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Als junger Journalist ging Michael Maack nach dem Mauerfall in den Osten – dort lebt und arbeitet er noch heute

Drüben geblieben

Hameln/Leipzig. Mit 25 Jahren ging der junge Journalist Michael Maack nur einige Monate nach dem Mauerfall nach Ostdeutschland, mit dem Ziel dort eine Zeitung aufzubauen. Nun lebt er bereits seit 25 Jahren in den neuen Bundesländern und erzählt über seine Laufbahn im Osten.

veröffentlicht am 10.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.12.2014 um 16:21 Uhr

Der Rintelner schrieb für die Dewezet die ersten Berichte nach dem Mauerfall aus Quedlinburg. Ein großes Abenteuer, wie er sich erinnert: „So müssen sich die Pilgerväter gefühlt haben, als sie Amerika entdeckten, dachte ich damals. Außer, dass wir eine Sprache sprachen, war alles fremd, anders, unverständlich.“ Die DDR war damals „Ausland“ für ihn. Die Geschichte des Landes kannte er nur aus der Schule. Die kommunistische Staatsführung war böse und die Menschen auf der Straße die Unterdrückten, so die schwarz-weißen Ostklischees. Durch seine journalistische Arbeit kam Farbe in dieses Bild und er lernte, dass es den „Ossi“ nicht gibt und die Politikbücher des Westens nicht die ganze Wahrheit abbilden konnten.

„Ein wunderbares Feld für Experimente“

Am 6. Januar 1990 fand das erste deutsch-deutsche Stadtfest in Quedlinburg statt, bei dem die Dewezet eigens gedruckte Sonderausgaben verteilte, die reißenden Absatz bei den Quedlinburgern fanden. Aufgrund der großen Begeisterung fiel bereits Mitte Januar die Entscheidung, in Quedlinburg eine Ostzeitung aufzumachen. „Ich durfte – weil sonst niemand wollte – zusammen mit Harry Schulz gen Osten gehen und eine Zeitung aufbauen. Allerdings monatsweise immer unterstützt von Redakteuren aus Hameln und vor allem von Wolfhard Truchseß“, erzählt der Journalist. Maack, der damals noch bei der Dewezet in Hameln sein Volontariat absolvierte, wurde somit dank der Wende mit 26 Jahren zum Redaktionsleiter der „Quedlinburger Zeitung“. „Die Stimmung in der Bevölkerung dort schwankte zwischen Skepsis und Euphorie. Wer in dieser Phase etwas auf die Beine stellen wollte, konnte das fast ungehindert tun“, so Maack. „Es war ein wunderbares Feld für Experimente.“

Die ersten Monate seines Aufenthalts im Osten herrschte tiefer Winter. Wenn kein Wind wehte, lag still der Braunkohledunst über den Hausgiebeln, erinnert sich Maack. „Den unverkennbaren Geruch und das fantastische Farbenspiel, wenn morgens die Sonnenstrahlen durch die rötlichen Luftschichten brachen, habe ich bis heute nicht vergessen.“

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Michael Maack ging einst für die Dewezet nach Quedlinburg. Heute arbeitet der vierfache Vater in Leipzig als freischaffender Fernsehjournalist. pr

Doch die Verhältnisse damals waren nicht einfach. „Einkaufen war unmöglich, da für stundenlanges Schlangestehen einfach keine Zeit war“, erzählt er. „Wollte ich etwas an die Redaktion in Hameln übermitteln, musste ich einen Vorkriegsfernschreiber im Hinterzimmer des DDR-Reisebüros bedienen.“ Gab dieser den Geist auf, fuhr Maack bei Vienenburg über die Grenze und musste seinen Text dort mündlich aus einer Telefonzelle heraus durchgeben. Bei seiner journalistischen Arbeit merkte er schnell, dass im Osten nicht offen gesprochen wurde. Nur hinter vorgehaltener Hand und dann nur in Form vieler Gerüchte und Spekulationen. Belegbares oder handfeste Beweise gab es am Anfang nicht für ihn. Folgerichtig wollte auch niemand mit seinem Namen in der Zeitung stehen. Auf diese Weise war nur schwerlich eine Lokalzeitung zu machen.

Im Rückblick, so resümiert er, sei es das größte Privileg gewesen, die letzten Tage der DDR in der ostdeutschen Provinz erleben zu dürfen. „Als Redakteur der neu gegründeten Quedlinburger Zeitung war ich Dienstleister für eine Klientel, deren Alltag im Umbruch ich miterleben konnte, hinterfragt in stundenlangen Gesprächen, aufgezeichnet in Hunderten von Geschichten.“

Nach weiteren beruflichen Stationen beim Radio und Multimedia-Marketing arbeitet Michael Maack heute als freischaffender TV-Journalist von Leipzig aus. Wenn er zwischen Ost- und Westdeutschland pendelt, seien für ihn die Unterschiede bis heute spürbar, sagt er. „Denn die Ereignisse vor 25 Jahren haben die DDR-Protagonisten geprägt. Diese Flexibilität, die ein solcher Umbruch jedem Menschen abverlangt, hat die Generationen, die die Wende im Osten erlebten, geprägt.“ Wenn der Journalist über das Mauerfall-Jubiläum mit seinen gleichaltrigen Ostkollegen diskutiert, dann spürt er, dass sie die Perspektiven selbst nach einem Vierteljahrhundert bei manchen Themen immer noch deutlich unterscheiden.

Seine Zeit im Osten, das sind für Michael Maack kleine Geschichten aus einem Mikrokosmos, der nach 25 Jahren für ihn schon so geschichtsträchtig ist wie die Zeit der Weimarer Republik oder der Französischen Revolution. „Kürzlich habe ich alte Fotos aus der Zeit um 1989/90 gesehen“, berichtet Maack. „Es herrschte eine Tristesse, wie auf Fotos aus der Nachkriegszeit mit kaputten Straßen und verfallenen Häusern.“ Die Quedlinburger Innenstadt sei damals zu nur noch 30 bis 40 Prozent bewohnt gewesen, erzählt er. Die Menschen sollten in die Plattenbauten am Rande ziehen, damit die Altstadt, bis auf die Häuser um den Marktplatz herum, abgerissen werden konnte. Auf den Flächen sollten dann Neubauten hochgezogen werden, Platte mit Fachwerkimitat, genannt HMBQ – Hallische Monolithbauweise, Typ Quedlinburg. „Dass die Wende kam, war für Quedlinburg die Rettung. Wenn man heute durch das Weltkulturerbe schlendert, kann man sich diese Verhältnisse kaum noch vorstellen.“

„Im Westen wäre es wohl stringenter gelaufen“

Als die Quedlinburger Zeitung 1992 eingestellt wurde, dachte Maack nicht daran zurück in den Westen zu gehen. Damals machte er aus der Not eine Tugend, rief beim Chefredakteur vom Radio in Magdeburg des neu gegründeten MDR an und wurde so zum Radio-Reporter. Dort blieb er bis 1998. Danach wurde Maack Geschäftsführer eines Unternehmens, das im Auftrag der Magdeburger Landesregierung die Verbreitung von Internet und Multimedia vorangetrieben hat. Seit 2004 ist Michael Maack freier Autor, Reporter und Videojournalist mit Schwerpunkt TV. Wäre er im Westen geblieben oder dorthin zurückgekehrt, glaubt Maack, hätte er dort sicher einen stringenteren Weg eingeschlagen und wäre sicher immer noch bei der Zeitung.



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