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„Draußen schwappte die Erde wie Wasser“

Zum Zeitpunkt des Bebens waren meine Freundin und ich auf dem Heimweg von einer Party. Im Bus aus der Innenstadt zum Haus ihrer Eltern nach Puente Alto, einer 700 000-Einwohner-Stadt im Großraum Santiago, erlebten wir es. Der Bus hat offenbar einiges vom Schwung des Bebens abgefangen – denn was wir spürten, war kein Vergleich zu dem, was wir sahen. Draußen schwappte die Erde wie Wasser und zog Häuser, Straßenlaternen und die auf Säulen liegende Trasse der Metro mit sich.

veröffentlicht am 02.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 11.05.2010 um 15:09 Uhr

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Autor:

Lars Bauer

Zum Zeitpunkt des Bebens waren meine Freundin und ich auf dem Heimweg von einer Party. Im Bus aus der Innenstadt zum Haus ihrer Eltern nach Puente Alto, einer 700 000-Einwohner-Stadt im Großraum Santiago, erlebten wir es. Der Bus hat offenbar einiges vom Schwung des Bebens abgefangen – denn was wir spürten, war kein Vergleich zu dem, was wir sahen. Draußen schwappte die Erde wie Wasser und zog Häuser, Straßenlaternen und die auf Säulen liegende Trasse der Metro mit sich. Durch den Mittelgang des Busses sah ich durch die Frontscheibe die links von unserer Fahrbahn in mehreren Metern über uns schaukelnde Metrolinie. Der Bus hatte gestoppt. Ampeln, Laternen, Handynetze waren ausgefallen – die Stadt um uns herum wurde schlagartig dunkel.

Die meisten Menschen im Bus blieben trotz des Bebens ruhig, auch ich selber empfand keine Panik. Unser Bus und die anderen Autos fuhren nun langsam wieder an. Der Verkehr blieb, wie die Menschen im Bus, ruhig, auch an großen Kreuzungen kam es zu keinen Problemen, teilweise hatte die Polizei bereits die Verkehrsleitung übernommen – schon wenige Minuten nach dem Beben.

Die Menschen im Bus, wie auch wir, versuchten ihre Angehörigen zu erreichen und zu erfahren, was genau passiert ist. Die Häuser, an denen wir vorbeikamen, standen alle noch, und auch die Straßen hatten keine offensichtlichen Schäden. Meine Freundin wurde aber langsam unruhig, sie wollte ihren Vater erreichen, der uns mit dem Auto an der Haltestelle abholen wollte. Die Leute um uns herum bemerkten ihre Verunsicherung und kümmerten sich verstärkt um uns. Einer sagte mit leichtem Grinsen zu mir, dem Ausländer: „Welcome in Chile“. Er stieg mit uns aus dem Bus und begleitete uns zum Auto des Vaters. Dann ging er zurück zur Haltestelle und wartete dort auf den nächsten Bus.

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Zuhause war zum Glück nichts passiert. Eine Cousine war mit ihrer Tochter zu Besuch. Wir hatten ein Handy mit Radiofunktion, das wir dann nach einigen Stunden per USB am Laptop aufladen konnten. So blieben wir informiert und wussten die Familie in Santiago in Sicherheit. Wir tranken Tee, denn zum Glück, oder wohl eher genau wegen der Erdbeben, gibt es in Chile fast nur Gasherde. Die meisten Familien, wie auch die Familie meiner Freundin, betreiben diese mit Gasflaschen, so war auch warmes Wasser zum Duschen gesichert. Geschlafen haben wir zur Sicherheit schichtweise in unserem großen Bettenlager im Wohnzimmer. Am Vormittag ging der Vater, wie jeden Morgen, Brötchen holen. Das Handynetz funktionierte teilweise schon wieder, Strom und Internet fehlten noch.

Nach Frühstück und Duschen fuhren wir in die Stadt, um nach dem Rest der Familie zu sehen. Die meisten Sorgen jedoch machten wir uns nun um meine Familie in Deutschland: Durch die vier Stunden Zeitunterschied waren alle schon lange wach und hatten es sicherlich mitbekommen. Wir schickten SMS, welche aber nicht ankamen, wie wir später erfuhren. Auf dem Weg in die Stadt sahen wir einige wenige kaputte Häuser. Der Alltag lief aber wieder normal an. Die meisten Geschäfte hatten wieder geöffnet, die großen Kreuzungen wurden weiterhin durch die Polizei geregelt. An Tankstellen hatten aber schätzungsweise nur jede dritte geöffnet, was zu langen Schlangen führte. Auch hier lief alles sehr gesittet ab, Polizei- und Rettungsfahrzeuge wurden beschwerdefrei vorgelassen. Glücklicherweise war es eine Tankstelle der Firma Copec, diese hat als Service für ihre Kunden ein offenes WLAN-Netz, welche bereits wieder funktionierte. So konnten wir gegen 12 Uhr Ortszeit eine erste E-Mail nach Deutschland schicken.

Die Cousine, die mit uns die Nacht verbrachte, wohnt im sechsten Stock eines neunstöckigen Wohnkomplexes in der Innenstadt. Bereits von außen sahen wir, dass einige Stücke vom Putz des Hauses abgebröckelt waren. Innen waren die Fahrstühle gesperrt. In ihrer Wohnung selbst waren zwei Fernseher aus den Regalen gefallen und lagen kaputt am Boden. In einem Zimmer war ein Schreibtisch mit Aufbau deutlich von der Wand weghüpft. Ansonsten viel Unordnung durch aus Schränken und von Regalen gefallene Gegenstände, runtergefallene Bilder und so weiter – aber keine größeren Schäden. Hier funktionierte der Strom schon wieder normal, wir konnten ins Internet und telefonierten via Skype mit meinen Eltern in Deutschland. Diese waren noch sichtlich aufgeregt. Den Tag über riefen bei ihnen viele Verwandte und Bekannte an und erkundigten sich nach unserem Wohl. Den ganzen Tag über lief bei ihnen CNN, und bis zum Eintreffen der E-Mail waren sie zwar beruhigt durch die Nachrichten, dass Santiago offenbar glimpflich davongekommen war, aber solange sie nichts von mir wussten, waren sie doch unruhig. Dazu benutzen wir hier erstmals auch wieder Onlinenetzwerke wie Facebook und StudiVZ, um mit Freunden in Chile und Deutschland Kontakt aufzunehmen. Hier hatten auch schon einige auf Nachricht von uns gewartet.

Abends gab es auch erste Bilder aus dem Süden; das Epizentrum lag etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt. Die Bilder von dort sehen furchtbar aus. Erschreckend vor allem aufgrund der heftigen Zerstörung. Doch der Staat scheint die Lage im Griff zu haben, die Menschen scheinen sich im Großen und Ganzen trotz allem zivilisiert zu verhalten. Erst am nächsten Tag kam es zu einzelnen versuchten Plünderungen, die jedoch konsequent vom Staat verhindert wurden. Im Fall eines eigentlich geschlossenen Supermarktes in der stark getroffenen Stadt Concepción erlaubte die Polizei der Bevölkerung, sich dort mit Lebensmitteln einzudecken. Als jedoch nach einiger Zeit Menschen mit Fernsehern und Ähnlichem den Laden verließen, setzte die Polizei Wasserwerfer ein, um die Aktion abzubrechen.

Für Aufsehen sorgte am Folgetag ein Bericht in einer britischen Zeitung. Dort ließ sich ein Reporter aus, dass er es bedauere, dass die westlichen Staaten nun schon wieder so viel Geld zum Fenster rauswerfen würden, um einem weiteren armen südamerikanischen Land ohne Perspektive aus einer Krise zu helfen. Auch in manchen deutschen Internetforen waren ähnliche Beiträge zu finden. So zum Beispiel im Kommentarbereich von Spiegel-Online. Ich kann solchen Aussagen nur äußerst widersprechen: Würde Chile in Europa liegen, wäre das Land wohl längst Mitglied der Europäischen Union. Es handelt sich laut Human Development Index um ein hochentwickeltes Land. Chile liegt im HDI auf Platz 44 vor Litauen, Lettland und Argentinien, Deutschland auf Platz 22.

Der Umgang mit dieser Katastrophe wirkt aus meiner Perspektive äußerst professionell. Die Bevölkerung zeigt ein großes Sozialbewusstsein – wie es auch schon in der 1807 von Heinrich von Kleist verfassten Novelle „Erdbeben in Chili“ zu lesen ist.

Zwar ist die Hauptstadt insgesamt glimpflich davongekommen – Zerstörungen finden sich aber auch hier.

Haben das Erdbeben in Santiago miterlebt: Lars Bauer mit seiner chilenischen Freundin.



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