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Wie unsere Vorfahren dem Nutztier Schwein und seinen diversen Krankheiten zu Leibe rückten

Eichelmast und „wildes Feuer“

Vor etwa acht Jahren war es die „MKS“ (Maul- und Klauenseuche), die die Leute erschauern ließ. Später erhitzte die „Schweinepest“ die Gemüter. Und seit geraumer Zeit sorgt die sogenannte „Schweinegrippe“ für große Aufregung im Lande. Leidtragender ist, wenn auch nur indirekt und ohne eigenes Zutun, das Schwein.

veröffentlicht am 01.01.2010 um 23:00 Uhr

Schweinehirt und Schweineherde während der Eichelmast, dargestel

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das Borstentier aus der Familie der Paarzeher wird zunehmend in die Rolle eines vierbeinigen Volksschädlings gedrängt. Das aber wird der intelligenten Kreatur nicht gerecht. Der mit einem charakteristischen kegelförmigen Rüssel ausgestattete Allesfresser ist erwiesenermaßen seit mehr als 5000 Jahren der wichtigste und wertvollste Begleiter des Menschen. Mehr noch: ohne Schwein ist die Entwicklung des heutigen Homo sapiens praktisch nicht vorstellbar.

„An Nutzbarkeit für die Nahrung übertrifft das Schwein alle Haustiere, da außer seinem derben Fleische, Speck und Schmer, thatsächlich alle Weichteile, selbst die Schwarte, gegessen und auch das Blut, das bei anderen Haustieren ungenießbar ist, verwendet wird“, kann man in einem 1901 gedruckten Standardwerk mit dem Titel „Das deutsche Nahrungswesen“ nachlesen. „Für Ohren, Rüssel, Füße, Lunge, Milz, Magen usw. kommt die Wurst in Betracht“. Und auch die „Klein- und Innenteile, Füße, Kehle, Maul, Lunge, Leber, Herz, Nieren, Hirn, Därme etc.“ müssten nicht zum Abfall geworfen werden.

Kein Wunder, dass sich ein derart nützliches Lebewesen bei unseren Vorfahren größter Beliebtheit erfreute. Vor allem für die kleinen Leute war das Schwein bis in die jüngste Vergangenheit hinein ein unverzichtbarer Bestandteil der Daseinsvorsorge. Die seelenlos-industrielle Ausbeutung unserer Tage gab es noch nicht; und auch millionenschwere Entschädigungszahlungen des Staates an seuchengefährdete Mastfabriken hätte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch kein Mensch vorstellen können.

Darstellung vom Schweineschlachten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Bis vor 200 Jahren wurden Schweine zum Fressen in die umliegenden Eichen- und Buchenwälder getrieben. Das Hüten war Aufgabe der Kinder. Später mussten die Dorfbewohner Hirten einstellen. Die Stallhaltung wurde erst eingeführt, als die Wälder aufgrund der starken Bevölkerungszunahme ruiniert und im wahrsten Sinne des Wortes leer gefressen waren.

Die Massenaustrieb und der Kontakt mit Wildschweinen führten immer wieder zur Ausbreitung von Seuchen – eine nicht nur für die Tiere lebensbedrohliche, sondern auch für die Besitzer meist Existenz gefährdende Situation. In einer Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen „Oeconomischen Encyclopädie“ sind unter anderem die damals bekannten Schweineerkrankungen, deren Symptome und die wissenschaftlich erforschten Heilungsmöglichkeiten beschrieben. Alles in allem ist von mehr als 20 verschiedenen Bedrohungen die Rede.

Die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen haben es in sich. Bei „Bräune oder Kehlsucht“ mussten die Tiere „zur Ader gelassen werden, welches jedoch nur am Ohre und am Schwanze dergestalt geschehen muß, daß man entweder in jedes Ohr einen ungefähr zwei Finger breit tiefen Kerb macht, oder auch ein Ende vom Schwanze abschneidet“.

Die sogenannte „Borstenfäule“ machte eine Notoperation erforderlich. „Man wirft das Thier zu Boden, nimmt einen kleinen eisernen Haken, der in einem Stiele fest gemacht ist, stößt ihn in die Dicke der Haut, worauf die Borsten sitzen, hält das Instrument mit der linken Hand fest, während man in der rechten ein scharfes Messer mit schmaler Klinge hält, und den ganzen kranken Theil von seinem Grunde abschneidet und ablöset“.

Bei vielen anderen Erkrankungen half nur noch beten. So waren laut Encyclopädie einige Entzündungsfieber „so verheerend, daß in kurzer Zeit die Herde davon weggerafft wird“. Eine minimale Chance, ein paar Schweine am Leben zu erhalten, biete nur die sofortige Isolierung der erkrankten und die Verabreichung von Salpeter und Glaubersalz an die noch nicht auffälligen Tiere.

In der hiesigen Region wurde, wenn nichts anderes mehr half, das „wilde Feuer“ entfacht – eine Art Radikalkur, um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Wie die Sache ablief, kann man in alten Überlieferungen nachlesen. Eine davon hat in den 1920er Jahren der Bückeburger Pastor und Heimatkundler Hermann Heidkämper entdeckt. Danach ging eine derartige Prozedur noch Mitte des 19. Jahrhunderts in Obernwöhren (bei Stadthagen) über die Bühne. Zunächst sei die Dorfstraße „zwischen Schmiede und Bolten Mühle ungefähr acht Schritte lang mit losem Stroh bedeckt“ und auf diese Weise ein „Feuerort“ eingerichtet worden. Als das erledigt war, drückte man eine Eisenstange so lange gegen den rotierenden Mühlstein, „bis daß die Funken aus dem Stein sprühten“. Mit der Glut sei das Stroh angesteckt worden. Als erster wurde, vom tosenden Geschrei der versammelten Einwohnerschaft begleitet, der Schweinehirt durch die Flammen gejagt. Dann mussten die Schweine hinterher. Die glimmenden Überreste nahmen die Leute mit nach Hause und steckten damit die heimische Herdstelle an. Auch die Asche des „wilden Feuers“ galt offenbar als Wundermittel. Sie wurde zwischen das Schweinefutter gemengt.

Von einem ähnlichen Vorgang wie in Obernwöhren ist auch in der Bückeburger Chronik des Historikers Gerd Steinwascher die Rede. Danach soll es in der Residenz bereits im Jahre 1770 eine „Feuerradikalkur“ gegeben haben. Der Stadtrat habe die mancherorts auch als „Notfeuer“ bezeichnete Prozedur angeordnet, weil es in den umliegenden Dörfern und insbesondere in Petzen zur Ausbreitung einer tödlichen Schweineseuche gekommen war.

Eine eindrucksvolle Schilderung kann man auch im Archiv des Kirchspiels Kleinenbremen nachlesen, zu dem früher bekanntlich auch die Schaumburger Gemeinden Luhden, Schermbeck und Knatensen gehörten. „Im Anfange des Monats Juli grasirte die Bräune unter den hiesigen Schweinen und es crepirten 17 Stück daran“, notierte im Jahre 1824 der damalige Dorfpastor Stohlmann. „Man nahm daher zum Aberglauben seine Zuflucht und trieb die gesunden Schweine durch das sogenannte wilde Feuer“. Der Vorgang habe sich ähnlich abgespielt, „wie es bekanntlich die Wilden in Australien und andern Erdgegenden nach den Berichten der Reisebeschreiber zu machen pflegen“. Zunächst habe ein Drechsler auf seiner Drehbank verschiedene Brandmaterialien „so lange und so schnell an einander in starke Reibung versetzt“, bis sie sich entzünden. „Davon wurde ein lustiges Strohfeuer angelegt, dahin hindurch mußte zuvörderst der Schweinehirt in vollem Galopp, um den Grad der Stärke des furchtbaren Elements zu aprobieren, ihm nach peitschen die Jungens die Schweine, und manches Stück wird vielleicht durch den panischen Schrecken vor Übel bewahrt.“



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