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Aus Nordamerika eingeschleppt

Ein schlaues Kerlchen: Der Waschbär

Waschbären haben ein gutes Gedächtnis, können kombinieren und kommen überall klar - und genau das ist das Dilemma: Der aus Nordamerika stammende Waschbär wird bei uns mehr und mehr zum Problembär. Dass die Tiere sich so schnell vermehren, liegt vor allem daran, dass sie so anpassungsfähig sind – man könnte auch sagen: schlau

veröffentlicht am 03.05.2018 um 14:51 Uhr
aktualisiert am 03.05.2018 um 20:15 Uhr

Kann keinen Schaden anrichten: Ein Waschbär im Wisentgehege. Foto: Holger Hollemann/dpa
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN-PYRMONT. Man stelle sich vor: Ein Waschbär, der am Couchtisch steht, mit seinen kleinen Pfoten ein Mon Cherie nach dem anderen auswickelt und genüsslich auffuttert. Ein niedliches Bild. Ob er beim Hinausgehen ein bisschen wankte, ist nicht bekannt. Doch der Rest hat sich in einer Hamelner Wohnung genauso abgespielt, wie Kreisjägermeister Jürgen Ziegler versichert. Er weiß auch von einem Waschbären, der durch die Katzenklappe in die Küche gekommen ist und sich nicht mehr vertreiben ließ. Wahrscheinlich hat er darauf gewartet, dass endlich jemand den Kühlschrank öffnet. Waschbären sind nämlich nicht nur niedlich, sondern auch kluge Tiere und leider immer häufiger eine Plage.

Dass Waschbären intelligent sind, hat der amerikanische Forscher H. B. Davis schon vor fast 100 Jahren in einer Langzeitstudie gezeigt. Drei Jahre lang hat er zwölf Waschbären Futter in Boxen gegeben, bei denen Knöpfe gedrückt, Haken gelöst und Hebel gezogen werden mussten, um sie zu öffnen. Die Waschbären brauchten nur wenige Versuche, um sie zu öffnen, denn sie gingen sehr methodisch vor, änderten bei jedem neuen Versuch nur eine Kleinigkeit, bis sie den richtigen gefunden hatten. Zu der Kombinationsfähigkeit gesellt sich ein gutes Gedächtnis. Der Forscher glaubte, dass die Waschbären sich die Lösungen maximal drei Monate merken können – Pustekuchen: Die Tiere wussten auch nach drei Jahren noch, wie sie an ihr Futter gekommen waren.

Auch Deckel können sie abschrauben, weiß Kreisjägermeister Jürgen Ziegler. Ihren Namen haben die Waschbären übrigens, weil es so aussieht, als würden sie ihre Nahrung im Wasser waschen. Tatsächlich tastet der Waschbär aber im seichten Wasser oder auf dem Boden eher nach Beutetieren. In seiner nordamerikanischen Heimat heißt er „Raccoon“, das kommt aus dem Indianischen und bedeutet: „der mit den Händen kratzt“.

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Was die Nahrung betrifft, sei der Waschbär ein Opportunist, sagt Ziegler. Er kann sich gut auf seine Umgebung einstellen, fühlt sich in menschlichen Behausungen wohl, geht in Fuchs- und Dachsbaue und sogar in Bussard-Horste. Er räubert die Brutplätze seltener Arten, schnappt sich Fische und Frösche aus Gartenteichen und nimmt sich die Lurche aus den Eimern am Straßenrand, die von Naturschützern extra aufgestellt werden, um die Tiere mit einer Art Leitsystem zu sammeln und sicher über die Straße zu bringen. „Diese Flexibilität kennen wir hier so nicht“, erläutert der Jäger.

Es ist genau diese Anpassungsfähigkeit, die ihn zum Problem werden lässt. Denn der Waschbär, in den 1930er Jahren als Pelztier aus Nordamerika eingeschleppt (zusätzlich etwa zeitgleich bei Berlin) und am Edersee ausgesetzt wurde, vermehrt sich rasant und verdrängt andere Arten. Kassel gilt seit geraumer Zeit als „Waschbär-Hauptstadt“.

Im Stadtgebiet sind in diesem Jahr bereits 75 Exemplare zur Strecke gebracht worden, die Hausbesitzer in Haus oder Garten verrückt gemacht haben. 925 wurden in freier Wildbahn geschossen und 76 überfahren. Mehr als im gesamten Jahr 2017, da waren es insgesamt nur 752 Exemplare. Zehn Jahre zuvor kamen die Jäger gerade mal auf 74 Stück. Der allererste Waschbär wurde 1975 im Landkreis gesichtet.

Wichtig sei, dass der Waschbär nicht nur gefangen, sondern auch exekutiert werde, sagt der Kreisjägermeister.. Das sei längst nicht jedem klar. Einen Waschbären privat zu halten, ist inzwischen verboten, denn er steht auf der EU-Unionsliste invasiver Arten. Ausgenommen sind alte Bestände.

Seine Biotopkapazität (die maximale Individuenzahl einer Population, die durch die Gesamtheit aller dichtebegrenzenden Umweltfaktoren im jeweiligen Lebensraum bestimmt wird), habe der Waschbär längst noch nicht erreicht, sagt Ziegler. „Sie kommen gerade erst an“.



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