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Barock war die Zeit der europäischen Gartenkunst: Formen und Ideen stammten vor allem aus Paris

Ein Hauch von Barock mitten auf dem Land

Sie feiert ihr 200-jähriges Bestehen und zeugt in ihrer heutigen Form von der Pracht des Barock in Europa – mitten auf dem Land. Mit dem „jardin ouvert“ an diesem Wochenende lässt der Hausherr der Orangerie in Exten, Dietrich von Blomberg, sein „Geburtstagskind“ hochleben. Dabei diente das Gebäude vor gut 20 Jahren noch als Pferdestall. Zeit, auf die bewegte Geschichte eines kleinen Gebäudes zurückzublicken.

veröffentlicht am 16.09.2010 um 13:41 Uhr

Als die Hochzeit der Orangerien gilt das 18. Jahrhundert. Das &b

Autor:

Marie Denecke

Natürlich wurde nicht eine Orangerie einfach so in die Landschaft gebaut – die in Exten gehört heute noch zum Rittergut. Das Gut war schon früh der Mittelpunkt des großen Besitzes der Familie von Eckersten, die vor allem in Rinteln und Umgebung Besitztümer hatten.

Als die Hauptlinie der Familie im 16. Jahrhundert ausstarb, erbten die von Wartenslebens einen Teil ihres Besitzes. Sie verwandelten das eher bäuerliche Anwesen nach dem Dreißigjährigen Krieg in ein „prächtiges Rittergut“, das auch als „Edelhof“ bekannt wurde. Zum 17. Jahrhundert hin entstand das Schloss, das bereits den Übergang vom Barock in die Rokoko-Zeit ankündigt.

Aus dieser Zeit stammt auch die „zehn Hektar große“ Gartenanlage (so beschreibt es der Zeitungsbericht) mit den Merkmalen eines Barockgartens: Symmetrie, geschwungene Wegeführung, Bosketten, Rondells, Lauben – und eine Orangerie. Sie allerdings war der Vorgänger des heutigen Gebäudes.

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Das Barock war die Zeit der großen europäischen Gartenkunst: Formen und Ideen stammten vor allem aus Paris, von wo aus sie nach Hannover kamen – wie in den Herrenhäuser Gärten zu sehen – und sich auch nach Exten übertrugen. Manche Grundelemente der barocken Gartengestaltung, wie geschwungene Wege und exakt angelegte Grachten, sind noch gut auf der Anlage rund um die Orangerie erkennbar.

Trotz dieser aufwendigen Gestaltung verlor die Anlage rund um „Edelhof“ und Orangerie nie ihren ländlichen Bezug, weil – so will es die Überlieferung – der Gärtner nicht einsah, einen Garten allein nach ästhetischen Gesichtspunkten zu pflegen. Und so wurden in den Karrees und Parterres der Anlage einfach Obst und Gemüse angebaut.

Zum Ende des 18. Jahrhunderts hin waren die von Wartenslebens in ihrer gesellschaftlichen Stellung aufgestiegen, brachten Majore und Generäle hervor, erhielten den „Reichsgrafenrang“ und lebten auf anderen Besitztümern. Das Extener Anwesen wechselte den Besitzer, Giesbert von Wartenberg war der Käufer. Im Volksmund wurde er, wenig charmant, „Seeräuber“ genannt, weil sich die Bevölkerung nicht erklären konnte, woher sein Vermögen stammte.

Wartenberg veränderte das Aussehen der Anlage: Ab dem Jahr 1809 überplante er den Barockpark komplett und wandelte ihn in einen englischen Landschaftsgarten um. Außerdem ließ er Scheunen und Ställe erbauen sowie eine neue Orangerie. Es ist das Gebäude, das heute noch in Exten steht. Wann die alte Orangerie abgerissen wurde, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Die Bauzeit für die neue Orangerie im Stil des frühen, puristisch orientierten Klassizismus betrug zwei Jahre. Teilweise wurde die Orangerie aus Bruchsteinen aus dem Kloster Möllenbeck erbaut, das damals geplündert wurde – es war die Zeit der Besetzung Rintelns durch napoleonische Truppen, in der auch die Rintelner Universität durch Napoleons Bruder Jérôme geschlossen wurde.

Das erste Plandokument, das detailliert die neu umgestaltete Anlage mit neuer Orangerie beschreibt, stammt aus dem Jahr 1898. Die Gartenanlage des Gutes wurde nach Süden hin in ihrer Größe verdoppelt, durch eine zugeschüttete Graft entstand zwischen Schloss und Orangerie eine durchgehende Parkfläche.

Die Orangerie wurde mit ihren Ausmaßen von 34 mal 14 Metern wesentlich größer als das alte 20 Meter lange und fünf Meter tiefe Gebäude. Aufgebaut ist sie wie eine klassische Orangerie, mit einem Hauptteil und zwei Annexe links und rechts. Der Hauptteil ist eineinhalbgeschossig, hier befand sich die Wohnung des Gärtners. Das Innere ist aufgeteilt in einen großen Pflanzraum, der in Richtung Süden zeigt, und in den Funktionsteil, im klassischen Größenverhältnis von 2:1. Die Annexe dienten wohl Kultivierungszwecken. Wie auch der Barockgarten – zumindest in Exten – ästhetischen und pragmatischen Zwecken diente, war die Orangerie nicht nur als Schutzhaus für exotische Früchte wie Orangen, Zitronen, Limonen und „Pomeranzen“ gedacht, sondern auch als ein Ort für gesellschaftliches Beisammensein – gerade im Sommer, wenn die Pflanzen im Freien überdauern konnten.

Doch natürlich sollte die Orangerie so gebaut werden, dass sie ihrem eigentlichen Zweck dienen konnte. Ihre Architektur zeugt heute noch davon: Die großen Fensterflächen, die weit nach außen hin geöffnet werden konnten, waren wichtig, um die Pflanzen in der Orangerie vor Pilzinfektionen zu schützen. Oftmals wiesen sie wie die Seiten eines Trapezes eine starke Neigung auf, um den Lichteinfall so gut wie möglich nutzen zu können. Um die Räume bei einigermaßen konstanter Temperatur zu halten, wurden die Orangerien mit eigenen Heizungssystemen ausgestattet, die vor allem das Gebäudeinnere mit Wärme versorgten und sie über knapp über dem Fußboden verlaufende Kanäle verteilte.

Nicht nur betätigte sich Giesbert von Wartenberg als Bauherr, auch komplettierte er den Pflanzenbestand der Orangerie, indem er Pflanzen aus der Sammlung der Herrenhäuser Gärten ankaufte.

Allerdings musste er, so heißt es, Gut und Orangerie kurz darauf wieder aufgeben. Um sein Verschwinden aus Exten ranken sich Geschichten: Im Volksmund heißt es, Wartenberg habe im Streit mit dem französischen Präfekten der Stadt Rinteln gelegen und ihn in einem Duell erschossen. Wartenberg sei darauf nach Bremen geflüchtet, wo er das Gut für 33 000 Taler an den Bremer Kaufmann Grimmel verkaufte – und nach Amerika verschwand.

Durch die Hochzeit von Grimmels Nichte Luise mit dem Regierungsrat von Meien aus Lemgo kam die Familie von Meien nach Exten. Sie wandelten das Gut in einen echten Wirtschaftsbetrieb um – auf dem um 1900 zwei Drittel der Extener Bevölkerung arbeiteten.

Die Orangenzucht erlebte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, galt Ende des Jahrhunderts allerdings schon als ein Überbleibsel einer veralteten Mode. Die von Botanik begeisterte Gesellschaft wandte sich anderen Pflanzen zu, beliebt waren vor allem Palmen.

In Exten wandte sich Emil von Meien der Blumen- und Rosenzucht zu. Er entschied sich daher im Jahr 1870, einen Teil des Orangerie-Bestands zu verkaufen – eine Pflanzenliste von damals zählt 442 Pflanzen auf. Weil er 36 der ältesten und größten Kübel nur zusammen verkaufen wollte, fand er allerdings keine Interessenten. Es sollte noch bis zum Jahr 1883 dauern, bis er 24 Kübel an die Gartendirektion Hannover- Herrenhausen verkaufen konnte. So ist auch heute noch ein Teil des Pflanzenbestandes aus Exten in Herrenhausen zu besichtigen.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verlor die Orangerie an Bedeutung. Manche Räume und das Land der Orangerie wurden vor allem für Kleinvieh genutzt. Auch in den späteren Jahren gab es für die Orangerie keinen wirklichen Nutzen mehr. Jahrelang wurde sie als Pferdestall genutzt, wurde immer baufälliger. Die Rasenfläche diente als Pferdekoppel, üppiger Pflanzenwuchs machte die kunstvolle Gestaltung des Gartens unkenntlich.

Im Jahr 1989 pachtete Dietrich von Blomberg die Orangerie, um sie mit Unterstützung der Stadt Rinteln wiederherzurichten und darin mit seiner Familie wohnen zu können. Die Orangerie erhielt unter anderem ihren großzügigen, in einem weiten Bogen angelegten Vorplatz, die breite Treppe und die geschwungene Wegeführung zurück. Bei der Restaurierung des Gebäudes konnten im großen Stil die Originalteile wieder verwendet werden.

Die Rekonstruktion orientierte sich an den barocken Plänen aus den Jahren 1728 und 1755. Und brachte so einen Hauch von Barock zurück nach Exten.

In jahrelanger Arbeit sind die Orangerie und ihre Grünanlage nach Plänen aus den Jahren 1728 und 1755 mühevoll restauriert worden.

Die Extener Orangerie in den frühen fünfziger Jahren. Das Foto zeigt den Blick auf das Gebäude und seine Anlagen vom Rittergut aus.



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