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Eg Witt schrieb Kindheitserinnerungen nieder

Ein Blick zurück für heute

Rinteln. "Über Festungsoffiziere, Baroninnen und Universitätsprofessoren erfährt man einiges aus der Rintelner Stadtgeschichte und den Archiven - aber zur Geschichte und zum Leben der kleinen Leute, die den Reichtum der Stadt erwirtschaftet haben, gibt es kaum irgendwo Dokumente oder Publikationen", dachte sich der Rintelner Maler Eg Witt. Und nachdem er beispielsweise den Glasmachern schon in seiner Glas-Installation vor Jahren ein Denkmal gesetzt hat, machte er sich jetzt daran, dieses offenkundige Versäumnis nachzuholen.

veröffentlicht am 08.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Ulrich Reineking

Der Künstler nutzte dafür ein Material, das nach seinen eigenen Erläuterungen im Gegensatz zu Leinwand, Farbe oder Metall stets überreichlich zur Verfügung steht: die Wörter der deutschen Sprache. Ohne damit auf Dauer oder gar ausschließlich in die Schriftstellerei zu wechseln, schrieb er unter dem Titel "Glutofen" Geschichten über "eine Kindheit im Weserbergland in den 50er Jahren" nieder und stellte dabei die einfachen Menschen in den Mittelpunkt . Menschen, wie etwa die Glasbläser, von denen die Umgebung geprägt war, in der er aufwuchs: das Hüttjerviertel unweit der Eisenbahnlinie, als historische Arbeitersiedlung und sozialer Mikrokosmos, mit Konsumladen, Gaststätte und anderen Einrichtungen. Über die biografische Betroffenheit hinaus gelingt es ihm, dieses proletarische Biotop in allen seinen Facetten einzufangen und lebendig darzustellen. Witt leistet dabei zugleich ein gutes Stück Erinnerungsarbeit an die Nachkriegszeit. In gut zwei Dutzend Episoden beleuchtet er dabei zum Beispiel die Bedeutung des Kinos als einem Ort der Begegnung mit der "Welt da draußen" und andere Facetten des kulturellen Freizeit-Erlebens. Da wird erkennbar, wie intensiv die Rintelner damals noch mit ihrem Fluss, der Weser, lebten, der Angelgrund und Badegelegenheit zugleich war. Da werden die Rituale des Ersten Mai lebendig, blicken wir in die Beschränktheit der sozialen Lebensverhältnisse und vollziehen nach, in welchem Maße dies alles auf Nachbarschaftlichkeit und Verbundenheit aufgebaut war und wie sich selbstverantwortete Gemeinsamkeit auch in Organisationen wie den Naturfreunden oder bei Gelegenheiten wie Backtag und Tanzvergnügen vollzog. Dies alles verbleibt nicht in der Wiedergabe des Nostalgischen, sondern belegt auch die menschliche Sinnfälligkeit, die in diesen Strukturen lag und die auch heute noch als Beleg dafür dienen können, wie wichtig solch aktives Gestalten im Miteinander für das Menschsein überhaupt steht. Natürlich fehlt es nicht an anekdotischen Aspekten, am Skurrilen und Absonderlichen, doch zeigt sich in allen Episoden und Anmerkungen die Achtung vor den Handelnden. Genau das macht aus dem gut 100-seitigen Büchlein mit seinen eindrucksvollen Fotodokumenten ein Werk, das aus dem Blick zurück auf Möglichkeiten auch für heute und morgen verweist. "Glutofen" von Eg WittWartberg Verlag, ISBN 978-3-8313-1952-7



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