weather-image
11°
×

Mit einem Auto aus dem 3-D-Drucker will ein Amerikaner den Fahrzeugbau verändern

Eilige Drucksache

veröffentlicht am 13.12.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Chicago. „Schatz, schreibst du bitte neuen Toner auf den Einkaufszettel, ich habe uns gerade ein Auto gedruckt.“ Ganz so weit wird es zwar nicht kommen, zumindest nicht so schnell. Doch wenn es nach John Rogers geht, können sie zumindest in Wolfsburg oder Detroit bald die Pressen mit ihren millionenschweren Formen ausmustern, die die Produktionsvorbereitung für ein neues Auto so langwierig und teuer machen. Und die endlosen Straßen der Schweißroboter gleich mit. Denn Rogers ist Chef des amerikanischen Start-up-Unternehmens Local Motors und träumt vom Auto aus dem 3-D-Drucker.

Vor ein paar Wochen ist er diesem Traum ein gutes Stück näher gekommen: In nur 44 Stunden hat sein Team auf einer Messe in Chicago den Strati gedruckt, weitere 15 Stunden wurde die Karosse computergesteuert geschliffen, gefräst und poliert, und binnen zwei Tagen war die Antriebstechnik des Renault Twizy eingebaut. Eine druckreife Leistung. Und eine technische Revolution. Denn statt aus Tausenden einzelner Teile besteht der Strati nur noch aus 50 Komponenten. Und die Karosserie ist bis auf die vier aus Stylinggründen in Gegenrichtung gedruckten Kotflügel buchstäblich aus einem Guss.

Während VW oder Ford Monate im Voraus ihre Werkzeuge bestellen, für Wochen die Fabrik schließen und Millionen investieren müssen, wenn sie ein neues Modell auflegen, hat Local Motors nur eine Million Dollar in die Hand genommen und eine neue Software auf den 3-D-Drucker gespielt.

John Rogers (kleines Foto) ist Chef des amerikanischen Start-up-Unternehmens Local Motors. In 44 Stunden hatte sein Team den ersten Strati gedruckt, 15 Stunden lang wurde die Karosserie computergesteuert geschliffen, in weiteren zwei Tagen die Antriebstechnik des Renault Twizy eingebaut . Bessinger/SP-S

Schon spritzt er wie mit der Heißklebepistole aus seinen Kunststoff-Spaghetti jedes Auto, das man haben will, schwärmt der Chefingenieur Nestor Llanos: „Roadster, Geländewagen, selbst einen einzigartigen Bugatti Royale könnten wir über Nacht neu auflegen.“ Wenn das irgendwann einmal im großen Stil gelingt, könnte es den Automobilbau ähnlich verändern wie die Einführung des Fließbands oder die Erfindung der Plattformstrategie, schätzen die Amerikaner.

Während der Showstar aus Chicago deshalb jetzt von einem PR-Termin zum anderen tingelt und sich Firmenchef Rogers für seinen Pioniergeist gebührend feiern lässt, ist Projektleiterin Allegra West längst wieder am Stammsitz in Phoenix, hat bereits einen zweiten Prototyp gedruckt und treibt die Entwicklung voran. Sie arbeitet an einem Drucker, der gleichzeitig auch fräsen kann, und macht sich Gedanken darüber, wie man den Kunststoff, aus dem der Strati gespritzt wird – übrigens der gleiche, wie bei Legosteinen –, so mit Karbon anreichern kann, dass er auch Crashtests besteht. Schließlich will ihr Chef so ein Auto schon in einem Jahr auf der Straße sehen. Preis: gerade mal 18 000 Dollar.

Viel Zeit hat Miss West also nicht. Doch zumindest kurz gibt sie ihren Strati aus der Hand – für eine exklusive Probefahrt auf dem weitläufigen Firmengelände. Dass der Wagen noch die falschen Räder hat oder ihm ein paar Kabel aus dem Heck hängen, darf dabei nicht stören. Und dass sogar die Sitze fehlen, ist auch kein Schaden. Im Gegenteil: So kann man viel besser die kilometerlangen Kunststoffwülste erkennen, aus denen der Strati gespritzt wurde: Eine Lage nach der anderen, schön gleichmäßig, haben sie Minute für Minute einen hübschen kleinen Roadster geformt.

Während diese Kunststofffäden bei gewöhnlichen 3-D-Duckern für den Heimgebrauch haarfein sind, hat Local Motors das Auto mit neun Millimeter starken Strängen gespritzt. Kein Wunder, dass pro Stunde über ein Zentner der Kunststoffmasse aus der Düse gepresst wurde. Zwar sieht der offene Zweisitzer so fragil aus, als wäre er aus Pappmaschee, sodass man ganz, ganz vorsichtig über die Brüstung steigt und sich zaghaft auf die schwarze Bank niederlässt, auf der später mal rote Sitze montiert werden sollen. Doch das Material ist nichtweich oder gibt nach, sondern extrem fest und fühlt sich an wie Beton. „Der Kunststoff hat mit den 30 Prozent Karbonanteil, die wir hineingemischt haben, die gleiche Festigkeit wie Aluminium“, sagt die Projektleiterin.

Kann also gar nichts passieren, wenn man irgendwo unter dem Lenkrad die frei herumbaumelnde „Schaltung“ aus dem Twizy findet, auf „D“ drückt und der Strati mit seinen 60 PS langsam davonsurrt.Weil an der Antriebstechnik nichts geändert wurde und das Gefährt mit gut einer Tonne mehr als doppelt so viel wiegt wie der Scheibletten-Smart aus Frankreich, geht es zwar nur gemächlich voran. Außerdem hat er mit den händisch gespreizten Twizy-Achsen einen Wendekreis wie ein Pick-up-Truck und mit den viel zu kleinen Rädern eine Bodenfreiheit wie ein tiefergelegter Porsche. Und bei knapp 100 km/h ist ohnehin schon wieder Schluss, schätzt West. Doch die wichtigste Mission hat der Zweisitzer damit längst erfüllt: Er hat bewiesen, dass er fährt. Und zumindest unter der sengenden Sonne Arizonas auf einem riesigen Parkplatz macht das erste Auto aus dem 3-D-Drucker sogar richtig Spaß – läuft doch wie gedruckt!



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt