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Ein Oberstaatsanwalt fährt in Ruhestand

Das Auto: Triumph TR 6, Oldtimer, Baujahr 1973, Heckantrieb, sechs Zylinder in Reihe, 124 PS, Einspritzer, 1090 Kilo Leergewicht. Der Fahrer: Bodo Becker, 63, Leitender Oberstaatsanwalt in Bückeburg und demnächst ein Auslaufmodell (um im Bild zu bleiben). Ende Juli fährt der Behördenleiter in Ruhestand. Zeit für eine Plaudertour durch das Schaumburger Land.

veröffentlicht am 13.07.2011 um 00:00 Uhr

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Im offenen Cockpit tobt ein Orkan. Durch den Auspuff singt der Sechszylinder sein Lied in den stürmischen Wind. Gekonnt steuert Bodo Becker den Triumph TR 6 zügig die Serpentinen zur Paschenburg hinauf. Plötzlich hängt sich ein moderner Porsche 911 Carrera ans Heck des britischen Roadsters. Noch vor der nächsten Kurve wird der Leistungssportler den Oldtimer aufschnupfen wie eine Prise Tabak, so viel ist sicher.

Doch nichts passiert. Der Elfer hält sich zwar im Rückspiegel, macht aber keinerlei Anstalten zu überholen. Mit gebührendem Respektsabstand lauscht der Porschefahrer dem satten Sound und beobachtet, wie der englische Flachmann die Kehren nimmt. Es scheint ihm zu gefallen. Was er nicht sieht, sind die harte Federung und eine extrem direkte Lenkung. Elektronische Helfer wie ABS oder ESP sucht man vergebens. Hier wird noch selbst gefahren. „Ein ehrliches Fahrwerk“, fasst Becker zusammen. Es lebe der Sport.

Apropos Sport: Als Student in Bielefeld coacht Spielertrainer Bodo Becker zwei Uni-Teams, einmal Handball, einmal Volleyball. Trotzdem ist er „so frech“ (Becker), sich nach sieben Semestern zum ersten Staatsexamen anzumelden. Prüfung bestanden, doch die Note lässt etwas zu wünschen übrig. Nun muss der junge Jurist sehen, dass er während des anschließenden Referendariats bei der Bückeburger Staatsanwaltschaft in die Gänge kommt. Becker hat schließlich etwas gutzumachen.

Oben ohne: Beckers britischer Roadster ist gebaut worden, um damit offen zu fahren – nieder mit dem Verdeck.

Zweieinhalb Jahre später brettert er auf der Fahrt zur nächsten Prüfung, diesmal in Hannover, vor lauter Aufregung mit Tempo 85 über die Vahrenwalder Straße, merkt es aber noch rechtzeitig. Becker ist gut vorbereitet. Umso mehr staunt er, als ihm der Vorsitzende nach der mündlichen Prüfung eröffnet: „Herr Becker, für Sie tut’s mir leid.“ Becker denkt: „Der spinnt.“

In Wirklichkeit spinnt der kein bisschen. Der Grund für das Bedauern: Die Prüfungsnote ist noch deutlich besser ausgefallen als die Stationsnote der Referendarzeit. In der Regel ist es umgekehrt.

Egal, Becker hat das Prädikat in der Tasche. Trotzdem bekommt er die Geschichte mit dem durchwachsenen ersten Examen fast 20 Jahre später, bei der Bewerbung zum Oberstaatsanwalt, im Ministerium noch einmal aufs Butterbrot geschmiert.

Apropos wie geschmiert: In einen Triumph TR 6 steigt man nicht einfach ein. Man leg

In Fahrt: Wenn sich Bodo Becker hinter das kleine Lenkrad seines Triumph TR 6 geklemmt hat, wird die Welt zu einer Kurve.

Fotos: lyt ihn an wie einen etwas zu engen Laufschuh, zwängt sich hinter das kleine Lenkrad, natürlich stilecht mit drei gelochten Streben aus Metall. Der Fahrer sitzt so flach, dass er Kurven kaum einsehen kann. Hineintasten ist angesagt, wenn’s ums Eck gehen soll. Auf der Rennstrecke ticken die Uhren anders: Könner lenken auf Verdacht ein, um Sekundenbruchteile später das erhabene Gefühl zu erleben, wie sich die Kurve öffnet. In Kehren mit Bodenwellen, forsch angegangen, versetzt für einen Moment keck das Heck, kehrt aber von selbst auf die Ideallinie zurück.

„Im Trockenen ist das Auto sicher zu beherrschen“, erklärt Becker. „Bei Nässe muss man aufpassen, weil durch das mächtige Drehmoment die Hinterräder durchdrehen können.“

Wir sprechen von 210 Newtonmetern Drehmoment. Im Vergleich mit modernen Sportlern ist das nicht viel – aber genug, um den Klassiker an seine Grenzen zu bringen. Und dann der Sound: Bei niedrigen Drehzahlen grummelt die Windsbraut vor sich hin, den Tritt aufs Gaspedal beantwortet sie mit einem Parforce-Ritt über die Tonleiter. Grundton ist ein satter Bass, der bei Bedarf zunimmt. „Der Sound wird sogar von Harley-Davidson-Fahrern anerkannt“, schmunzelt Becker. Und das ist wie ein Ritterschlag, denn gerade diese Biker kriegen für ihr Leben gern mächtig was auf die Ohren.

Apropos auf die Ohren: Vor etwa 25 Jahren verhandelt das Bückeburger Schöffengericht gegen drei Einbrecher, zwei Männer, eine Frau. Becker vertritt die Anklage. Im Publikum sitzt ein weiterer Mann, mit dem die Frau verheiratet ist. Nach dem Urteil, in allen Fällen Bewährungsstrafen, ertönt ohrenbetäubendes Geschrei auf dem Gerichtsflur, wo sich die Angeklagten zwischenzeitlich aufhalten. Mit wehender Robe eilt Becker aus dem Saal und geht dazwischen.

Er kommt gerade noch rechtzeitig, denn just in diesem Moment will der Zuschauer seine Frau verprügeln. Becker brüllt wie auf dem Kasernenhof, was offenbar mächtig Eindruck macht, zumal in Verbindung mit der Autorität eines Staatsanwaltes. Dann kommt es zu einer filmreifen Szene: Zum Dank wirft sich die Frau dem Ankläger zu Füßen und umklammert dessen Beine. Sie will ihm „buchstäblich die Füße küssen, was ich aber verhindert habe“, so Becker. Warum der Mann dermaßen in Brass geraten ist, lässt sich nur vermuten. Hat er erst durch den Prozess von den Taten seiner Angetrauten erfahren? Oder hatte die Frau womöglich ein Verhältnis mit einem der beiden Einbrecher? Es wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.

Apropos Geheimnis: Das Geheimnis des Triumph TR 6 liegt in der Mischung aus hemmungsloser Kurvengier, spartanischer Ausstattung und ausgeprägtem Sprintvermögen, untermalt von einer Symphonie aus sechs Zylindern. Nieder mit dem lästigen Verdeck, die volle Dröhnung gibt es nur oben ohne. Das verleitet natürlich zu Taten, die in den Bereich von Ordnungswidrigkeiten fallen würden, insbesondere Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit.

Als Becker auf die Westendorfer Landwehr einbiegt, eine alte Bergrennstrecke, lässt er es ruhig angehen, solange noch Häuser am Straßenrand stehen. Und auch danach hält er sich strikt ans Tempolimit. Einerseits wäre es für einen Staatsanwalt die Höchststrafe, als Verkehrssünder erwischt zu werden. Andererseits wirkt der Roadster stets viel schneller, als er gerade ist.

Der Grund: „Wir sind diese wahnsinnig komfortablen Autos gewohnt“, erklärt Becker. „Am Lenkrad und mit der Pedalerie muss man im TR 6 ein bisschen mehr tun.“ Nur die Heizung wäre eigentlich nicht nötig, denn selbst bei geöffnetem Verdeck strahlt die Hitze des 2,5-Liter-Motors bis in den Innenraum aus. Wenn es noch eines letzten Beweises bedurfte, dass der Roadster ein heißes Auto ist: bitte sehr.

Apropos Beweise: Vor Jahren vertritt Oberstaatsanwalt Bodo Becker gegen drei mutmaßliche Bankräuber die Anklage, gestützt auf Indizien, die am Ende nicht zu halten sind. Beckers Vorschlag, Geständnisse abzulegen, wird von der Verteidigung eher als Scherz aufgefasst. Zähneknirschend plädiert er zum Schluss auf Freispruch, wenn auch zweiter Klasse, aus Mangel an Beweisen. Ein halbes Jahr nach dem Prozess, anberaumt vor der Großen Strafkammer am Landgericht Bückeburg, wird der Hauptangeklagte bei einem Banküberfall erschossen.

Übrigens: Bodo Becker selbst hat sich in 38 Dienstjahren zwar rund 40 Strafanzeigen eingefangen, meistens wegen angeblicher Rechtsbeugung, die jedoch allesamt unbegründet waren. „In keinem einzigen Verfahren bin ich auch nur als Beschuldigter angehört worden“, erzählt er, während der Roadster langsam auf den Hof des Bückeburger Justizgebäudes rollt. Auetal, Wesertal, Rohdental liegen hinter ihm. Als Pensionär wird der Leitende Oberstaatsanwalt Zeit haben, das Schaumburger Land am Steuer des TR 6 PI aus der Froschperspektive zu erkunden.

Aber mehr noch: Wiederholt sind Becker und seine Frau bereits quer durch Deutschland gefahren, jeweils zehn bis zwölf Tage lang, zweimal waren sie in Schottland. In wechselnder Besetzung nehmen er und seine drei Söhne regelmäßig an Rallyes teil, darunter die Rintelner Weserberglandfahrt und die Schaumburg-Classic, eine fürstliche Ausfahrt. Mit Raserei haben beide Touren nichts zu tun, es geht um Orientierung.

Schon zweimal hat das Becker’sche Auto bei der Adenau-Classic den Triumph-Markenpokal gewonnen. Dabei geht es auch über die legendäre Nordschleife des Nürburgrings, gespickt mit 73 Kurven. Der dreifache Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart hat dem gefährlichen Kurs in der Eifel einst den Namen „Grüne Hölle“ verpasst. Für Bodo Becker ist es „ein himmlisches Vergnügen“.



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