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Ein extrem trockener Sommer verursacht vor 100 Jahren wahrhaft katastrophale Verhältnisse

Dürre von April bis September

Wie wird der Sommer? Stimmt es, dass es nach einem strengen Winter einen schönen Frühling gibt? Nach Expertenmeinung sind längerfristige Wettervorhersagen reine Spekulation. Trotzdem wurde und wird seit Menschengedenken nach Anhaltspunkten für die Entwicklung in fernerer Zukunft gesucht. Schließlich waren Kommen und Gehen von Sonne, Wind und Regen für die überwiegend bäuerliche heimische Bevölkerung überlebenswichtig.

veröffentlicht am 29.01.2011 um 00:00 Uhr

Zu den gefragtesten Kleidungsstücken des Sommers 1911 gehörten Strohhüte. Zahlreiche Geschäfte boten „elegante Ausführunge

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Mangels anderer Möglichkeiten orientierten sich unsere Altvorderen an überlieferten Erfahrungen. So auch vor hundert Jahren. Nach den althergebrachten Regeln seien eine erfreuliche „Lenzen- und Sommerzeit“ und ein ertragreicher Herbst zu erwarten, schrieb zum Jahreswechsel 1910/11 die Schaumburger Zeitung. Das werde unter anderem auch durch Bauernsprüche wie „Ist der Hartung (= Januar, von „hart“) hell und weiß, kommt der Frühling ohne Eis, wird der Sommer sicher heiß“ bestätigt. Hintergrund der optimistischen Presse-Prophezeiung: Der Winter war streng und der Januarauftakt 1911 „durchwachsen“ gewesen. Anders gesagt: Die Situation vor hundert Jahren war der heutigen sehr ähnlich.

Doch was dann kam, sprengte alles, was die Leute hierzulande bis dato erlebt hatten. 1911 wurde eines der trockensten und heißesten Jahre seit Menschengedenken. Ganz Mitteleuropa lag monatelang unter einer erdrückenden Hitzeglocke. Besonders unerträgliche Verhältnisse herrschten im Schaumburger Land. Von Ende April bis Anfang September fiel – von zwei kurzen Zwischentiefs und einigen örtlichen Gewittergüssen abgesehen – kein Regen. Die Temperaturen lagen wochenlang über 30 Grad. Nach den Erzählungen der Alten hatte es halbwegs Vergleichbares zuletzt 1838 gegeben.

Schon weit vor der normalen Reifezeit musste an höher gelegenen Standorten mit der „Noternte“ des Getreides begonnen werden. Wiesen und Weiden verdorrten. Eine „Nachmahd“ (zweite Heuernte) war nicht möglich. Viele heimische Bauern mussten mangels Winterfutter ihre Kühe und Rinder abschlachten.

In welcher Aufmachung sich die Rintelner und ihre Nachbarn vor 100 Jahren zur Abkühlung in die (Weser-) Fluten stürzten, lässt s
  • In welcher Aufmachung sich die Rintelner und ihre Nachbarn vor 100 Jahren zur Abkühlung in die (Weser-) Fluten stürzten, lässt sich aus den zeitgenössischen Zeitungsberichten nicht herauslesen. In den mondänen Strandseebädern war damals bereits gewagt-mondäne Badebekleidung in Mode.
Nur die wenigsten Schaumburger Einwohner konnten vor 100 Jahren schwimmen. Das führte zu zahlreichen Unfällen. Bademeister Schli
  • Nur die wenigsten Schaumburger Einwohner konnten vor 100 Jahren schwimmen. Das führte zu zahlreichen Unfällen. Bademeister Schlitzer, Angestellter der Bückeburger Badeanstalt, bot deshalb im Sommer 1911 Schwimmkurse an.

Auch in den Gärten der kleinen Leute sah es zunehmend trostlos aus. Bohnen, Gurken, Kohl und stellenweise auch Kartoffeln verdorrten. Was übrig blieb, fraßen die in ungeahnten Mengen auftretenden Raupen, Hamster und Spatzen. Der Obernkirchener Stadtrat versuchte, der zunehmenden Rattenplage durch Anstellung eines Kammerjägers beizukommen. In manchen Gegenden traten Heuschreckenschwärme auf.

Wasser hatten zuletzt nur noch diejenigen, die in der Nähe eines Bachs oder Tümpels wohnten. Das Gros der Hausbrunnen war versiegt. Bergdörfer wie Steinbergen mussten zusätzlich per Fuhrwerk beliefert werden. Auch die öffentliche Wasserversorgung in den Städten brach weitgehend zusammen. In Rinteln, das von den Quellen in Hohenrode abhängig war, wurden die Haushalte ab Mitte August nur noch drei Stunden pro Tag versorgt. Auch in Stadthagen drehten die Einwohner oft vergeblich am Wasserhahn.

Wer konnte, suchte Abkühlung in den Fluten. Da es nur ganz wenige öffentliche Badeanstalten gab, drängten die Leute an die Seen und Flüsse. Größte Badewanne hierzulande war die Weser. Doch auch dort wurde es zunehmend knapp. Der Fluss war im Laufe des Sommers zum Rinnsal verkommen. Zwischen Hameln und Minden konnten selbst Schulkinder problemlos durch den oberhalb von Vlotho weniger als 30 Meter breiten und streckenweise nur noch 50 bis 70 Zentimeter „tiefen“ Wasserlauf hindurchwaten. Die Schifffahrt war bereits ab Juli mehr und mehr eingeschränkt und schließlich ganz eingestellt worden. Stattdessen sah man zentnerweise tote Lachse, Hechte „und andere bessere Fische“ stromabwärts treiben. Auch in der Aue und in den anderen Bächen des Landes wurden Massenfischsterben beobachtet. Hier traf es vor allem die Forellenbestände.

Trotz der geringen Wassertiefe gab es zahlreiche Unfälle. Nur die Wenigsten konnten schwimmen. Immer wieder kam es vor, dass Leute auf der Suche nach Abkühlung in tiefere Ausbuchtungen gerieten und ertranken. Häufigste Unfallursache des Sommers war jedoch der Hitzschlag. Am Berliner Wannsee kippten laut Zeitungsberichten allein am zweiten August-Wochenende 13 Besucher um.

Auch zahlreiche andere Ereignisse waren laut Agenturmeldungen eindeutig „auf die hundstagsmäßige Glut“ zurückzuführen. So brannten im August und September nahezu alle in und um die hiesige Region herum liegenden Heideflächen und Moore. Auch in den heimischen Dörfern und Städten entzündeten Blitze zahlreiche Häuser und Gehöfte.

Ausflugslokale klagten über das Ausbleiben von Besuchern. Brauereien und Wirten war längst das Kühleis ausgegangen. Darüber hinaus häuften sich Vorfälle, die nach Ansicht der Ärzte nur auf „hitzebedingte Störungen des Hormonhaushalts“ zurückzuführen waren. Fast täglich stießen irgendwo aus unerfindlichen Gründen Fahrräder, Pferdegespanne, Autos und/oder Handwagen zusammen. Am 11. August biss ein Skatspieler in Stadthagen seinem Mitspieler beim Reizen unvermittelt und ohne Vorwarnung in die Backe. Und in Berlin verlor ein Droschkenfahrer von einer Minute auf die andere die Nerven. Er sprang plötzlich vom Kutschbock und begann, wahllos auf die Passanten einzuschlagen. Viele Bäume begannen schon Ende Juli, die Blätter abzuwerfen. Dagegen legten sich zahlreiche heimische Kastanien im Herbst ein neues, zweites Blütenkleid zu. Pilze ließen sich überhaupt nicht sehen. Und auch an Honig war 1911 nicht zu denken. Kein Wunder, dass die Menschen sich händeringend nach „normalen Verhältnissen“ sehnten. „Es regnet, Gott segnet“, jubelten Anfang September die heimischen Zeitungen.



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