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Die Volkskrankheit, die schleichend kommt

Ich wurde sehr plötzlich mit dieser Krankheit konfrontiert“, erzählt Heide Slawitschek-Mulle, „es war während meiner zweiten Schwangerschaft, ich war 34 Jahre alt.“ Es war Sommer, und sie hatte schon über einen längeren Zeitraum großen Durst gehabt, nur hatte sie das natürlich auf das Wetter zurückgeführt. Doch auf einmal fiel ihr auf, dass sie körperlich immer schwächer wurde, sie fühlte sich schlapp, schwach und antriebslos. „Ich weiß noch, dass der Geburtstag meines Mannes vor der Tür stand und ich nicht fähig war, einen simplen Kuchen zu backen“, erinnert sich die Rintelnerin an diese Zeit.

veröffentlicht am 05.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 20.04.2010 um 10:52 Uhr

Insulin kann nicht als Tablette gegeben werden, denn die Magensä

von Bärbel Zimmermann

Ich wurde sehr plötzlich mit dieser Krankheit konfrontiert“, erzählt Heide Slawitschek-Mulle, „es war während meiner zweiten Schwangerschaft, ich war 34 Jahre alt.“ Es war Sommer, und sie hatte schon über einen längeren Zeitraum großen Durst gehabt, nur hatte sie das natürlich auf das Wetter zurückgeführt. Doch auf einmal fiel ihr auf, dass sie körperlich immer schwächer wurde, sie fühlte sich schlapp, schwach und antriebslos. „Ich weiß noch, dass der Geburtstag meines Mannes vor der Tür stand und ich nicht fähig war, einen simplen Kuchen zu backen“, erinnert sich die Rintelnerin an diese Zeit. Dann lag sie viel im Bett und merkte, dass sie nur noch verschwommen sehen konnte. Mit der Schwangerschaft war alles in bester Ordnung, aber dann nahm Slawitschek-Mulle innerhalb einer Woche fünf Kilogramm ab, ein Alarmzeichen, das sie zum Arzt führte: „Diabetes Typ 1“ hieß die Diagnose.

Bei diesem Typ des Diabetes zerstört der Körper seine eigenen Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die dafür zuständig sind, Insulin herzustellen. Der Kranken musste also vor allem sofort Insulin gespritzt werden. Für Heide Slawitschek-Mulle seitdem eine lebenswichtige Notwendigkeit, denn die zerstörten Zellen bauen sich nicht wieder auf, sodass sie auf die Insulingabe angewiesen ist. Typ 1 kann man ohne Insulin nicht behandeln.

Wenn Heide Slawitschek-Mulle etwas essen möchte, muss sie sich vor der Mahlzeit entscheiden, was auf ihrem Speiseplan stehen soll. Dann kommt der „Piekser“ in den Finger, denn sie muss sich Blut abnehmen um den aktuellen Blutzuckerwert zu bekommen. Als nächstes rechnet sie aus, wie viel Kohlenhydrate sie zu sich nehmen wird und bestimmt danach die Insulinmenge, die sie sich selbst durch eine Spritze oder – in ihrem Fall eine Insulinpumpe mit Dauerkatheter – zuführen wird. „Es ist schon eine Umstellung, wenn man auf Insulin angewiesen ist“, sagt sie. So könne sie beispielsweise nicht spontan einen längeren Spaziergang machen, denn damit wird Energie in Form von Zucker verbraucht, deren Menge sie vorher berechnen muss.

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Völlig anders entsteht Typ 2 des Diabetes mellitus. Diese Form kommt langsam und schleichend und wird oft zufällig über andere Krankheiten gefunden: eine nässende Wunde, die vom Hautarzt behandelt wird, Veränderungen am Augenhintergrund, die beim Augenarzt entdeckt werden, oder auch Nierenprobleme. Früher nannte man Diabetes Typ 2 „Alterszucker“, eine völlig falsche Bezeichnung, denn beide Typen können in jedem Alter auftreten. „Dieser Begriff verharmlost zudem die Folgen des Diabetes“, wehrt sich Heide Slawitschek-Mulle dagegen, Diabetes auf die leichte Schulter zu nehmen. Slawitschek-Mulle ist Ernährungswissenschaftlerin, Bezirksvorsitzende des Deutschen Diabetikerverbandes in Schaumburg und Leiterin der Diabetiker-Selbsthilfegruppe Rinteln. 90 Prozent aller Diabetiker sind Typ 2, ein Zeichen für Wohlstand, denn eine Hauptursache für diese Krankheit ist Übergewicht und Bewegungsmangel.

„Im Krieg gab es kaum Typ 2“, weiß Heide Slawitschek-Mulle, „und da immer mehr Kinder und Jugendliche sich weniger bewegen und an Übergewicht leiden, steigen auch die Diabetes-Erkrankungen Typ 2 weiter an.“ Eigentlich seien es zwei unterschiedliche Krankheiten, erklärt die Fachfrau, „gemeinsam haben sie nur den hohen Blutzucker. Typ 1 hat ganz plötzlich zu wenig oder kein Insulin, Typ 2 hat viel zu viel Insulin, nur wirkt es nicht mehr.“

Damit ist natürlich auch die Behandlung völlig anders. Bei Typ 2 bekommt man nicht noch mehr Insulin, hier muss stattdessen dafür gesorgt werden, dass das eigene Insulin wieder arbeitet. Insulin ist das Transportmittel, das den Blutzucker von der Blutbahn in die Körperzelle befördert, wo er als Energie benötigt wird. Es sind also Medikamente erforderlich, die das eigene Insulin wieder arbeiten lassen.

Auch bei Uta Kattner (66), wurde die Krankheit zufällig entdeckt: durch eine Blutuntersuchung vor 17 Jahren, die für eine Operation erforderlich war. Bis dahin hatte sie keine Symptome bemerkt, auch eine familiäre Vorgeschichte war ihr zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. „Diabetes Typ 2“ hieß ihre Diagnose.

„Der Arzt wollte, dass ich eine Diät mache“, erinnert sich Uta Kattner, „aber wie das so ist, es tut ja nicht weh, und man achtet nur bedingt darauf.“ Auch die Kontrolluntersuchungen nahm sie nicht immer ernst, „es war ja nicht so schlimm.“ Eine Einstellung, die sie heute schmerzhaft bedauert, denn sechs Jahre später kam das böse Erwachen: Eine erneute Untersuchung brachte so schlechte Blutwerte zutage, dass sie ab sofort spritzen musste, denn Insulin kann nicht als Tablette gegeben werden. Das Hormon würde durch die Magensäure zerstört. Aus diesem Grund müssen insulinpflichtige Diabetiker regelmäßig Spritzen erhalten.

„Ich bekam vom Arzt zehn Einmalspritzen und das Medikament mit nach Hause.“ Viel schlimmer als diese neue Notwendigkeit waren aber die Folgen ihrer Nachlässigkeit: Denn inzwischen waren Nerven geschädigt, „Polyneuropathie“ heißt das in der Fachsprache. Diese Schädigung kann überall im Körper auftreten, überwiegend geschieht es allerdings an den Füßen. Bei Uta Kattner blieb es nicht nur bei den Füßen, bei ihr wurden außerdem Magen- und Darmnerven geschädigt, was sich vor allem in einer schwer zu beschreibenden Übelkeit äußert. „Es ist einem so übel, dass man nicht mehr auf sein kann“, versucht sie die Symptome zu beschreiben.

Folge der Nervenschädigung kann der gefürchtete Diabetikerfuß sein, eine Warnung, die Uta Kattner nun ernst nahm. „Einmal Diabetes, immer Diabetes“, heißt eine Erkenntnis in der Selbsthilfegruppe, was bedeutet, dass man Diabetes nicht heilen kann. Angerichtete Schäden lassen sich nicht rückgängig machen. Es bleibt nur, sich konsequent nach den Regeln des Arztes zu richten und optimale Werte anzustreben.

Ist der Blutzucker zu hoch, wird das Blut dickflüssiger, was bedeutet, dass die besonders feinen Blutendgefäße schlechter versorgt werden können. Langzeitfolgen sind dann unter anderem Herz-/ Kreislaufprobleme und der Schlaganfall, aber auch Gefäßverschluss in anderen Körperbereichen und damit oft die gefürchteten Amputationen, ferner Augen-, Nieren- und auch Nervenerkrankungen, die äußerst schmerzhaft sein können. Häufig tritt in Verbindung mit Diabetes ein erhöhter Cholesterinspiegel auf. Die Fachleute nennen es das „tödliche Quartett“, nämlich erhöhter Blutzucker, erhöhtes Cholesterin, Übergewicht und Bluthochdruck.

Für Uta Kattner waren die erlittenen Schmerzen Warnung genug. Sie machte unter anderem eine Schulung in einer Diabetesklinik mit, um sich künftig optimal zu ernähren. „Man muss als Diabetiker keine Diät machen“, erklärt sie, „es reicht eigentlich, sich gesund zu ernähren: Naturprodukte, Vollkorn, fünfmal am Tag frisches Obst und Gemüse. Auch ein Stück Schokolade ist gelegentlich erlaubt, am besten dunkle Sorten. Wichtig ist es, auf die Menge der Kohlehydrate zu achten.“ Und sie weist darauf hin, dass es nicht nötig ist, die teuren Diätprodukte zu kaufen: „Die enthalten zwar weniger Zucker, aber dafür viel Fett.“

Wichtig ist, das Gewicht zu kontrollieren, Übergewicht zu vermeiden und sich viel zu bewegen. Uta Kattner hat sich zum Beispiel zur Wassergymnastik angemeldet, aber sie fährt auch gern mit dem Rad und geht viel spazieren. Und sie besucht die Selbsthilfegruppe. „Das Wissen, das man aus der Gruppe über Folgekrankheiten mitnimmt, ist Warnung genug“, sagt sie, „aber es tut auch gut, sich auszutauschen.“ Für unterwegs hat sie ein Notfallpäckchen immer bei sich, das unter anderem Traubenzucker beinhaltet. Wird mehr Energie verbraucht als erwartet, kann es zu einer Unterzuckerung kommen, die sich zunächst in Heißhunger und in zittrigen Knien äußert, aber auch bis zur Bewusstlosigkeit führen kann.

Regelmäßige Arztbesuche sind für die Diabetikerin unbedingt erforderlich, nicht nur zur Kontrolle des Blutzuckers und des Blutdrucks, regelmäßig ist sie beim Augenarzt angemeldet, und auch ihre Nieren müssen unter Beobachtung bleiben, denn Uta Kattner hat eine „auffällige“ Niere, was bei Diabetikern häufig auftritt und bis zur Dialyse führen kann. „Man kann den Punkt, an dem man mit dieser Krankheit steht, nicht mehr zurückdrehen, die Krankheit geht nicht wieder weg“, erklärt sie dazu, „aber man kann damit leben und verhindern, dass sie sich verschlimmert, wenn man konsequent ist und wirklich danach lebt.“

Diabetes kann vererbt werden. Ist in der Familie Diabetes aufgetreten, sollte frühzeitig damit begonnen werden, regelmäßig die Blutzuckerwerte untersuchen zu lassen. Nicht immer bricht die Krankheit aus, aber nur mit frühzeitiger Kontrolle und, wenn nötig, einer frühzeitigen Behandlung können schlimme Folgen verhindert werden. Denn die dauerhafte Überzuckerung des Körpers wird anfangs vom Patienten kaum wahrgenommen – oder er deutet die Ursache für das Unwohlsein falsch. Es ist ein langsamer Prozess, der da abläuft, Betroffene gewöhnen sich zum Beispiel daran, viel zu trinken oder häufig Wasser zu lassen.

„Erst vor 90 Jahren wurde Insulin entdeckt, vorher starben Diabetiker unweigerlich,“ sagt Heide Slawitschek-Mulle. Zu Ehren der Entdecker Bantin und Best wird jeweils am 14. November der Weltdiabetestag begangen. Seite 8

Mit dem Messgerät wird der Blutzuckerwert bestimmt.



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