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Arbeitgeber sehen im Fachkräftemangel eine große Bedrohung / Nicht immer ist ihre Sorge berechtigt

Die Vermessung der Welt

Rainer Lehmann hat sich verrechnet. Gedanklich ist er im Jahr 1979. Lehmann, der seinen richtigen Namen heute nicht in der Zeitung lesen will, ist damals 25 Jahre alt. Schlaksig und mit blonder Mähne steht er vor der Fachhochschule Hamburg, sein Diplom als Vermessungsingenieur in der Tasche. Vom Dach der Fachhochschule aus kann er auf die Außenalster sehen, hinter dem Haus kreischt die S-Bahn vorbei. Lehmanns Weg, so erinnert er sich heute weiter, scheint damals vorgezeichnet. Sein Vater war Vermesser, Sohn Rainer sollte ihm folgen. Der Job mutet beiden krisenfest an. Gebaut wird immer, und dazu braucht es Vermessungsingenieure. Doch die Rechnung geht für Rainer Lehmann nicht auf, dem Fachkräftemangel zum Trotz.

veröffentlicht am 15.03.2013 um 10:53 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

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VON ROBERT MICHALLA

Lehmann ist gut ausgebildet. Nach der Mittleren Reife beginnt er eine Lehre als Vermessungstechniker. Danach besucht er die Fachoberschule. In Hamburg studiert er anschließend sechs Semester. Anfangs geht noch alles gut. Nach dem Studium ergattert er einen Job in einem Vermessungsbüro. 17 Jahre lang ist er bei Wind und Wetter draußen, treibt die rot-weißen Fluchtstangen in den Boden, watet durch Baugruben, schreitet Straßenbaustellen ab. Lehmann vermisst die Welt. Doch dann kommt der Bruch. 1996 setzt das Büro 15 Mitarbeiter vor die Tür, Lehmann ist einer von ihnen. „Seitdem gurke ich so rum“, sagt der 58-Jährige heute.

Bundesweit 90 400 offene Stellen für Ingenieure zählt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Gleichzeitig sitzen rund 22 300 Ingenieure auf der Straße. In Deutschland hat ein Ingenieur die Wahl zwischen vier offenen Stellen – statistisch betrachtet. In den Ohren Lehmanns klingt das wie Hohn. Obwohl es offene Stellen gibt, will ihn lange Zeit niemand einstellen. Lehmann ist Teil des Fachkräftemangels, ob er will oder nicht.

Er fragt sich manchmal, warum gut ausgebildete Menschen wie er nicht ohne weiteres einen Job finden. Und er fragt sich, ob es den Fachkräftemangel wirklich gibt. Vielleicht ist er am Ende nur eine Erfindung der Arbeitgeber? Fachkräfte hätten sie sich selbst heranziehen können. Vielleicht soll das Mangelmärchen nur davon ablenken, dass einige Betriebe in der Vergangenheit auf die Ausbildung verzichteten. Oder sie wollen die Löhne drücken. Dies zu beantworten, ist mittlerweile ein Kampf. Die Fronten verlaufen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Und die Rollen sind klar verteilt.

Wer Arbeitgeber nach dem Fachkräftemangel fragt, der hört die Geschichte von einem Land, das an der Suche nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern verzweifelt. „Der Fachkräftemangel ist eine der größten Wachstumsbremsen in vielen Bereichen unserer Wirtschaft“, meint Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Nach einer Umfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern befürchten mehr als 40 Prozent der Unternehmen, dass der Fachkräftemangel ihr Wachstum und ihre Innovationsfähigkeit beeinträchtigt. Die bestehenden Engpässe weiteten sich sogar noch aus, auch wenn die Wirtschaft bereits ihr Möglichstes tue, sagt Hundt weiter.

„Fachkräfte sind

gar nicht eindeutig definiert.“

Die Geschichte vom Fachkräftemangel ist auch ein Zahlenmärchen – je größer die Zahl, umso größer die Gefahr für den Standort Deutschland. Allein von 200 000 fehlenden Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Informatikern und Technikern berichtet die BDA. Und es wird sogar noch schlimmer: Bis 2030 könnte in Deutschland ein Fachkräfteloch von 5,2 Millionen Arbeitskräften klaffen. Um dem entgegenzuwirken, fordert Hundt daher auch: „Wir werden weitere Zuwanderer brauchen.“

Christina Rasokat sitzt in ihrem Büro. Unter ihr glitzert der Schnee auf Hamelns Dächermeer, der Himmel klirrt blau. Rasokat arbeitet bei der Agentur für Arbeit, sie ist die Herrscherin über die Zahlen. Wer ihr zuhört, könnte im ersten Moment zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte vom Fachkräftemangel fast so schnell schmilzt wie ein Schneemann in der Sonne.

Rasokat lässt ihre Finger über die Tastatur fliegen. „Fachkräfte sind gar nicht eindeutig definiert“, sagt sie dann. Sie seien daher auch nirgendwo erfasst. Statistisch können nur Ungelernte oder Helfertätigkeiten sondiert werden. „Alle anderen Arbeitslosen haben zu irgendeinem Zeitpunkt irgendeine Ausbildung absolviert.“

Die Geschichte vom allumfassenden Fachkräftemangel bekommt Risse. Denn wo es keine definierten Fachkräfte gibt, da kann auch kein Mangel herrschen. Nur weil jemand eine Ausbildung hinter sich hat, ist er zwar noch keine gefragte Fachkraft. Aber selbst das ist keine Gruselgeschichte, wie sie manche Arbeitgeber erzählen.

Der Computer spuckt die Zahlen aus: 99 Ingenieure im Weserbergland suchten im vergangenen Jahr einen Job. 69 Stellen waren unbesetzt. So sieht kein Fachkräftemangel aus, doch der erste Eindruck täuscht. Denn auf Ingenieure des Maschinen- und Fahrzeugbaues warteten zum Beispiel 30 unbesetzte Stellen. Im gesamten Weserbergland lebten aber nur 16 geeignete Bewerber. Es mangelte also nachweislich an fähigem Personal. 1:0 für Dieter Hundt. Doch ein Spiel hat 90 Minuten, und die Geschichte vom Fachkräftemangel nimmt eine Wende.

Bei den Vermessungsingenieuren zeigt sich nämlich: Für drei Arbeitslose gab es keine offene Stelle. „Ob man als Ingenieur gefragt ist, hängt ganz entscheidend von der Fachrichtung ab“, sagt Rasokat. Ingenieur ist nicht gleich Ingenieur, und Fachkräftemangel ist eben nicht gleich Fachkräftemangel. Die Rasokat-Rechnung belegt, dass es Fachkräfte gibt, die Arbeit suchen. Allein die Arbeitgeber schaffen die nötigen Stellen nicht, aus welchen Gründen auch immer. 1:1, der Vorsprung von Team Hundt ist dahin. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt daher zu dem Schluss: „Für spezielle Qualifikationen und in einzelnen Regionen kann es schon heute einen Fachkräftemangel geben. Auf breiter Front ist dies noch nicht der Fall.“

Rainer Lehmann denkt nach, dann sagt er: „Er ist im Moment nicht sehr gefragt, der Beruf. Der Straßenbau ist ja total eingeschlafen.“ Zudem habe sich die Technik verbessert. Neue Messgeräte sind mittlerweile digital. Ein Knopfdruck genügt, und das Gerät spuckt die Daten aus. „Das kann heute auch ein Vermessungstechniker machen“, sagt Lehmann. „Im Maschinenbau hätte ich wohl gar keine Probleme.“

Zurzeit arbeitet er wieder, bei einem Ingenieurbüro in Hameln. Vielleicht geht er bei seinem neuen Arbeitgeber am Ende auch in Rente, dann als Diplom-Vermessungsingenieur. Lehmanns Rechnung wäre dann am Ende doch noch aufgegangen.

Deutschland verliert den Anschluss. Viele Experten meinen, dies liege besonders am Fachkräftemangel. Doch den gibt es so gar nicht, wie das Beispiel des Ingenieurs Rainer Lehmann zeigt.



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