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Reuiger Betrüger lässt in Hastenbeck eine Kirche bauen / Kanonenkugel fliegt durch den Altaraufsatz

Ein Geldfälscher, ein Pferd und eine Flucht

Hastenbeck (roh). Von Beruf Münzmeister, war es für Arndt von Wobersnow Anfang des 17. Jahrhunderts nur ein kleiner Schritt zum Geldfälscher. Zu jener Zeit herrschte allüberall eine Geldknappheit, sodass sich nicht wenige der angesehenen Münzkommissare zu Fälschern, zu „Kippern und Wippern“ – wie man sie damals nannte –, entwickelten. Immerhin zeigte Wobersnow Reue und ließ in Hastenbeck eine Kirche erbauen. Dem Vernehmen nach soll er gesagt haben: „Da, wo mein Pferd stehen bleibt, will ich eine Kirche bauen.“

veröffentlicht am 14.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 15.12.2009 um 11:48 Uhr

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Hastenbeck (roh). Von Beruf Münzmeister, war es für Arndt von Wobersnow Anfang des 17. Jahrhunderts nur ein kleiner Schritt zum Geldfälscher. Zu jener Zeit herrschte allüberall eine Geldknappheit, sodass sich nicht wenige der angesehenen Münzkommissare zu Fälschern, zu „Kippern und Wippern“ – wie man sie damals nannte –, entwickelten. Immerhin zeigte Wobersnow Reue und ließ in Hastenbeck eine Kirche erbauen. Dem Vernehmen nach soll er gesagt haben: „Da, wo mein Pferd stehen bleibt, will ich eine Kirche bauen.“ Und sein Pferd blieb just mitten in Hastenbeck stehen. Nur wenig später jedoch kamen ihm die damaligen Strafverfolgungsbehörden auf die Schliche. Er floh 1621 vorsorglich nach Hildesheim, konvertierte zum Katholizismus und verstarb bald darauf.

Zurückgeblieben ist die im gotischen Stil gehaltene Hastenbecker Kirche, die kurioserweise keinen der sonst üblichen Namen von Heiligen trägt, sondern schlicht Hastenbecker Kirche heißt. Wenn man allerdings das Kircheninnere betritt, ist von Schlichtheit nur wenig zu sehen – abgesehen von den weißen Wänden, die man heutzutage häufig in Kirchen findet.

Unweigerlich fällt der Blick auf den imposanten Altaraufsatz. Bernd Lühr hat zu jedem Detail dieser künstlerisch interessanten und in ihrer Symbolik tiefschürfenden sakralen Antiquität eine Geschichte parat. „Im Zentrum des Aufsatzes befindet sich Jesus am Kreuz. Bemerkenswert ist, dass das Bild im Hintergrund eine mittelalterliche Dorfszene zeigt, also eine, die zeitlich nicht zu dem dargestelltem Ereignis passt“, weiß der Lektor der Kirchengemeinde und zeigt dann mit ausgestrecktem Arm auf das auf den ersten Blick nicht zu sehende gut 30 Zentimeter große Loch im linken oberen Teil des schönen Altars. „Dort soll während des Siebenjährigen Krieges bei der berühmten Schlacht von Hastenbeck eine Kanonenkugel durchgeflogen sein“, sagt der 44-jährige.

2 Bilder
Ein echter Hingucker: Die prachtvolle Orgelempore.

Für Pastorin Birgit Schulz, die erst seit Oktober für die Hastenbecker Kirchengemeinde zuständig ist, zeichnet sich das Gotteshaus vor allem durch das Farbenspiel aus. Sie meint: „Die Farbgebung der Kirche schafft eine anheimelnde Atmosphäre – es gibt überall etwas zu entdecken.“ Ganz besonders angetan ist sie von der Kanzel. „Die Bilder rund um die Kanzel verbinden mit ihren eher weltlichen Darstellungen und Sinnsprüchen auf wundervolle Weise theologische Botschaften und den Alltag der Menschen unserer Gemeinde“, erklärt sie und fügt an, dass es gerade mit Kindern und Jugendlichen immer wieder eine Wonne sei, durch die alte Kirche zu streifen. Denn gerade die jungen, wissbegierigen Menschen entdeckten oftmals Kleinigkeiten, denen sie dann gemeinsam auf den Grund gingen.

Auf der die ganze Breite der Kirche nutzenden Empore über dem Eingang befindet sich kirchentypisch die Orgel. Lühr: „Wer die Orgel seinerzeit gebaut hat, das weiß man heute nicht mehr.“ Aber, so Lühr weiter, sie stamme aus dem Jahr 1703. Sogar der berühmte Orgelbauer Philipp Furtwängler habe Mitte des 19. Jahrhunderts reparierende Hand an das Musikinstrument gelegt. Zuletzt wurden die 17 teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Register 1994 restauriert, zudem wurde der Klang verbessert. Zwar gibt es hinter der Kirche eine kleine Freifläche, aber den Haupteingang und den angrenzenden Schlosspark trennt nur ein schmaler Fußweg, so dass ein Gesamtblick auf die Front der Kirche nicht möglich ist. Im Schlossgarten selbst versperren Büsche und Bäume die freie Sicht auf den Glockenturm, aber für interessierte Besucher hat Bernd Lühr auf der kircheneigenen Internetseite Fotos und eine Luftaufnahme bereitgestellt, die die Lage der Kirche sehr gut zeigen. Auf Dauer mit der Geschichte der Kirche verbunden ist auch die Geschichte der Familie von Reden, nicht zuletzt wegen des mächtigen Epitaphs im nördlichen Seitenschiff der Kirche. „Für ihren verstorbenen Sohn Christian Friedrich von Reden ließ die Mutter dieses fast sieben Meter hohe Kunstwerk errichten“, erzählt Lühr und führt aus, dass die Familie seit 1640 die Kirche ausgestattet habe. Das seit dieser Zeit bestehende Patronat der Familie wird derzeit von Frank-Garlich Hohlt wahrgenommen. „Der Patron hat das Präsentationsrecht, darf also bei Bedarf einen neuen Pastor vorschlagen“, erklärt Pastorin Schulz, fügt aber an, dass der Patron eng mit dem Kirchenvorstand zusammenarbeitet, was im Mittelalter nicht immer der Fall war.



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