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"Herkuleskeule" zeigt bissiges Polit-Kabarett im Rathaussaal / Wer in der ersten Reihe sitzt, ist nicht zu beneiden

"Du bist ein Arsch und wir das Feuer unter deinem Hintern"

Bückeburg. Keule macht Beule: Mit seinem Programm "Licht an" gastierte am Wochenende auf Einladung des Kulturvereins die "Herkuleskeule" im Rathaussaal. Michael Frowin und Rainer Bursche nahmen Politiker, Parteien und Publikum aufs Korn. Die Gäste in der ersten Reihe waren nicht zu beneiden. Zwar hatte das Dresdener Duo statt der Keule nur einen Handfeger mitgebracht - für große Sprüche reichte das kleinere Kaliber aber allemal.

veröffentlicht am 05.03.2007 um 00:00 Uhr

"Kopf ab": Rainer Bursche nimmt als ostdeutscher Hausmeister mit

Autor:

Michael Grundmeier

"Guck mal, Hans-Günther interessiert das alles nicht, du möchtest lieber wissen, was gerade im Fernsehen läuft?" ging Bursche gleich zu Beginn einen Besucher in der ersten Reihe an. Die anschließende Warnung seines Kollegen kam für den so Attackierten zu spät: "Vorsicht, Sie haben sich für politisches Kabarett entschieden." Tatsächlich: Wer TV-geprüfte Witzchen-Comedy erwartet hatte, wurde sicher enttäuscht. Frowin und Bursche lieferten knallhartes Polit-Kabarett, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt und Publikumsbeschimpfung dazugehört. Tradition verpflichtet, immerhin gibt es die Herkuleskeule seit inzwischen 46 Jahren und schon zu DDR-Zeiten war das Kabarett aus Dresden für sein brisantes Programm bekannt. Bissige Sprüche waren daher zu erwarten - auch in Bückeburg nahmen Frowin und Bursche kein Blatt vor den Mund. Mit einem Rundumschlag wurden zunächst Neurechte ("es gibt Regierungs-Skinheads, die erkennst du nicht, die tragen ihre Glatze nach innen"), Außenpolitiker ("unsere Jungs kommen wieder rum, in sovielen Ländern waren wir nicht mal im 2. Weltkrieg"), Bushs Irak-Strategie ("mehr Geld, mehr Waffen, mehr Blut") und das Wahlvolk ("wir wollen doch, dass Politiker lügen oder möchte hier einer gerne hören, dass seine Rente gekürzt wird?") erledigt, dann hieß es "Ring frei" für den anschließenden Hauptkampf. "Ihr hättet uns gar nicht erst an die Urne lassen dürfen", klagt Bursche und Frowin entgegnet prompt: "Stimmt, wir hätten so handeln müssen, wie bei unseren ersten Kolonien, die durften auch nicht mitbestimmen." Wer aber zu Beginn gedacht hatte, dass sich aus dem Duell des Sachsen (Rainer Bursche) gegen den Hessen (Michael Frowin) ein reines Ost-West-Geplänkel entwickeln würde, war schief gewickelt. Mit viel Selbstironie und großartigem Schauspiel wurden Grenzlinien verwischt und Feindbilder aufgeweicht. Das Schlussbild zeigt die beiden dann zwischen allen Stühlen - ohne Chance sich zu entwirren. Mit einer Attacke auf die Sozialpolitik endete das bunte Programm. Zu einfühlsamer Musikuntermalung deklamierten Frowin und Bursche einen Werbespot der Bundesregierung: "Obdachloser! Auch du bist ein Teil von Deutschland, nämlich (s)ein Arsch - und wir das Feuer unter deinem Hintern." Als das Publikum Beifall klatschte, holte Frowin - ganz in seiner Rolle als deutscher Patriot - ein letztes Mal die Keule raus: "Ihr braucht euch nicht einzuschmeicheln."

Traurige Clowns: links Rainer Bursche, rechts Michael Frowin. Fo
  • Traurige Clowns: links Rainer Bursche, rechts Michael Frowin. Fotos: mig


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