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Im Herzen Europas: Die Sächsisch-Böhmische Schweiz ist ein Wander- und Kletterparadies mit vielen ruhigen Winkeln

Ein begehbares Märchen aus Sand und Stein

Das freie Europa macht es möglich. Dort, wo das Lausitzer Gebirge, die Böhmische und Sächsische Schweiz sich verschmelzen zu einer der schönsten Wanderregionen, scheinen sie unaufhaltsam einzufallen, die Touristenströme aus aller Welt. Die Besucherzahlen sind jedenfalls erfreulich. Man findet aber auch die stillen Ecken und Winkel in dieser abwechslungsreichen Landschaft, nicht nur in tiefen Schluchten und auf dem berühmten Malerweg, sondern auf tschechischer Seite in unberührter Natur und vor der Kulisse einer beeindruckenden Volksarchitektur.

veröffentlicht am 30.10.2009 um 15:45 Uhr

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Autor:

Hartmut Kölling

Die dicht aneinandergereihten Felsenstädte im Herzen Europas lassen die Wogen der Gefühle hoch schlagen – zwischen Schrecken und Entzücken schwanken die Emotionen beim Anblick dieser Erosionslandschaft. Bei „Lendenbraten mit Knödeln“ und einem frischgezapften Pilsener Urquell ist es mir gelungen, die Faszination, das „Märchen aus Stein“ zu verdauen.

Aus der sächsischen Tiefebene kommend, steigt sie plötzlich hinter Pirna südöstlich von Dresden schroff empor: die jahrhundertealte Kulturlandschaft des Elbsandsteingebirges mit dem Basteifelsen, einem der bekanntesten Naturdenkmäler Deutschlands. Ich kreuze unterhalb der Festung Königstein die Elbe bei Bad Schandau und fahre auf der schmalen Elbuferstraße über den ehemaligen Grenzübergang Schmilka, Hrensko (Herrnskretschen), auf Decin (Tetschen) zu, einst die Residenz der Grafen Thun-Hohenstein. Auf tschechischem Terrain treffe ich nach mehrstündigem Anstieg über den Gabrielensteig am mächtigen Prebischtor, der größten Sandsteinbrücke Europas, auf ehrgeizige Wanderer und Gipfelstürmer – junge, risikofreudige Kletterer und Ausflügler mit Kind und Kegel. Das gleiche Bild in den tiefen Schluchten der Kamenice bei Ruzova (Rosendorf), wo Besucher in Kähnen lautlos über kristallklares Wasser durch die canyonartige Edmundsklamm und Wilde Klamm gestakt werden. Hier an der sächsischen Kirnitzsch und böhmischen Kamenice, genau auf der ehemaligen Grenze, wachsen sie, die grünschattigen Moose, Farne und Gräser.

Wie auf einem Ameisenhaufen geht es in dem bizarren, über 600 Meter hohen Tyssaer Felslabyrinth zu. Auf die Sicherheit hat man selbst zu achten. So findet sich kein einziges Absperrgitter auf der Sandsteinscholle in Sichtweite des Erzgebirges. Vorsichtig klettere ich die abgetretenen Treppenstufen, dann die steile Eisentreppe zwischen wuchtigen Felsbrocken hinab zum Trainingscamp der Bergsteiger und Steilwandartisten. Überdimensionale Rucksäcke, Hängematten, Hunde, Kleinkinder, jede Menge Seile und Utensilien sind hier zu finden. Schlafplätze unter den Felsen. Das ist Abenteuer pur. Filmemacherin Bettina Wobst liebt das Klettern seit ihrer Kindheit. „Man braucht einen ausgeprägten Willen und vielleicht auch wirklich etwas Verrücktheit, um sich weg von der sicheren Erde hinauf ins Ungewisse zu wagen“, sagt sie.

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Touristische Tipps gibt es im böhmischen Teil jede Menge, so die Felsenburg und Einsiedelei Sloup v. Cechach, einst Kultstätte des Romantismus, sowie die auf einem steilen Felskegel gelegene Burg Tolstejn im Lausitzer Gebirge. Weiter im Süden, westlich von Novy Bor, dem Zentrum der böhmischen Glasindustrie, ist der schönste und größte Basaltaufschluss Europas zu besichtigen. Die Basaltsäulen der Steinernen Orgel von Kamenicky Senov sind 25 Meter hoch. Die 30 Millionen Jahre alten Herrenhausfelsen sind ein geologisches Wunder, das erst kürzlich für Touristen rundum erschlossen wurde.

Ich fahre auf Böhmisch Leipa zu und entdecke eine Stadt im Aufbruch, etwa 80 Kilometer nördlich von Prag. Eine interessante Mischung aus Industrie- und Verwaltungszentrum mit historischem Stadtkern. Ganz in der Nähe liegt der Macha-See, ein Bade- und Segelparadies. Benesov nad Ploucnici überrascht mit zwei wunderschönen Renaissanceschlössern aus dem 16. Jahrhundert und einer über die Region hinaus bekannten Konditorei.

Zurück in Sachsen, zieht vor allem das wildromantische Kirnitzschtal bei Bad Schandau Massen von Elbsandstein-Touristen an. Seit 1898 befördert die historische Straßenbahn ihre Fahrgäste auf einer Länge von acht Kilometern bis zum Lichtenhainer Wasserfall. Zu den wildzerklüfteten Schrammsteinen führt ein bequemer Weg, zunächst. Nur die letzten Meter über Eisensprossen zur Aussichtsplattform erfordern fast sportlich-drahtige Qualitäten.

Die Nationalparkregion Sächsisch-Böhmische Schweiz wächst zunehmend zusammen, wie im 2001 eröffneten Nationalparkhaus, einem der modernsten Naturschutzinformationszentren Deutschlands, in Bad Schandau zu vernehmen ist. Davon konnte sich auch Bundespräsident Horst Köhler bei seinem Besuch überzeugen, schrieb ins Gästebuch: „Es waren schöne Stunden im Nationalpark Sächsische Schweiz: Zugang zur Natur, Zugang zur Schöpfung, Gemeinschaft in der Heimat mit viel Engagement der Bürger. Das kann nur Mut machen für die Zukunft.“

Wabenartige Felsoberflächen locken auch Dolmetscherin Sona Sosnova an. Fotos: Kölling

Das Prebischtor ist die größte Sandsteinbrücke in Europa

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