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Zwischen Miete, Familie, Aufträgen, Standbein und Spielbein: Freischaffende Künstler in Deutschland - und ihr Weg

Durchzuhalten allein ist schon ein Qualitätsmerkmal

Obernkirchen. Er hat viel Glück gehabt, räumt Christoph Schindler freimütig ein. Seine erste Ausstellung konnte er in seiner Heimatstadt, in Obertshausen, durchführen - "und die war dann gleich ein Knaller." Für Schindler war es vor 13 Jahren der Start in das Leben als freischaffender Steinbildhauer. Er hat sich gegen seinen damaligen Job entschieden, wäre die Ausstellung gefloppt, wäre er zurück in die regelmäßige Erwerbstätigkeit gegangen. Es sei ein Schritt, der gut überlegt werden müsse, meint der 42-Jährige. Wie passt eine Familie in das Berufsleben als freier Künstler? Was ist mit der Altersversorgung? Und was passiert, wenn die Aufträge ausbleiben, die Miete aber dennoch bezahlt werden muss?

veröffentlicht am 29.08.2006 um 00:00 Uhr

Spaß bei der Arbeit? Für Katja Stelljes in diesen Tagen keine Fr

Autor:

Frank Westermann

Schindler hat sich ein zweites Standbein geschaffen: Er arbeitet viel und gern im sakralen Bereich. Dort gebe es oft etwas zu tun: ein neuer Altar, ein neues Taufbecken - und dann wird er angerufen. Denn für einen Künstler sei es schon extrem wichtig, dass er in den Köpfen der Menschen präsent und verankert sei: "Damit er in den entscheidenden Momenten angerufen wird und den Auftrag erhält, weil jemand an seinen Namen gedacht hat." Dies sei die Phase, in der er sich seit zwei, drei Jahren befinde. Man müsse am Ball bleiben, aber einfach sei das nicht: "Durchzuhalten, das allein ist schon ein Qualitätsmerkmal." Und das mit der Familie, das hat Schindler auch unter seinen künstlerischen Hut bekommen: Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Wirtschaftliche Probleme hat Katja Stelljes so gesehen nicht. Die 39-Jährige leitet in Bremen die Filiale eines Steinmetzbetriebes, erhält dafür ein monatliches Salär und hat eine feste Regelung, die Job und Freizeit trennt: "Fünf Tage wird für den Betrieb gearbeitet, einen Tag in der Woche nehme ich mir Zeit für mich und meine Kunst." Das habe - neben der wirtschaftlichen Sicherheit, die eine Arbeitsstelle heute verleiht - auch den Vorteil der größeren künstlerischen Freiheit: "Ich bin nicht auf die Aufträge angewiesen und kann selbst entscheiden, was ich künstlerisch umsetzen will." Wer seine Projekte nicht vermarkten müsse, der gehe zuweilen freier ans Werk. Der Sprung in die Selbstständigkeit, so erzählt Thomas Reifferscheid, sei bei ihm eine lang hinterfragte Entscheidung gewesen - im Bewusstsein, dass die ganze Persönlichkeit dahinter stehen müsse, sonst sei es zwecklos. Einen hohen künstlerischen Anspruch in Verbindung mit einen geregelten Acht-Stunden-Job schließt der Wahl-Berliner aus: Der Beruf des Künstlers sei sehr zeitintensiv, ständig müsse organisiert oder vorgestellt, kommuniziert und weiterentwickelt werden - das schaffe man nicht nach Feierabend. Reifferscheid hat sein Künstlerleben auf drei Standbeine gestützt: den Verkauf seiner Arbeiten im eigenen Atelier, die Zusammenarbeit mit Galerien sowie Architekten und Gartenlandschaftsarchitekten, die er regelmäßig über seine Arbeiten informiert. "Man muss sich immer wieder ins Spiel bringen und Kontakte pflegen", meint er. Dazu gehöre auch die Arbeit auf einem Symposium, die er allerdings als eine Art Urlaub betrachtet: "Das ist eine Spielwiese für Ideen." Und auch über eine Familiengründung hat er schon des öfteren nachgedacht, sich aber bisher bewusst dagegen und damit für die Kunst entschieden. Ganz ausschließen will er Heirat und Kinder aber nicht: "Die Liebe geht bekanntlichihre eigenen Wege." Seinen eigenen Weg, den sollte jeder gehen, meint Kai Lölke. "Wenn nichts mehr sicher ist im Berufsleben, dann kann ich auch gleich das machen, was per se unsicher ist, dafür aber am besten gefällt", plädiert er dafür, ruhig auch mal einen als "brotlose Kunst" eingeschätzten Beruf zu ergreifen. Der gebürtige Stadthäger steht finanziell ebenfalls auf mehreren Beinen: den Verkauf der eigenen Arbeiten, Kurse, die er immer mal wieder anbietet, und die Arbeit im Kunstverein Hannover, wo er für den Auf- und Abbau entlohnt wird. Dadurch könne man nicht nur manche Durststrecke überwinden, sondern auch einmal den Kopf durchlüften: "Wenn man immer nur in der Werkstatt steht, beschäftigt man sich nur mit sich selbst. Zwei Wochen ganz woanders - etwa auf dem Bau - sind dann total befreiend: Man geht hin, arbeitet und kassiert seinen verdienten Lohn." Über seinen Ruhestand denkt er selten nach: "Wir gehen nicht in Rente." Soll heißen: Erst wenn der große Schöpfer sie zu einem höheren Symposium ruft, dann legen echte Steinbildhauer ihr Werkzeug aus der Hand. Und nicht einen Tag früher.

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