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Die 125-jährige Geschichte des Geflügelzuchtvereins Bückeburg

"Eigentlich müssten wir unseren Namen ändern"

Landkreis (gp). "Eigentlich müssten wir unseren Vereinsnamen ändern", schmunzelt Manfred Dralle, Pressewart und stellvertretender Vorsitzender des Geflügelzuchtvereins (GZV) Bückeburg e. V. "Geflügelzüchter in und aus Bückeburg gibt es in unseren Reihen nämlich gar nicht mehr". Das Halten von Federvieh in städtischer Umgebung sei praktisch unmöglich geworden. "Wo sich die Leute über Kirchengeläut, Kindergeschrei und Tennisspiel aufregen, wird auch das Krähen eines Hahns oder das Gackern einer Henne als Störung empfunden."

veröffentlicht am 27.02.2009 um 07:39 Uhr

Teilnehmer eines diesjährigen Mitgliedertreffens. Repros: gp

"Gott sei Dank" habe diese Einstellung, so Dralle, noch nicht auf die Dorfbewohnerschaftübergegriffen. Nicht umsonst sei der größte Teil des deutschen Federviehs heutzutage in ländlichen Regionen und vor allem in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern anzutreffen. Auch die Geflügelhalter des GZV Bückeburg sind mittlerweile allesamt in Ortschaften und Siedlungsteilen außerhalb der Ex-Residenz zu Hause. Unumstrittene Hochburg ist Evesen. Deshalb soll dort auch die Jubiläumsfeier zum 125-jährigen Bestehen des Vereins über die Bühne gehen (über Einzelheiten der an diesem Wochenende stattfindenden Festveranstaltung hat unsere Zeitung schon an anderer Stelle berichtet). Angefangen hatte es mit der Geflügelzucht hier zu Lande auf Anregung und mit wohlwollender Unterstützung der schaumburg-lippischen Obrigkeit. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts traten nämlich deutschlandweit Nahrungsmittelengpässe auf. Auslöser war der starke Anstieg der Industriebevölkerung in den Städten. Durch die Gründung von Zuchtvereinen und das von ihnen "ausstrahlende" züchterische Knowhow hoffte man die Fleisch- und Eierproduktion zu steigern. 1882 kam es zur Gründung des "Vereins für Geflügelzucht, Obstbau, Bienen- und Kaninchenzucht im Fürstentum Schaumburg-Lippe". Zum Vorsitzenden wurde der Stadthäger Landrat Wippermann bestellt. Hauptgeschäftsstelle war Stadthagen. In Bückeburg und Hagenburg wurden eigenständige "Sektionsstandorte" eingerichtet. Eine besondere Rolle spielte während der ersten Jahrzehnte Prinz Hermann, zweit ältester Sohn des zwischen 1860 und 1893 residierenden Fürsten Adolf Georg. Hermann galt als "eine der sonderlingshaftigsten, eigenartigsten und urwüchsigsten Persönlichkeiten unter den deutschen Prinzen" (zeitgenössische Beschreibung in der Zeitschrift "Niedersachen"). Bereits vor dem offiziellen Start des hiesigen Geflügelzuchtwesens war er durch unorthodoxe, zuweilen absonderlich anmutende Tierhaltungsmethoden aufgefallen. Beim Gründungsakt wurde ihm die Rolle des "allerhöchsten Vereinsprotektors" (Schirmherr) zugewiesen. In puncto Mitgliederzulauf wirkte sich die Nähe zum Fürstenhaus positiv aus. Bis zum Jahre 1909 schwoll der Bückeburger Mitgliederbestand auf mehr als 1780 Personen an. Mehrmals im Jahr wurden große Ausstellungen und Informationsschauen veranstaltet. Über das interne Vereinsleben ist wenig bekannt. Die vor 1926 abgefassten Protokollbücher sind verschollen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mussten sich die Geflügelfreunde völlig "neu sortieren". Mit dem Tode Prinz Hermanns (1918) und dem Ende der Fürstendynastie war die "schützende Hand" abhanden gekommen. 1922 wandelten sich die Mitgliedergemeinschaften der bisherigen Sektionsstandorte zu eigenständigen Vereinen um. Für die Bückeburger begann ein wechselvolles Auf und Ab. Um ein Haar wäre es zur Spaltung gekommen. 1934 stiegen die Sparten Obstbau und Brieftaubenzucht aus der Bürgergemeinschaft aus. Gut ein Jahrzehnt später machten die katastrophalen Ereignisse und Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs einen neuerlichen (dritten) Anlauf erforderlich. Der einsetzende wirtschaftliche Aufschwung schlug sich auch in puncto Tierhaltung nieder. Die Geflügelzucht, die bis dato auch und vor allem Teil der Nahrungsversorgung gewesen war, wurde mehr und mehr zum reinen Hobby und Freizeitvergnügen. Die Großhuhn- und Gänse-Gehege mussten Zierrasen und Blumenbeeten weichen. "Heutzutage wird praktisch nur noch Kleingeflügel gehalten", so Vereinssprecher Dralle. Das sei auch auf kleinstem Raum tiergerecht möglich. Erund seine Vorstandskollegen wollen die Jubiläumsfeier benutzen, um für die guten Ziele ihres derzeit 106 Mitglieder starken Vereins zu werben, denn "Geflügelzucht ist eine der schönsten, interessantesten und lehrreichsten Feierabendbeschäftigungen, die man sich denken kann".

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  • Ein Bild aus vergangenen Tagen: Teilnehmer einer Geflügelschau des Vereins 1932 in Scheie.

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