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Protest programmiert: Vor 400 Jahren trat die erste Schaumburger Kirchenordnung in Kraft

„Du lügst! Du lügst!“

Wer sich mit heimischer Geschichte beschäftigt, landet über kurz oder lang bei Ernst zu Holstein-Schaumburg. Der von 1601 bis zu seinem Tode im Jahr 1622 residierende Landesherr gilt als bedeutendster Spross der Grafendynastie. Er habe wie kein anderer mit seinen Leistungen in Sachen Bildung (Uni Rinteln), Architektur (Stadtkirche Bückeburg, Mausoleum Stadthagen) sowie Kunst und Kultur (Adrian de Vries) die hiesige Region bereichert, ist sich das Gros der heutigen Fachleute einig.

veröffentlicht am 22.02.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Angesichts von so viel Prunk- und Prachtentfaltung werden oftmals Ernsts politische und gesetzgeberische Initiativen übersehen. Immerhin wurden während seiner Amtszeit einige der für das Zusammenleben der hierzulande lebenden Menschen über Jahrhunderte hinweg wegweisenden Regelwerke auf den Weg gebracht. Eines der wichtigsten war und ist die 1614, also vor 400 Jahren in Kraft gesetzte Kirchenordnung. Das fast 140-seitige Werk schrieb vor, „wie es mit Lehr und Ceremonien in Unsern Grafschaften und Landen hinführo mit göttlicher Hülfe gehalten werden soll“.

Schon beim ersten Umblättern wird deutlich, dass der Landesherr und seine Räte sich vorgenommen hatten, ein für jedermann verständliches Paragrafenwerk zu Papier zu bringen. Wenn möglich, sind die Sachthemen in Frage- und Antwortform verpackt. „Wie soll man Gott erkennen?“, „Was nennet man Gebet?“, oder „Was ist Sünde, Erbsünde und wirckliche Sünde?“, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Viele Aussagen noch erstaunlich zeitgemäß

Der besseren Übersicht wegen ist der Stoff in fünf Abschnitte („Stücke“) gegliedert: Der erste, weitaus umfangreichste Teil dreht sich um die „Pflanzung und Erkenntniß der einzigen wahrhaftigen ewigen rechten Lehre des Evangelii“. Dabei geht es unter anderem um die „Erschaffung aller Creaturen“, den „Unterschied von Gesetz und Evangelii“ und um Wert und Wesen „Christlicher Freyheit“. Schwerpunktthemen der übrigen vier Abschnitte sind „Predigt-Amt“, „Ceremonien an Fest-, Feyer-, Werck- und Bettagen“, „Erhaltung christlicher Schulen“ und „Unterhaltung und Schutz der Pastoren, deren Witwen und anderen Schul- und Kirchendienern“.

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Graf Ernst, Landesherr von 1601 bis 1622, brachte vor 400 Jahren die erste Schaumburger Kirchenordnung auf den Weg.

Viele Aussagen wirken auch nach 400 Jahren noch erstaunlich zeitgemäß, frisch und lebensnah. Andere, wie die Erklärung „von Lastern, Ehebruch oder anderer Unzucht“ muten aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet an. Spannend und hilfreich ist das Buch allemal. Historisch interessierte Zeitgenossen bekommen einen Einblick in die nach heutigen Maßstäben grausam-widersprüchliche Art des Denkens und Fühlens der Menschen jener Zeit.

Ausgelöst wurde die Abfassung der Kirchenordnung durch die Reformation. Die neue Luther-Lehre war gut ein halbes Jahrhundert zuvor auch in der hiesigen Grafschaft zur Staatsreligion erklärt worden. Den kleinen Leuten im Lande war der von Ernsts Vater und Vorgänger Otto IV. 1559 angeordnete Glaubenswechsel ziemlich egal. Die heimischen Pfarrer, Bischöfe und Klosterinsassen aber waren entsetzt. Sie hatten bislang vor allem von der Geschäftsidee Ablass gelebt. Doch damit sollte es nach Meinung der Protestanten vorbei sein. Kein Wunder, dass – wie überall im Reich – auch die hiesigen Vertreter der Papstkirche Sturm liefen. „Du lügst! Du lügst!“ sollen die Insassinnen des damaligen Augustinerinnenstifts Obernkirchen dem protestantischen Prediger Wesche während eines Gottesdienstes entgegengeschrien haben. Der hatte die Forderung Luthers nach einer Beseitigung der in der Amtskirche eingerissenen Missstände unterstützt.

Großen Anteil an der Erarbeitung der neuen Kirchenverfassung hatte der seit Anfang 1559 in der Grafschaft als Superintendent tätige Geistliche Jakob Dammann (1534-1591). Der damals gerade mal 25-Jährige war sozusagen als „Mitgift“ in die hiesige Region gekommen. Hintergrund: Der verwitwete Landesherr Otto der (noch) katholischen Grafschaft Schaumburg hatte beschlossen, wieder zu heiraten. Seine Auserwählte war die Prinzessin Elisabeth Ursula aus dem streng protestantischen Hause Braunschweig-Lüneburg. Die Familie stimmte der Eheschließung erst zu, nachdem sich der damals in Stadthagen residierende Bräutigam schriftlich zur Einführung der protestantischen, „Confessio Augustana“ genannten Lehre in seinem Land und zur Anstellung eines reformierten Beichtvaters für die Braut verpflichtet hatte. „Graff Otto wird und soll einen Predicanten („Vorprediger“) halten“, der Gottes Wort gemäß der „Augspurgischen Confession predige“, heißt es in dem Heirats-Abkommen.

Dammann sorgte von Anfang an mächtig für Zeitdruck. Als Erstes schwor er die Pastoren des Landes auf die neue Lehre ein. Als vorläufige Dienstanweisung drückte er ihnen die einige Jahre zuvor verfasste „Mecklenburgische Kirchenordnung“ in die Hand. Am Pfingstsonntag 1559 wurden in allen heimischen Kirchen erstmals evangelische Gottesdienste gehalten. Und einige Jahre später gingen die ersten der zwecks Überprüfung der Verhältnisse vor Ort angeordneten „Kirchenvisitationen“ über die Bühne. Nicht so schnell kam man mit der Abfassung der geplanten landeseigenen Kirchenordnung voran. Die neue „Glaubensverfassung“ wurde erst gut 50 Jahre später unter Federführung und auf Druck von Ottos Sohn und Nachfolger Ernst fertig.

Das Ergebnis war offenbar so gut, dass es auch nach der Zerschlagung und Aufsplitterung der „alten“ Grafschaft im Jahre 1647 zunächst unverändert weitergalt. Im schaumburg-lippischen Teil ist das im Grundsatz bis heute so. Weniger zufrieden zeigte man sich im Laufe der Zeit auf hessischer Seite. Man habe in Erfahrung gebracht, „daß es beydero Consistorio zu Rinteln sowohl, was die verbothene gradus der Blutsverwandnis und Schwägerschaft als auch quo ad modum procedenti nicht gemäß der anno 1657 ausgelassenen Fürstlichen Hessischen Reformation und Kirchenordnung“ zugehe, tadelte die Kasselaner Regierung in einem 1676 abgefassten Ministerial-Rescript. Da „Ihro Durchlauchtigkeit (gemeint ist der damalige Kasselaner Landesherr Wilhelm VI.) in Ehesachen durchgehens eine Conformität gern eingeführt sähen“ und „die Schawenburgsche Kirchenordnung auch in ein und andern Kirchensachen gar wenig disponiret“ erscheine, sei es notwendig, dass die „Fürst. Hessische Reformation und Consistorialordnungen in der Grafschaft Schawenburg Hessischen Theils eingeführet und derselben bey dem Consistorio nachgegangen werde“.

Quellenhinweis: Wer die vor 400 Jahren erlassene Kirchenordnung in aller Ruhe studieren möchte, dem sei ein Besuch im Lesesaal des Niedersächsischen Staatsarchivs Bückeburg empfohlen.



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