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Von Gutenberg zu Bösendahl: Die Anfänge des Buchdrucks im Schaumburger Land

Druckreif

Mehr als das Blei in den Kugeln hat das Blei in den Setzkästen die Welt verändert“ brachte der bekannte deutsche Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) die Bedeutung des Buchdrucks auf den Punkt. Der wegen seines brillanten Denk- und Urteilsvermögens bis heute hoch geschätzte Gelehrte steht mit seiner Meinung nicht allein. Vor und nach ihm haben zahllose Größen dieser Welt die Erfindung Johann Gutenbergs vor gut 500 Jahren als eine der wichtigsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte gewürdigt.

veröffentlicht am 27.06.2015 um 00:00 Uhr

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Die Auswirkungen waren schon bald für jedermann sichtbar. Überall im Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen schossen Druckwerkstätten aus dem Boden. Nicht ganz so eilig hatte man es im rein bäuerlich-ländlich geprägten Schaumburg. Das Gros der gräflichen Untertanen konnte weder schreiben noch lesen. Bücher nahmen allenfalls die herrschaftlichen Kanzleiräte, Klosterinsassen und die wenigen studierten Pastoren und Lehrer in die Hand.

Die Situation änderte sich, als 1601 der ehrgeizige junge Graf Ernst die Regierungsgeschäfte übernahm. Der Bewunderer von Kunst, Kultur und Wissenschaft nahm schon bald die Gründung einer Universität ins Visier. Als Vorstufe ließ er 1610 die Lateinschule in Stadthagen, älteste und damals angesehenste Bildungseinrichtung des Landes, zum „Gymnasium illustre“ (Schule mit Universitätscharakter) aufpeppen. Den neu eingerichteten Lehrstuhl für Rede- und Dichtkunst übertrug der Landesherr seinem einstigen Erzieher und väterlichen Freund Hermann Vastelabus. Die Berufung des inzwischen in seine Heimatstadt Lemgo zurückgekehrten 61-Jährigen hatte jedoch nicht nur mit dem engen Vertrauensverhältnis der beiden, sondern auch mit den Erfahrungen des altgedienten Magisters als Buchdrucker und Buchbinder zu tun. Und tatsächlich war der in manchen Chroniken auch „Vastelabend“ genannte Professor an seiner neuen Wirkungsstätte weniger mit Vorlesungen als vielmehr mit Aufbau und Einrichtung einer Universitätsdruckerei beschäftigt. Das wichtigste Zubehör, nämlich Druckpresse, Setzkästen und „Lettern“ (in Blei gegossene Einzelbuchstaben) soll er aus Lemgo mitgebracht haben. Schon bald konnte in der offiziell „Fürstliche Druckerei Stadthagen“ genannten Werkstatt alles, „was theses, orationes, programmata (Handzettel-Ankündigungen und -Bekanntgaben) belangt“, hergestellt werden.

Das erste mehrseitige Druckerzeugnis, das in der damaligen Residenz unter der Regie von „M. Hermanno Vastelabo“ hergestellt wurde, war die Festbroschüre zur offiziellen Eröffnung des „Gymnasium illustre“. Es folgten mehr als 100, zum Teil dickleibige Neuerscheinungen, darunter Schulbücher und wissenschaftliche Forschungsarbeiten der Professoren. Zu den bis heute bekanntesten Werken gehören das „Chronicon“ des Historikers Cyriakus Spangenberg und die von Ernst erlassene neue Kirchenordnung (beide 1614).

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1621 wurden die hochfliegenden Pläne des jungen Grafen Wirklichkeit. Der damalige Kaiser Ferdinand II. stimmte der Aufwertung des „Gymnasium illustre“ zu einer (Voll-) Universität mit Promotionsrecht zu. Standort der neuen Einrichtung wurde – für viele überraschend – nicht Stadthagen, sondern Rinteln. Über die Gründe der Entscheidung Ernsts ist schon viel spekuliert worden. Den Ausschlag dürften die günstigere Verkehrsanbindung der Weserstadt und die besseren räumlichen Unterbringungsmöglichkeiten im ehemaligen St.-Jacobs-Kloster gegeben haben.

Zum Leiter der in „Akademische Druckerei“ umgetauften Werkstatt war noch vor dem Umzug nach Rinteln im Juli 1621 ein Meister namens Ernst Reineking bestimmt worden. Reineking hat die Verlagerung des Betriebes in die Weserstadt noch mitgemacht, soll aber kurz darauf nach Stadthagen zurückgekehrt sein.

Zum Nachfolger und neuen Leiter der Uni-Druckerei wurde kurz darauf Petrus Lucius berufen. Vor seinem Dienstantritt in Rinteln hatte der 22-Jährige in Gießen gearbeitet. Lucius soll den „Alma Ernestina“-Betrieb während seiner 35-jährigen Tätigkeit (1621 bis 1656) tüchtig vorangebracht und zu hohem Ansehen verholfen haben. Er schaffte neue Buchstaben- und Zahlenlettern an und ergänzte das bis dato eher einförmig-schlichte Bleisortiment um kunstvoll geschwungene Schmuck- und Zierformen. Das ermöglichte die Herstellung aufwendig gestalteter und kunsthandwerklich herausragender Buchausgaben. Die größte Auflage erzielte die „Cautio Criminalis“, eine 1631 erstmals (in lateinischer Sprache) erschiene Streitschrift gegen Hexenwahn und Hexenprozesse.

Nach Lucius’ Tod 1656 ging es mit der Uni-Druckerei eine ganze Zeit lang bergab. Nach den vorliegenden Forschungsergebnissen gab es mehrere „unqualifizirter Subjekte“. Über einen von ihnen ist überliefert, dass er „fast täglich dem Suff angehänget“ und die Druckerei „lüderlich verthan“ habe.

Das änderte sich, als Ende des 17. Jahrhunderts ein gewisser Johann Gottfried Enax den Betrieb übernahm. Er und seine Nachfahren brachten den Betrieb wieder auf Vordermann. Sohn Friedrich Augustin war Mitbegründer der ersten heimischen Zeitung, der 1762 aufgelegten „Rintelischen Anzeigen von Gelehrten und Gemeinnützigen Sachen“. Darüber hinaus wurde er, wenn auch ohne eigenes Zutun, zum „Stammvater“ eines neuen, bis heute über die Weserstadt hinaus bekannten Druckerei- und Verlagsunternehmens. Hintergrund: Als Friedrich Augustin Enax 1770 starb, heiratete seine Witwe zwei Jahre später einen gewissen Anton Heinrich Bösendahl. Dessen Söhne führten den Betrieb – auch nach Auflösung der Universität im Jahre 1809 – mit wachsendem Erfolg fort.

Rund 130 Jahre nach Einrichtung der ersten schaumburgischen Druckerei in Stadthagen öffnete (im Jahre 1740) auch in Bückeburg ein Druckereibetrieb seine Pforten. Die Initiative ging – vermutlich auf Betreiben des damaligen Schlossherrn Graf Albrecht Wolfgang – von dem Meister Johann Heinrich Althans aus. Seine Firma lebte anfangs praktisch nur von den Aufträgen der schaumburg-lippischen Regierung. Nicht umsonst durfte sich Althans mit dem Titel „Hofbuchdruckermeister“ schmücken. 1794 verkaufte er seinen Betrieb samt Wohnhaus und herrschaftlichen Privilegien für 150 Taler an den Zunftbruder Johann Augustin Grimme. Grimme spielte später in und für Bückeburg eine ähnliche Rolle wie sein Kollege und Konkurrent Bösendahl in Rinteln: Beiden gelang der Sprung vom Drucker zum Verlagsunternehmer und Zeitungsherausgeber.

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, (um 1400-1468, Bild oben) sorgte mit der Erfindung von Druckerpresse und beweglichen Bleilettern für eine Medienrevolution. Hier eine „nachempfundene“ Darstellung des im 16. Jahrhundert lebenden französischen Künstlers André Thevet. Das wohl bekannteste hierzulande mit Gutenbergschen Lettern auf den Markt gebrachte Werk war das 1631 in der Rintelner Uni-Werkstatt hergestellte Buch „Cautio criminalis“ (Bild links).

Darstellung eines Buchbinders vor einem Binde-Spannrahmen und bereits fertigen, in Leder gebundenen Exemplaren.



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