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Sterben im Hospiz / Die Zeit, die noch bleibt, wird intensiv gelebt / Die Planungen verändern sich

Dirk Ruhe hat dem Tod eine Brücke gebaut

Bückeburg/Lübbecke. Alles ist geregelt. Dirk Ruhe hat sein Haus bestellt, das Grab ausgesucht und dem Tod eine Brücke gebaut. Am 11. Dezember ist der 46-Jährige aus Petershagen-Ovenstädt ins Hospiz gekommen, seine letzte Reise. An diesem Freitag sitzt er im Rollstuhl am Fenster vorm Balkon und genießt die Sonnenstrahlen. Dirk Ruhe ist bereit. Der Tod kann kommen.

veröffentlicht am 09.01.2007 um 00:00 Uhr

Wort für Wort: Über eine Infrarot-Lichtsteuerung, befestigt an s

Autor:

Stefan Lyrath

Rasch greift Monika Alschner zu Papier und Kugelschreiber. Mit wenigen Strichen zeichnet sie eine Brücke auf. Um es einmal bildlich auszudrücken: "Wer sein Haus bestellt hat, kann sich zum Sterben ein Stück fallen lassen und diese Brücke ins Jenseits beschreiten", erklärt die Leiterin des Hospizes "veritas" in Lübbecke. Zum Einzugsbereich gehören auch Bückeburg und das Schaumburger Land. Ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt? "Natürlich", sagt Monika Alschner freundlich und scheint zu denken: Was für eine Frage! Seit knapp vier Jahren leidet Dirk Ruhe an ALS, einer unheilbaren Krankheit des Nervensystems. Sprechen kann er längst nicht mehr, aber dafür gibt es "Lucy", einen Sprachcomputer. "Schöne Scheiße." Pardon, aber die Worte hat Dirk Ruhe eingespeichert, klarer Fall von Galgenhumor. Konversation ist ein mühsames Geschäft geworden. Mit einer Infrarot-Lichtsteuerung, befestigt an seiner Brille, sucht Ruhe die Buchstaben auf der Tastatur, bevor nach und nach ganze Sätze auf dem Bildschirm entstehen. Sätze wie dieser: "Meiner Frau und meiner Tochter wünsche ich, dass sie endlich die nötige Ruhe finden. Ich bin gut untergebracht." Als Gesunder war der 46-Jährige ein Athlet. Während die Freunde im Urlaub in der Sonne dösten, erledigte er kurz ein paar Sprints. Noch heute, trotz ALS, strahlt der Kranke Stärke und Entschlossenheit aus. Zuerst denkt er an seine Lieben, dann an sich. "Die Belastung der beiden war zu hoch." Im Hospiz hat Dirk Ruhe so etwas wie Frieden gefunden. Angst vor dem Tod? "Ich habe mehr Angst vor der Hilflosigkeit", schreibt der einst so sportliche Mann, den die heimtückische Krankheit fast bewegungsunfähig gemacht hat. "Wir können versuchen zu beruhigen, wir können da sein, auch für die Angehörigen", sagt Monika Alschner, und das klingt tausendmal besser als irgendwelche Versprechen. Sieben Zimmer, hell und freundlich, gefüllt mit sieben Leben, die zu Ende gehen. Es ist Freitagnachmittag, Monika Alschner macht die Runde. Vor ihren freien Tagen zu Silvester hat sie den Kranken eine schöne Zeit gewünscht. "Ein gutes neues Jahr kann ich nicht wünschen", sagt die Hospiz-Chefin. Für die sieben Menschen in den Zimmern (bis zu zehn bietet das Hospiz Platz) hat mit dem Jahreswechsel das letzte Jahr ihres Lebens begonnen. Silvester gab es Berliner, zu später Stunde noch Fisch und natürlich Sekt. Im Traum käme Monika Alschner nicht auf die Idee, ihren Gästen Alkohol zu verbieten oder Zigaretten. Es sei vermessen, jemandem vorschreiben zu wollen, wie er die letzten Wochen seines Lebens zu verbringen habe. "Unsere Gäste haben häufig bereits Bilanz gezogen und planen das neue Jahr nicht mehr so wie Gesunde", erzählt die Chefin weiter. Gäste ist das richtige Wort. "Wir gehen auf der gleichen Ebene miteinander um", so Alschner. "Sie sollen sich wohl fühlen." Die meisten Bewohner leiden an bösartigen Tumoren. "Dank medikamentöser Therapien sind die Kranken in der Regel schmerzfrei." Natürlich kommt man zum Sterben ins Hospiz. "Aber unsere Gäste kommen auch, um die verbleibende Zeit individuell zu leben", sagt Monika Alschner, "Betonung auf leben". Dies seien intensive Tage in der Beziehung zwischen Kranken und Angehörigen, Sterbenden und Pflegern. Unermüdlich fährt der rote Lichtpunkt über Dirk Ruhes Sprachcomputer. Auf dem Monitor erscheint ein neuer Satz: "Ich fühle mich geborgen."

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