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Jens Gräbig übt einen aussterbenden Beruf aus, er ist Hufschmied und weiß, was Pferde brauchen

„Eigentlich ist es wie Fingernägelschneiden“

Hessisch Oldendorf (boh). Im Zuge der Technisierung und Automatisierung gibt es in Deutschland viele Traditionsberufe, die absoluten Nachwuchsmangel beklagen und vermutlich in absehbarer Zeit aussterben könnten. Einer dieser Berufe ist der Hufbeschlagschmied – kurz „Hufschmied“ genannt. Im Hessisch Oldendorfer Stadtgebiet übt der Segelhorster Jens Gräbig sehr erfolgreich dieses alte Handwerk aus.

veröffentlicht am 22.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.03.2010 um 10:10 Uhr

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Seine Ausbildung hat der 40-Jährige 1993 in Barsinghausen begonnen. „Zu einer Zeit, als dieser Berufszweig noch gar keine eigene Ausbildungsregelung hatte“, erklärt er. Somit erwarb er sich sein Basiswissen im Metallbau mit der Fachrichtung „Metallgestaltung“. Das Spezialgebiet des Hufbeschlags lernte er anschließend an einer staatlich anerkannten Hufbeschlagschule. „Davon gibt es derzeit fünf Schulen in Deutschland“, berichtet Gräbig. „Der Umgang mit Pferden verlangt viel Fingerspitzengefühl. Angst sollte man nicht zeigen. Die Tiere merken das sofort“, betont er.

Für ihn ist das kein Problem. Gräbig ist ein echter Pferdenarr – er besitzt eigene Tiere und weiß, wie man mit ihnen umgehen muss, und was ihnen guttut. Alle sechs bis acht Wochen sollten Pferdehufe neu beschlagen werden. Wartet der Besitzer länger, habe das Tier Schmerzen, erklärt er. „Der Huf passt nicht mehr zum Fesselstand, rund 50 Sehnen und Knochen werden überstrapaziert.“

Für seine Arbeit braucht Gräbig vor allem Geduld und Ruhe, damit das Pferd beim Beschlagen nicht nervös wird und austritt. „Jedes Tier reagiert anders“, hat ihn die Erfahrung gelehrt. „Viele Pferde lassen die Prozedur geduldig über sich ergehen, doch temperamentvolle und junge Tiere können sich manchmal schmerzhaft wehren.“ „Ich achte beim Beschlagen prinzipiell auf die Reaktionen des Pferdes.“ Wichtig sei, immer schneller zu sein als das Tier, so könne man Schmerzen vermeiden.

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Joker heißt das stattliche Pferd der Großenwiedener Tierheilpraktikerin Michaela Neitz. Seit Jahren beschlägt Gräbig ihren Hengst. „Beim Beschlagen arbeite ich immer mit dem Besitzer zusammen“, betont der Hufschmied. Harte körperliche Arbeit sei das, da die Pferde schwer sind und nicht alles so täten, wie er es gern hätte. Die Besitzerin muss also mit ran: Michaela Neitz hält den Huf ihres Pferdes hoch, damit Gräbig freie Hand hat. Zunächst entfernt er das alte Hufeisen und schneidet das Horn vom Huf. Dazu verwendet Gräbig Hufmesser, Hufklinge, Klopfschlegel und Schneidezange. Anschließend wird der grobe Schnitt mit einer speziellen Raspel glattgefeilt. „Das Pferd hat bei diesem Vorgang keinerlei Schmerzen.“ Es sei wie Fingernägelschneiden.

In seinem transportablen Gasofen, den Jens Gräbig in seinem Transporter mit sich führt, erhitzt er das Eisen. Danach wird es glühend heiß dem Pferd auf den Huf gebrannt. Dadurch entsteht ein Bett im Huf – der Brandgeruch ist streng. „Außerdem wird das Horn so versiegelt, was vor Bakterien schützt“, erklärt Gräbig. Am Amboss, den der Hufschmied ebenfalls im Wagen hat, bekommt das Eisen seinen letzten Schliff und wird dann mit langen Hufnägeln am Horn befestigt. Auch davon spüre das Pferd nichts. Abschließend treibt Gräbig mit einem sogenannten Unterhauer kleine Nietbetten in die Hufe. Darin verschwinden die Nägel später nahezu. Auch nach 16-jähriger Tätigkeit würde Gräbig diesen Beruf wieder erlernen, meint er. „Du hast immer mit anderen Leuten zu tun, das ist großartig.“

Wenn Jokers Hufe neu beschlagen werden, dann muss Besitzerin Michaela Neitz mithelfen. Sie hält den Huf, während Jens Gräbig das Eisen mit einer Zange löst (oben). Später wird das neue Hufeisen eingebrannt, um es individuell anpassen zu können (li. unten). Erst dann bekommt es auf dem Amboss seinen letzten Schliff (re. unten).

Fotos: boh



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