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Ein paar Cent aus der Mülltonne

Was für eine gute Idee – eigentlich: Auf der Internetseite „Pfandgeben.de“ finden sich, nach Städten geordnet, die Handynummern von Flaschensammlern, die man anrufen kann, damit sie bei einem zu Hause Pfandflaschen abholen, die man selbst zu träge ist, wegzubringen. Der eine ist den Flaschenballast los, der andere hat sich ein bisschen Geld verdient. Aber, so „Santo“ aus Rinteln: „Ich bin da schon seit Monaten angemeldet und noch nie hat sich auch nur ein Mensch mal gemeldet.“

veröffentlicht am 04.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:21 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Sind nur die Rintelner nicht auf dem Laufenden oder einfach nicht bereit, ihre Pfandflaschen umsonst abzugeben? Nein – im gesamten Landkreis Schaumburg gibt es nur noch zwei weitere Flaschensammler, die es übers Internet probieren, einen Bad Nenndorfer, der sich unter dem Namen „Parklatscher“ angemeldet hat und in Nienburg einen „Fricke“. Beide aber gehen gar nicht erst ans Handy und rufen auch nicht zurück. Der Landkreis Hameln-Pyrmont ist überhaupt nicht auf „Pfandgeben.de“ vertreten, obwohl deutschlandweit doch immerhin an die 900 Sammler diese Internetseite nutzen. In Hannover allerdings sieht es schon anders aus. Da kann man unter manchen anderen zum Beispiel „Michael“ erreichen, der, arbeitslos, sich seit etwa einem Jahr ein Zubrot mit dem Pfandflaschenabholen verdient. „In den Mülleimern der Stadt zu suchen, das würde ich nicht machen“, sagt er. „Außerdem muss man mal bedenken, wie mühsam es ist, von Papierkorb zu Papierkorb zu wandern und nur ein paar Flaschen zu finden.“ Die Leute aber, die ihn herbeirufen, haben oft viele, viele Flaschen abzugeben, manchmal hundert und mehr auf einen Schlag. „Es ist eben so: Wer die Flaschen nicht gleich wegbringt, weiß ab einer bestimmten Menge nicht mehr, wie er sie problemlos loswerden soll. Manche trauen sich nicht, mit riesigen Beuteln voller Plastikflaschen in den Supermärkten aufzutauchen. Oder mit den ganzen Bierflaschen.“

„Michael“ scheint ein netter Mann zu sein. Oftmals nähme er gleich auch noch sonstiges Altglas mit, um es zu entsorgen, sagt er. „Na ja, wenn die Leute mir schon das Pfand überlassen, kann ich ja auch noch was für sie tun.“ Es habe außerdem den Vorteil, dass er mit etwas Glück geradezu Stammkunden bekommt, die ihn immer mal wieder anrufen, wenn sie die Kontrolle über ihre angesammelten Flaschen verlieren. „Es gibt Leute, die sind so erleichtert, weil sie ein Jahr lang Flaschen im Keller gehortet haben.“ Reich wird er nicht durch diese Sammelarbeit – manchmal kommt wochenlang kein Anruf – aber, so sagt er, es lohne sich schon.

Jede Stadt hat ihre Flaschensammler, die die öffentlichen Mülleimer in der Innenstadt absuchen, die üblichen Treffpunkte von Jugendlichen abklappern oder in den großen Glascontainern nach Pfandflaschen suchen. Um ihnen das Wühlen im Abfall oder zwischen Glasscherben zu ersparen, kam die Rintelnerin Anna Lena Tegtmeier auf die Idee, zumindest in der Fußgängerzone oder an typischen Treffpunkten wie zum Beispiel im Schlingpark „Pfandkisten“ neben den Abfalleimern zu befestigen, damit Bürger, die auf die Schnelle ihre Getränkeflasche loswerden wollen, sie dort hineinstellen könnten. Bei der nächsten Ortsratssitzung will sie einen entsprechenden Antrag stellen.

„Solche Kisten gibt es bereits in mehreren größeren Städten und es funktioniert“, sagt sie. „Der Vorteil wäre: Man hilft Leuten, die das Geld dringend brauchen, Pfandflaschen verschwänden nicht einfach im Restmüll und das Müllaufkommen würde insgesamt reduziert. Ich kenne viele, die zwar nicht extra wegen einer Flasche in ein Geschäft gehen würden, um sie dort abzugeben, die aber froh wären, wenn ihre Pfandflasche auf diese Weise doch wiederverwertet wird.“

In Hameln würde sie mit diesem Vorstoß nicht gerade auf offene Ohren treffen. Der städtische Pressesprecher Thomas Wahmes hält das Aufstellen solcher Pfandflaschenkisten weder für eine gute Sache noch für praktikabel. Er fürchtet, dass auch noch anderer Müll darin landen könnte, den die Stadt dann sortieren müsste. Außerdem käme es kaum infrage, für ein paar wenige Flaschensammler das Stadtbild durch unschöne Kisten zu verändern. Zudem meint er, der schon mehrmals bei der Leerung von städtischen Abfalleimern dabei gewesen sei, dass eh kaum jemand Pfandflaschen einfach so wegwerfe. „Nein, so eine winzige Nische würden wir wohl nicht bedienen.“

Auch der Jurist Jörg Schröder, Erster Stadtrat in Rinteln, mag sich nicht vorstellen, dass solche „Bierkisten“ tatsächlich in der Innenstadt aufgestellt würden. In einer Sache aber vertritt er eine ausgesprochen lockere Haltung: „Eigentlich ist es eine Ordnungswidrigkeit, Müll aus den städtischen Abfalleimern zu entnehmen. Doch wir sind da nicht so – in Rinteln darf man die Pfandflaschen raussuchen. Wir betrachten das einfach als ‚herrenlosen Müll‘“.

Hamelns Pressesprecher Wahmes würde da nicht mitspielen wollen. „Nein, es kann nicht gewollt sein, dass Mülleimer durchwühlt werden, das gibt nun wirklich kein gutes Bild ab. Wer dabei erwischt wird, würde zumindest ermahnt werden, das zu unterlassen.“

Was Pfandflaschen betrifft, die in Altglascontainern landeten, so sei das ebenfalls ein „kniffeliges Thema“, heißt es aus der Recycling-Firma Tönsmeier, die sowohl in Hameln-Pyrmont als auch im Landkreis Schaumburg für die Altglasverwertung zuständig ist. „Wer Pfandflaschen aus den Containern rausklaubt, begeht einen Diebstahl“, sagt Pressesprecher Boris Ziegler. „Es hängt dabei von den jeweiligen Verträgen mit den Städten und Kommunen ab, wer der eigentlich Geschädigte wäre, aber erlaubt ist es jedenfalls nicht.“ Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass beim Recycling nicht unterschieden werde zwischen Pfand- und Nicht-Pfandflaschen. „Das Einzige, was wir aussortieren können, sind Dosen, Verschlüsse und alte Schuhe, die leider gerne in die Glascontainer geworfen werden, wenn daneben kein Altkleidercontainer steht.“

Nun gibt es da den Kölner Designstudenten Paul Ketz, der gerade dabei ist, seine Erfindung, den „Pfandring“, publik zu machen. Das ist ein ringförmiges Plastikgestell in verschiedenen Ausführungen, das direkt um einen Abfalleimer herum befestigt werden kann, mit Halterungen für Pfandflaschen, die auf diese Weise weder im allgemeinen Müll verschwinden noch durch Unvorsichtigkeit kaputtgehen können. „Die ’Pfandkiste‘ ist ja eine Art Guerilla-Modell, der inoffizielle Versuch, Pfandflaschen für Flaschensammler zur Verfügung zu stellen“, sagt er. „Was ich mir vorstelle: Dass die Städte selbst den Vorteil des Sortierens erkennen und Pfandringe einsetzen, deren Inhalt sie freigeben.“

Im Gegensatz zu den Pfandkisten seien die Pfandringe keine Müllmagneten, sie stünden auch nicht einfach an irgendeinem Laternenpfahl herum, sondern seien mit den Müllbehältern fest verbunden und hätten für Städte und Kommunen den echten Vorteil, dass sie dazu beitrügen, die zu entsorgende Müllmenge insgesamt zu reduzieren. „Außerdem könnte man mit den Pfandringen ein Zeichen setzen, dass einem bewusst ist, wie viele Menschen von sehr wenig Geld leben müssen. In Köln habe ich beobachtet, dass es eine viel größere Gruppe ist als man denkt, die gezielt nach Pfandflaschen sucht, Hartz-IV-Bezieher, Rentner, Studenten.“ Die Stadt Köln zeige sich seiner Idee gegenüber sehr aufgeschlossen und er gehe davon aus, dass man seine Pfandringe dort im größeren Stil einsetzen werde.

Anna Lena Tegtmeier, die inzwischen Kontakt zu dem jungen Erfinder aufgenommen hat, will ihren Pfandkisten-Antrag für den Rintelner Ortsrat nun in Hinblick auf einen möglichen Einsatz von Pfandringen in Rinteln erweitern. „Wir wären da dann ein Vorreiter, was doch auch gut wäre für das Renommee unserer Stadt“, sagt sie.

Übrigens: Für alle, die grundsätzlich bereit sind, Flaschenpfand zu spenden und dafür den Weg zum Supermarkt auf sich zu nehmen, gibt es bei den Ketten Marktkauf, Edeka und Lidl spezielle Spendemethoden. Marktkauf stellt neben den Pfandautomaten kleine Boxen auf, in die man den Pfandbeleg einwerfen kann, damit das Geld dann den jeweiligen „Tafeln“ vor Ort zugutekommt. „Die meisten geben zwar nur Belege von einer bis drei Flaschen ab“, so Steffen Krause aus dem Marktkauf-Getränkemarkt in Rinteln. „Aber Monat für Monat lohnt sich das auf jeden Fall und es dürften an die 100 Euro sein, die da zusammenkommen.“ In den meisten Lidl-Märkten besitzt der Pfandautomat einen Extra-Knopf, der auf Wunsch die Pfandsumme auf ein Spendenkonto verbucht, von dem der Bundesverband Deutsche Tafel profitiert.

Man sieht sie überall, in Innenstädten, auf größeren Veranstaltungen, an Bahnhöfen und Badeseen: Menschen, die Pfandflaschen sammeln, um sich ein bisschen Geld zu verdienen. Das Phänomen gehört zu den Schattenseiten unserer Gesellschaft. Ein Blick in die Mülltonne.



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