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Schon als Kind fasziniert und infiziert: Jörg Schallenberg ist seit zwei Jahrzehnten dabei

Ein Leben auf der Kirmes: "Das ist meine Welt"

Obernkirchen. Schon als Kind war er von der bunten Glitzerwelt fasziniert und infiziert. Nach der Schule hat er seinen Ranzen in die Ecke geworfen, sich sein Fahrrad geschnappt und ist dorthin gefahren, wo die Kirmes ist. Auch wenn sein Vater immer gesagt, Junge, lern erst was anständiges - Jörg Schallenberg wusste immer, was er wollte: Auf der Kirmes mitreisen, mitanpacken, dort arbeiten, wo die Karussells und die Geschäfte sind.

veröffentlicht am 06.10.2006 um 00:00 Uhr

Jörg Schallenberg, den alle nur "Brille" nennen, an dem Ort, an

Autor:

Frank Westermann

Gute 20 Jahre ist der heute 36-jährige Bad Oeynhausener jetzt schon Mitglied der Steuer-Familie, zwei Jahrzehnte hat Schallenberg erst unter Siegfried Steuer gearbeitet, dann unter dessen Schwiegersohn Tino Noack. "Und es waren 20 gute Jahre", erzählt Schallenberg, "denn das hier, das ist meine Welt." Dabei sah es in seiner Jugend nicht danach aus, als wenn er seinen Traum vom Arbeitsplatz in der Kirmeswelt würde verwirklichen können. Mit zwölf Jahren starb die Mutter, die einzige Bezugsperson in seinem Leben. Schnell gab es Ärger zuhause, schnell war er in ein Heim für Schwererziehbare abgeschoben. Dort, im Martini-Stift in Nottuln, hat er nach der Schule eine Lehre als Maurer begonnen, die er nach zwei Jahren abbrach - die Sehnsucht nach der Kirmeswelt war größer. Hier hat er seinen Platz schnell gefunden. Beim Musik-Express ist Jörg Schallenberg seit 1989 Mädchen für alles: Er baut auf, macht Musik, lässt den Express fahren lassen und stoppt ihn. "Ich bin der Rekommandeur", erzählt er. Klar, das ist harte Arbeit, aber davor hat er keine Angst: "Arbeiten kann ich." Verheiratet war er auch mal, vor vielen Jahren. Gehalten hat die Ehe nur ein Jahr, aber das hatte nichts mit seiner Arbeit zu tun, sagt er. Aber viel zu Hause ist er nicht, denn von Februar, März, je nachdem wie der Winter ist, bis Dezember ist Kirmeszeit, danach werden die Karussells und Geschäfte in den Hallen ausgebessert, repariert, gewartet - es gibt immer was zu tun. Auch mit dem Sprung in die Selbstständigkeit hat er mal geliebäugelt. Aber es hat nicht geklappt: "Das liebe Geld", sagt Schallenberg. Da hat bei den Bankengeschäften auch die Kirmeserfahrung nicht geholfen - Kredite gab es nicht. "Es hat halt nicht sollen sein", sagt er und es sieht nicht aus, als wenn er es wirklich bedauern würde, dass es mit dem eigenen Karussell nichts wurde. Die Parameter in seinem Leben haben sich in den letzten Jahren verschoben: Vater ist er geworden, er hat zwei Kinder im Alter von zwei und drei Jahren. Seine Freundin hat mit der Kirmes nichts zu tun, sie lässt sich zur Kindererzieherin ausbilden. "Und ich möchte auch nicht, dass sie hier aufwachsen", sagt Schallenberg und umschreibt mit einer Handbewegung, was er mit "hier" meint. Das alles ist zwar seine Familie, aber es gibt auch ein anderes Leben da draußen. Und was würde er jemanden sagen, der zu ihm kommen würde, weil er mit der Kirmes mitreisen möchte? "Mach erst einmal eine vernünftige schulische Ausbildung". Denn obwohl er sich als klassischer Arbeiter wohlfühlt, obwohl er seinen Kirmes-Familie liebt und den Job hat, den er immer haben wollte, betriebs- und weltblind ist Schallenberg auch nach 20 Jahren nicht: "Ich sehe doch, was ich alles verpasst habe - Schule ist wichtig." Bei ihm wäre heute ein Junge, der nach dem Unterricht mit dem Fahrrad angefahren kommt und mithelfen möchte, wohl an der falschen Adresse.

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