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MTV-Judotrainer Michael Quest betreut ein bundesweit einzigartiges Projekt

"Ein langfristiges und nachhaltiges Angebot"

Landkreis. Wenn die Kinder und Jugendlichen aus den Heimen nach drei, vier Jahren wieder in ihre Familie zurückkommen, haben sie in der Schule immer das gleiche Problem: Die einen Mitschüler lehnen sie ab, weil sie die Kaputten sind, die aus dem Heim, die anderen nehmen sie mit offenen Armen auf: die alten Kumpel und Freunde - "und dann", sagt Michael Quest, "dann fängt alles wieder von vorn an."

veröffentlicht am 15.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Westermann

Quest möchte das ändern, möchte Perspektiven und Chancen bieten. Durch den Sport. Deshalb bietet er in der Steinberger "Hirschkuppe" Judo an - ein bundesweit einzigartiges Projekt. Quest hofft, dass die Jugendlichen dann nicht in ihre alte Clique zurückkehren, sondern in einen örtlichen Judoverein gehen. "Als selbstbewusste Menschen, die es nicht nötig haben, sich aggressiv darzustellen, sondern ihre Stärke über den Sport definieren", sagt der 40-Jährige, der den gestrauchelten Jugendlichen ein "langfristiges und nachhaltiges Angebot" machen möchte. Er selbst kam einst eher zufällig zum Judosport. Nach der 10. Klasse verlies er die Schule, wollte aber weiterhin mit einem Freund Sport treiben. Als er die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles mitverfolgte, sah er einen Olympiasieger, der bei seiner Ehrung wie ein Schlosshund heulte. Ein Sport, der derartige Emotionen freisetzen konnte - das war was für ihn: Es war Judo. Quest hat in Bückeburg schnell Verantwortung im Judoverein übernommen. Mit 18 war er Sportwart, kurz darauf Abteilungsleiter - ein Amt, das er erst 2000 aufgab. Gewohnt hat er in Hameln, hat dort in der Landesliga in der Mannschaft gekämpft, mit seiner (früh verstorbenen) Frau zusammen den Judo-Kreis Hameln-Pyrmont-Schaumburg geführt, hat seinen Bäckerberuf gelernt, fünf Jahre als Geselle gearbeitet, sein Fachabitur abgelegt, ein bisschen studiert und dann gemerkt, was er am besten kann: mit Kindern arbeiten. Also ist er Erzieher geworden und verdient seine Brötchen heute in Hannover im Internat für junge Leistungssportler: 12 bis 19 Jahre jung sind die Sportler dort, Athleten im sogenannten C-Kader, die, so nennt es Quest, "mit der Perspektive trainieren, an den Olympischen Spiele 2012 teilzunehmen." Quest macht dort alles, was Nicht-Sport und Nicht-Training ist: Gespräche mit den Jugendlichen führen, ein bisschen die Familie ersetzen, sie zu bespaßen, sagt er, damit sie merken, dass es zwischen den dreifachen Training täglich auch noch etwas anderes im Leben gibt: "Fantasy-Rollenspiele, Werken, Videoabende - die Freizeitgestaltung halt." Ganz nebenbei hat er in Obernkirchen vor zwei Jahren die Judo-Abteilung mit ins Leben gerufen, mit unerwarteten Folgen: "Wir platzen aus allen Nähten." Beim letzten Training der Anfängergruppe standen dort 55 Kinder und warteten auf Quest. Die Tage hat er Post bekommen, von einem ehemaligen Heimkind. Der Junge hat sich so entwickelt, wie sich Quest das wünscht: Er ist im Verein, hat dort Fuß gefasst, nimmt an Wettkämpfen teil. "So stell ich mir das vor", meint der jetzt in Rolfshagen lebende Quest. Und geehrt wurde er auch: als Trainer des Jahres vom Deutschen Judoverband. In der Kategorie "Soziales Gewissen". Bei der Ehrung stand er neben Frank Wienecke. Das war der Sportler, der 1984 als Olympiasieger wie ein Schlosshund geheult hatte. Für Michael Quest hat sich da ein Kreis geschlossen.

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