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Drei Stunden Redeschlacht

Rinteln (mld). Die Stühle reichten bei Weitem nicht aus: Aus ganz Schaumburg sind Zuhörer am Mittwochabend in den Rintelner Ratskellersaal gekommen, um die drei Landratskandidaten hautnah zu erleben und ihnen bei der rund dreistündigen Podiumsdiskussion unserer Zeitung auf den Zahn zu fühlen.

veröffentlicht am 21.10.2010 um 17:46 Uhr
aktualisiert am 04.12.2012 um 17:47 Uhr

Worum es gehen sollte, umschrieb SZ-/LZ-Chefredakteur Frank Werner, der zusammen mit Stellvertreterin Christiane Riewerts die Diskussion leitete: „Der Wahlkampf hat Betriebstemperatur erreicht – nur fällt es noch schwer, die Konzepte der Kandidaten voneinander zu unterscheiden.“

Das sollte die erste Fragerunde ändern: Wo wollen die Kandidaten sparen – und bitte antworten, ohne die Wörter „Bund“, „Land“ oder „Hilfe“ zu verwenden. Stattdessen benutzte Jörg Farr, parteiloser Kandidat für die SPD, Begriffe wie „Konsolidierungsmaßnahmen“ (die der Landkreis schon getroffen habe) und „Verlustausgleich“ (des Krankenhauses Rinteln, der „positiv abgeschlossen“ werden müsse). „Zwei defizitäre Kreise zusammenzulegen bringt uns nichts“, sprach sich Farr aber, auf Nachfrage Werners, gegen eine Kreisreform aus.

„Wir müssen uns den Haushalt Stück für Stück angucken“, lautete die Methode von Klaus-Dieter Drewes, Kandidat der CDU – zudem hätten die drei Krankenhäuser „allein keine Zukunft“ und er die Hoffnung, „dass wir durch bessere Gewerbesteuereinnahmen in ein bis zwei Jahren mehr Luft haben“.

Auch der 23-jährige Sören Hartmann, der für die Linke ins Rennen geht, sprach sich gegen eine Kreisreform aus: „Nienburg und Hameln sind doch viel mehr verschuldet als wir.“

Wie grundsätzlich sympathisch sich die drei Kandidaten augenscheinlich sind, bewiesen sie bei einem Spiel mit vertauschten Fragen: Drewes, seit 35 Jahren in Diensten der Sparkasse, musste beantworten, warum für das Landratsamt gerade interne Verwaltungserfahrungen von Vorteil sind, Kreiskämmerer Farr, warum es ein Vorteil sein kann, von außen in die Verwaltung zu kommen, und Student Hartmann, warum überhaupt Berufserfahrung vorteilhaft sein könnte.

„Die beiden Herren verfügen sicherlich über große Kompetenzen“, zeigte sich Hartmann versöhnlich, „man kennt den Laden und die Mitarbeiter“, antwortete Drewes – lediglich Farr bemerkte mit kleiner Spitze in Richtung Drewes: „Man kann als Sparkassen-Mitarbeiter in begrenztem Umfang frischen Wind mitbringen.“

Klare Position bezogen alle drei Kandidaten bei der Frage nach den IGS-Standorten Lindhorst und Rinteln – nämlich, sich eindeutig nicht zwischen den Standorten entscheiden zu wollen: „Wir bekommen eine IGS in Lindhorst und in Rinteln“, war sich Drewes sicher, „das IGS-Angebot müsste noch größer sein“, forderte gar Hartmann. Farr zeigte sich kampfeslustig: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Entscheidung gegenüber dem Land am Ende nicht einklagen müssen.“

Die Fragen der Zuschauer lenkten die Diskussion schnell auf das Thema Klinikum: Wie kam es zum jetzigen Standort? Gibt es Alternativen?

Applaus erntete hier vor allem Hartmann, der den Plan für ein neues Klinikum schlicht als „Quatsch“ bezeichnete und die drei Altstandorte in „Spezialkliniken“ umgewandelt sehen möchte. Der Frage nach der Finanzierung des Millionen-Defizits wich er durch eine Gegenfrage aus: Wie soll die „Schuldenlast“ angesichts der Investitionen in ein neues Klinikum beglichen werden?

Farr verteidigte (ebenso wie Drewes) den Standort in Vehlen gegenüber den Vertretern der Bürgerinitiative, verwies auf die Bewertungen der bei der Auswahl beteiligten Bundeswehr und korrigierte Hartmann in der Sache mehrfach: Man habe gerade nicht den einfachen Weg einer Privatisierung gewählt, außerdem bleibe der Notarzt sehr wohl in Rinteln.

Bei der Standortfrage der Windräder in Rinteln punktete Drewes: „Unser Wahrzeichen mit Windrädern auszustatten, kann ich mir nicht vorstellen.“ Für die Lösung dieser Frage hatte er eine klare Adresse parat: „Hier ist der Rat in Rinteln gefordert.“

Auf die Frage, was „der einfache Bürger“ vom späteren Landrat erwarten könne, kamen die Stichworte „bürgernahe Verwaltung und Schülerbeförderung“ (Drewes), „Arbeitsplätze schaffen und Bildung fördern“ (Farr) und „Altersarmut und Naziaufmärsche bekämpfen“ (Hartmann).

Um spontanen Witz ging es in den Schlussrunden, etwa bei der Satzvollendung. Für das Amt des Landrats wäre das Jurastudium, das ich abgebrochen habe… „gut gewesen“, grinste Hartmann. Wenn Freunde ihm sagten, er solle weniger blumig reden... „haben sie teilweise recht“, spielte Drewes mit. Und wenn ein Freund ihm rate, er solle mal lockerer werden… „hat der mich noch nicht beim Tischtennis gesehen“, konterte Farr.



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