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"Die Welle": Ernst zu nehmender Versuch, Jugendbuch-Klassiker filmisch umzusetzen

Ein Experiment läuft aus dem Ruder

Das Buch "Die Welle" von Morton Rhues gehört wohl zu den bekanntesten Jugendbüchern der letzten Jahrzehnte und das zugrundeliegende Experiment zur anhaltenden Virulenz faschistischer Verhaltensweisen aus dem Jahr 1967 an einer ganz normalen Schule in einem ganz normalen demokratischen Staat ist damit in das Bewusstsein von Millionen Menschen gerückt.

veröffentlicht am 25.03.2008 um 00:00 Uhr

Die Weißhemden formieren sich. Foto: pr.

Autor:

Ulrich Reineking

In der Filmversion von Dennis Gansel wird der Versuch unternommen, dieses aus der Kontrolle geratene Experiment von pädagogischer Aufarbeitung totalitärer Mechanismen in einer Schulklasse nachvollziehbar zu machen - gelungen ist das nur teilweise. Dabei hat der Regisseur mit Jürgen Vogel eine fast traumhafte Besetzung für die Figur des Gymnasiallehrers Rainer Wenger gefunden, der als Ex-Hausbesetzer eigentlich keinen Bock hat, seine Schüler mit der Staatsform "Autokratie"zu konfrontieren und sehr viel mehr Lust gehabt hätte, sie am süßen Duft der Anarchie schnuppern zu lassen - zumindest im pädagogischen Diskurs. Demonstriert wird den Kids dann im Rahmen eines sozialen Experiments, wie sich liberale Strukturen unter Durchsetzung eines scheinbar harmlos-selbstverständlichen Regelwerks verändern und verfestigen, bis sich dies in Eigendynamik zu einer Bewegung entwickelt, "die Welle", die alle vorher gültigen Ansprüche und Ideale überrollt. Über die Entwicklung und Verabsolutierung von "Gemeinschaft" wird eine ganze Schulklasse innerhalb weniger Tage in eine diktatorische Insel verwandelt und dabei die bisher geltenden Charaktere der Schüler ebenso "auf den Kopf stellt", wie die des leicht ausgeflippten Lehrers mit seinen antiautoritären Tendenzen. Sehr gut deutlich wird der Prozess in den Figuren der Schüler, wo die jungen Darsteller wie zum Beispiel Jennifer Ulrich und Max Riemelt zwar durchweg nur als Klischees bestimmter Typen und ihrer unterschiedlichen Reaktionsweisen auf das Experiment agieren (dürfen?) und damit dieVeränderungen einigermaßen nachvollziehbar machen. Beim Lehrer Wenger als dem Initiator des Projekts aber gelingt es Jürgen Vogel trotz seiner konzentrierten Spielweise einfach nicht, den Prozess glaubhaft zu machen, in dem aus einem antiautoritären Hedonisten ein autoritärer Spießer wird. Trotzdem lohnt es sich, diesen Film als ernsten Versuch der Bewältigung dieses Stoffes anzuschauen - allerdings nicht ohne dazu auch das Buch zu lesen, wenn man die Komplexität der Vorgänge wirklich begreifen will. Außerdem ist das Ganze auch ein recht lebendiges Stück Kino, das zwar irritieren, aber sicher nicht langweilen kann.



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