weather-image
12°
Vor Gericht: Busfahrer vom Verdacht der sexuellen Belästigung freigesprochen - Racheakt

"Die wissen nicht, was sie zerstört haben"

Stadthagen (gus). Ein ehemaliger Stadthäger Busfahrer ist vom Verdacht der sexuellen Belästigung freigesprochen worden. Ein psychologisches Gutachten hat nach Auffassung der Ermittler belegt, dass die Vorwürfe zweiter junger Frauen nicht der Wahrheit entsprechen. Bestraft ist der Mann dennoch: Ihm wurde gekündigt, er musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und hat erst verzögert eine neue Arbeitsstelle gefunden.

veröffentlicht am 02.04.2007 um 00:00 Uhr

Am Anfang stand der Verdacht eines Polizeibeamten. Der Bekannte der späteren Anzeigeerstatterin vermutete nach deren Erzählungen eine Straftat und veranlasste eine Observierung des Busfahrers durch verdeckte Ermittler. Diese blieb ergebnislos. Auch die spätere Anzeigeerstatterin erklärte in einer Vernehmung im Sommer 2005, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Dennoch kam es im Herbst gleichen Jahres zur Anzeige. Joachim Rottmann, Rechtsbeistand des Beschuldigten, vermutet eine Art Racheakt. Denn nachdem der Beschuldigte Akteneinsicht bekommen hat, sei das Verhältnis wohl abgekühlt. Unterhaltungen, die vormals auf der Tagesordnung gestanden haben, wurden seitens des inzwischen Rehabilitierten Busfahrers gestoppt. "Eins auswischen" wollte die Anzeigeerstatterin dem Mann offenbar mit einer weiteren Wendung: Im Januar 2006 kam es nach Angaben des Busfahrers zu einer Situation, in der das Mädchen in den leeren Bus einsteigen wollte - zu ihrem angeblichen früheren Peiniger. Der Mann weigerte sich mit Verweis auf seine Sicherheit, das Mädchen zu transportieren. "Ich bin doch nicht verrückt, hinterher werde ich wieder angezeigt", habe er damals gesagt. Kurz darauf wandten sich die Mädchen mit neuen "alten" Vorwürfen an die Presse. Weil ein Polizeisprecher die Aussagen seinerzeit als glaubhaft einstufte, kam es zur Veröffentlichung. Daraufhin verlor der Busfahrer seinen Job. Die später eingeschaltete Psychologin bescheinigte den Mädchen auch wegen dieser Vorgänge "Schädigungseifer". Aussagen, wonach der Busfahrer beim Lesen der Zeitung das "Croissant verschlucken" sollte, waren weiterer Nährboden für die Annahme der Gutachterin. Der Schritt an dieÖffentlichkeit und die sich bis ins Frühjahr 2007 hinziehenden Ermittlungen wogen schwer für den ehemaligen Stadthäger Busfahrer und dessen Familie. Auch an der Ehefrau und der Tochter (in etwa im Alter der Anzeigeerstatterin) ist das Ganze alles andere als spurlos vorübergegangen. Zusätzlichzum psychischen Schaden ist dem ehemaligen Busfahrer auch ein finanzieller entstanden: Nach zwischenzeitlicher Arbeitslosigkeit hat dieser eine weniger gut bezahlte Stelle annehmen müssen - der Anfahrtsweg dorthin ist 70 Kilometer länger als zuvor. Der Lindhorster Anwalt betont deshalb, dass mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung äußerst sorgfältig verfahren werden sollte. Die Ermittler seien in solchen Verfahren besonders von der Glaubwürdigkeit der Aussagen abhängig, weil es meist keine Zeugen gebe und ein "erheblicher Strafrahmen drohe". Deshalb stellten Anzeigen aus Rache und ohne Substanz einen immensen Schaden für die Rechtsprechung dar. So werde noch mehr Unsicherheit auf Seiten der Ermittler geschürt. "Jede Form von sexueller Belästigung gehört bestraft", betont die Ehefrau des Geschädigten. Umso mehr habe das Vorgehen der beiden Mädchen tatsächlichen Opfern geschadet. Diese hätten den Straftatbestand in gewissem Sinne ins Lächerliche gezogen. Gar nicht zum Lachen ist dem Paar zumute, wenn es an die zurückliegenden beiden Jahre denkt. "Wir hatten Glück, dass wir eine gute Ehe führen und einige echte Freunde haben", meint der einst Beschuldigte. Dieser will sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn das Gericht weniger sensibel vorgegangen wäre. "Die Mädchen wissen gar nicht, was sie zerstört haben", meint er. Auch ohne Erfolg vor Gericht.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare