erwartet, dass im Krankenhaus untersucht wird, ob innere Verletzungen vorliegen, schildert Dr. Möller: "Da stehen die notwendigen Geräte." Aber vergeblich: Als alles Insistieren nichts nutzt, fährt der Rettungswagen um 21.25 Uhr nach Stadthagen. Um 21.37 Uhr erreicht er das dortige Krankenhaus, wo Ryan weiter versorgt und untersucht wird. Nachts um 3 Uhr wird er dort operiert, der Oberschenkel geschraubt. Der neue Chefarzt der Unfallchirurgie Bethels, Dr. Stefan Bartsch, seit 2. Oktober im Amt, bestätigte auf Nachfrage und Befragung des Personals der besagten Nacht, dass die Aufnahme des Verletzten verweigert worden ist. Da eine "lange Operation" lief, war Bethel "definitiv" bei der Leitstelle abgemeldet, das heißt, zur Aufnahme von Verletzten nicht bereit. Trotz Hinweisen Bethels an die Leitstelle habe der Rettungswagen dennoch Bethel angefahren, so Dr. Bartsch weiter. Da "Vitalparameter" wie Blutdruck und Puls Ryans stabil und auch nicht die angekündigte "stark spritzende Blutung" vorlag, sei von einer Ärztin nach Rücksprache mit dem OP die Verlegung nach Stadthagen empfohlen worden - auch da der begleitende Arzt keinen überforderten Eindruck gemacht und nicht geäußert habe, den Transport nicht übernehmen zu wollen. Der Chefarzt räumte aber ein, dass an diesem Abend in seiner Ambulanz "mehrere unglückliche Umstände" zusammengetroffen seien. Es hätten Rücksprachen mit umliegenden Kliniken zur Weiterleitung des Verletzten getroffen werden können. Auch die Untersuchung auf weitere Verletzungen hätte vor Ort erfolgen können. Er werde den "Vorfall" zum Anlass nehmen, auf höchster Ebene zu diskutieren, Abläufe zu überprüfen und zu überarbeiten, um zu Verbesserungen zu kommen. Dr. Bartsch: "Als lokales Krankenhaus und die einzige fachchirurgische Abteilung im Landkreis müssen wir unseren Patienten immer zur Verfügung stehen." Übrigens: Ryan ist inzwischen wieder zu Hause und kuriert dort den Bruch aus. In sechs Wochen sollen die Schrauben herausoperiert werden.

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