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Goldschmiede müssen auch gute Psychologen sein / Hameln hat ausgezeichneten Nachwuchs

Dieses Handwerk ist eine wahre Leidenschaft

Hameln (tk). Sie gießen, ziehen und feilen. Obwohl sich die Arbeitstechniken seit Jahrtausenden kaum verändert haben, erfindet sich das Goldschmiedehandwerk immer wieder neu. Und doch geht es stets darum, den Geschmack des Kunden zu treffen – eine Analyse des Unbekannten vorzunehmen, die viel Menschenkenntnis voraussetzt und noch mehr Fantasie.

veröffentlicht am 30.05.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Von Tomas Krause

Hameln. Sie gießen, ziehen und feilen. Obwohl sich die Arbeitstechniken seit Jahrtausenden kaum verändert haben, erfindet sich das Goldschmiedehandwerk immer wieder neu. Und doch geht es stets darum, den Geschmack des Kunden zu treffen – eine Analyse des Unbekannten vorzunehmen, die viel Menschenkenntnis voraussetzt und noch mehr Fantasie.

Goldschmied ist eine Leidenschaft. So beschreibt Isabelle Schrumpf ihr Handwerk. Die 25-jährige Hessin ist vor zwei Jahren nach Hameln gekommen, um bei Rainer Herrmann in der Schmuckgalerie Perspektive ihre Lehre zu beginnen. Bei ihr war es nicht die viel beschworene Berufung, die sie an die Werkbank brachte, sondern ein Praktikum. Aus dem Test wurde der Wunsch nach einer kreativen Arbeit. „Es ist die Verbindung aus künstlerischen und handwerklichen Elementen, die den Reiz ausmacht“, sagt Isabelle Schrumpf. Die blonde junge Frau schwärmt, wenn sie erzählt, wie sich die Farbe des Metalls beim Einschmelzen verändert, wie das Edelmetall beim Erhitzen einen Geruch bekommt, sich ein glänzender Spiegel auf dem verfließenden Silber bildet und wie sich aus einem unscheinbaren Metallplättchen langsam ein Schmuckstück formt. Dann setzt sie sich auf ihren Platz an der Werkbank, eine sichelförmige Öffnung in einer schweren Holzplatte, neben ihr brennt die bläuliche Flamme eines Lötgerätes. Das Blech, an dem sie arbeitet, ist nur wenige Quadratzentimeter groß und bindet ihre ganze Aufmerksamkeit.

Vor ein paar Wochen war Isabelle freigestellt, um ihr Lehrlingsstück für das zweite Lehrjahr anzufertigen – eine Brosche, gebogen aus Silber und Gelbgold. Wie in einem Bilderrahmen ist in ihrem Inneren ein Quadrat ausgespart, in das Filz- oder Plastikstücke eingesetzt werden können. Eine Woche hat sie für die aufwendige Herstellung gebraucht. Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Beim Lehrlingswettbewerb der Innung in Hannover hat Isabelle Schrumpf den ersten Preis für das zweite Lehrjahr belegt.

2 Bilder

Außer den handwerklichen und kreativen Fähigkeiten macht Isabelle Menschenliebe als Voraussetzung für ihren Beruf fest. Die Ethnologie hat eine ganz einfache Erklärung, warum Menschen begonnen haben, sich zu schmücken: um sich von der Masse abzuheben, ihre Individualität zu unterstreichen. „Ein Goldschmied muss das erkennen, und das, was er sieht, in das passende Schmuckstück umsetzen“, erklärt Isabelle Schrumpf. Das Kundengespräch ist daher ein wichtiger Teil ihrer Arbeit.

Das weiß auch Günther Meyer. Seit 2003 ist er Chef der Galerie Unique in der Wendenstraße. In all den Jahren hat er ein Gespür für seine Kunden ausgebildet: „Wenn ein Mann seiner Frau ein Schmuckstück schenken will, dann spreche ich auch über die Einrichtung der Küche mit ihm. Hängen dort Blümchentapeten, ist mir klar, dass sie nicht der Typ für eine geometrische Formgebung ist.“ Im Gespräch entwickele sich langsam eine Psychologie, ein Bild, eine Vorstellung seines Kunden, die ganz wichtig für die Arbeit sei, der Rest sei Intuition und Erfahrung.

In Hameln gibt es derzeit drei Goldschmieden: die Galerien Perspektive und Unique sowie die Schmuckwerkstatt Manu. Eine für die Größe der Stadt beachtliche Zahl, meint Meyer. Günther Meyer und Rainer Herrmann sitzen im fünfköpfigen Vorstand der Gold- und Silberschmiede-Innung Hannover/Braunschweig. Dass Hameln so gut vertreten ist, das sei Ilse Ebert zu verdanken, glauben die Meister. Als die Goldschmiedin vor Jahrzehnten aus Berlin nach Hameln kam, brachte sie einen ganz neuen Blick für die Dinge mit. „Die bis dahin sehr konservative Schmuck-Landschaft in Hameln bekam eine Verjüngungskur und spornte uns junge Schaffende an“, erzählt Meyer.

Diese Möglichkeit, sich als Künstler zu entwickeln, wollen Meyer und Herrmann auch ihren Lehrlingen geben – „sozusagen als Motivation, weiterzumachen und sich in der Öffentlichkeit zu erproben“, sagt Herrmann. Deshalb hat Meyer vor sechs Jahren vorgeschlagen, eine Ausstellung für die Lehrlingsarbeiten aus der Taufe zu heben. In Zusammenarbeit mit dem Kestner-Museum in Hannover stellen die Lehrlinge des 1. bis 3. Lehrjahres noch bis zum 13. Juni ihre Arbeiten aus. Exponate, vom Anhänger bis zum Armreif, sind in der Sonderausstellung „Goldene Aussichten. Der Goldschmied – Vom Lehrling zum Meister“ zu sehen. Am 12. Mai fand bereits die Preisverleihung statt, bei der Isabelle Schrumpf ausgezeichnet wurde. Mit ihr hat auch ein weiterer Lehrling aus Hameln gewonnen: Tibor Kunsting, der bei Manu Schmuck arbeitet, hatte ein Armband mit Gravur eingereicht. Die Jury hat es überzeugt: Er belegte den ersten Platz für das dritte Lehrjahr.

Nach der Ausstellungseröffnung fragte eine Modedesignerin Isabelle Schrumpf, ob sie ihr die Brosche verkaufen würde. Darüber hatte die junge Goldschmiedin noch gar nicht nachgedacht, erzählt sie. „Aber warum nicht?“

Geduld und Feingefühl sind nötig, um die zentimetergroßen Bleche zu fertigen. Isabelle Schrumpfs Geschick wurde beim Lehrlingswettbewerb mit dem ersten Platz gewürdigt. Ihr Meister Rainer Herrmann gibt ihr Tricks und Kniffe mit auf den Weg.

Fotos: tk

Individuell nach Kundenwünschen gefertigt: der Ring mit Turmalin (links). Rechts die Prüfungsstücke, die die Lehrlinge im Verlauf ihrer Ausbildung abgeben müssen.



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