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Du darfst...

"Du darfst heute von Anfang an mitspielen." Meine Freudeüber den Einsatz im Handballteam war umso größer, als es für mich nicht selbstverständlich war, dass ich von Beginn des Spieles an oder überhaupt mitspielen durfte. Zu schwach war mein Wurf, zu langsam mein Lauf. So wird in den Zeitungen auch öfter die Freude eines Fußballprofis berichtet, wenn er für die Nationalelf aufgestellt wird und dann auch noch in der Startelf spielen darf.

veröffentlicht am 09.02.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Astrid Bunselmeyer

Das, was wir unverhofft oder nach langem Einsatz endlich dürfen, das bereitet uns doppelte Freude. Nicht nur im Sport. Wer hat nicht lange Verhandlungen mit den Eltern geführt, um ein wenig Verlängerung des Ausgangs am Abend zu erreichen? Und wie schön, wenn mal eine Ausnahme gewährt wurde: Heute darfst Du eine Stunde länger in der Disco bleiben. Etwas dürfen, das ist gleichzeitig eine Erweiterung oder Überschreitung von bestehenden Grenzen. Manchmal auch eine Belohnung für harten Einsatz, ein Anzeichen für Erfolg oder geschicktes Verhandeln, wo man am Ende stolz ist, dass man den anderen mit seinen Argumenten überzeugt hat. Für manches "Dürfen" musste auch regelrecht gekämpft werden. So haben sich die Mütter und Väter unserer Demokratie dafür eingesetzt, dass alle Erwachsenen unabhängig vom sozialen Status und Geschlecht das Wahlrecht erhalten. Nach der Landtagswahl habe ich mich gefragt, was sie wohl dazu sagenwürden, dass nur gut 50 Prozent dieses Recht wahrgenommen haben. Lag es daran, dass wir es nicht mehr als ein wertvolles Recht, ein Dürfen, als ein Teil unserer Freiheit schätzen? Oder war es Resignation, das Gefühl, ich kann mit meiner Stimme doch nichts bewirken oder verändern? Ein "Du darfst" kann eben auch verflachen zu einem einfachen "Du kannst" oder einer Selbstverständlichkeit, die nicht mehr geschätzt wird. Andererseits kann es durch eine Verschärfung zu einem "du musst" werden. Beides nimmt ihm die Freude. Die in dieser Woche begonnene Passionszeit ist in manchen kirchlichen Traditionen verbunden mit einem Fasten. Das Fasten würde man falsch verstehen, wenn man es unter der Überschrift "Du musst verzichten" leben würde. Der Verzicht soll aufmerksam machen auf das, was uns geschenkt ist, was wir dürfen. Das, was man eine Weile entbehrt hat, ist, wenn es einem wieder geschenkt wird oder zur Verfügung steht, umso wertvoller, wird zu einem "Du darfst", wie der Einsatz als Ersatzspielerin in einem Spiel. Vielleicht bedarf es auch gar nicht des ausdrücklichen Fastens, um in dieser Zeit bestimmte Selbstverständlichkeiten wieder als Geschenk, als Gabe zu entdecken. Vielleicht reicht schon der einfache Satz am Morgen: "Danke, dass ich heute leben darf" aus. Astrid Bunselmeyer ist Pastorin an St. Nikolai.



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