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Gespeist wurde die Mühle vom Stadtgraben, der nach Versorgung der Mühle in die Weser mündete

Die Turbine ersetzte den Wasserantrieb

Die Nutzung der Thiemühle als Getreidemühle erfolgt über Jahrhunderte. Sie war eine der wichtigen Hamelner Wassermühlen. Sie lag ganz nahe dem Stadtkern, wo sich heute das Amtsgericht befindet. Private Initiative führte zu ihrer Gründung, dann war sie lange Zeit eine der Ratsmühlen im Besitze der Stadt; wurde verkauft und schließlich wieder bis zu ihrem Abriss Eigentum der Stadt.

veröffentlicht am 05.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 08.03.2010 um 10:29 Uhr

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Die Geschichte beginnt um 1330 im Norden Hamelns vor dem Thietor. Hier errichteten die Brüder von Emmern ihre neue Getreidemühle – die Thiemühle. Das erforderliche Gelände hierfür erwarben sie von der Stadt. Gespeist wird die Mühle von dem Stadtgraben, der nach Versorgung der Mühle schon bald in die Weser mündet. Vermutlich haben die Brüder für den Bau der Thiemühle Teile ihrer an der Hamel abgebrochenen Luttekemühle verwendet, da ein Neubau der Mühlentechnik auch damals langwierig und kostspielig war. Für das Recht der Wassernutzung aus dem Stadtgraben zahlten die Brüder der Stadt 10 Schilling (ca. 700 ¤) pro Jahr.

Die Voraussetzungen für den erfolgreichen Betrieb der Thiemühle waren ursprünglich recht günstig, da man ja mit einer relativ gleichbleibenden Wassermenge rechnen konnte.

Um 1350 starben kurz hintereinander zwei der Brüder, Hartmann und Bertold von Emmern. Den Betrieb der Thiemühle hatten die Brüder, wie seinerzeit üblich, einem Pächter überlassen. Die überlebenden Brüder und Erben verkauften ihre Mühlenanteile an die Stadt.

In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wütete die grausame Pest auch in Hameln und forderte eine Unzahl an Todesopfern. Dieser möglicherweise starke Rückgang der Bevölkerungszahl der Stadt kann eventuell durch Ansiedlung von Bürgern und Soldaten sowie hohe Geburtenraten abgemildert worden sein. Es ist daher keineswegs

sicher, dass die Hamelner damals möglicherweise weniger Mahlprodukte benötigten als vor den katastrophalen Ereignissen. Die Thiemühle taucht in Darstellungen von der Stadt als Festung auf. Denn die Mühlen und eine ausreichende Menge von Backöfen waren von größter Bedeutung, um die Versorgung der Bevölkerung und der Soldaten, besonders in Kriegszeiten, mit ausreichend Backwaren und Kommissbrot sicherzustellen. So gesehen war die Lage der Thiemühle innerhalb der mit Mauern, Wällen und Gräben befestigten Stadt sehr günstig. Genauso auch während des siebenjährigen Krieges 1757, als die Hamelner acht Monate unter französischer Besatzung zu leiden hatten.

1757, während des Siebenjährigen Kriegs, ließ der Hamelner Festungskommandant zum Schutze vor den anrückenden französischen Truppen den Festungsgraben fluten, um das umgebende Gelände zu überschwemmen. Dabei wurde die tieferliegende Thiemühle unversehens durch die Fluten mit unter Wasser gesetzt. Sie wurde so stark beschädigt, dass erhebliche Reparaturen notwendig waren. Glücklicherweise erreichte der Rat der Stadt die Bezahlung aller erforderlichen Maßnahmen zur Instandsetzung durch die Kriegskasse. 1806, nach der schmählichen Niederlage, als Hameln finanziell danieder lag, wäre die wirtschaftliche Lage auch für die Müller katastrophal geworden, wenn sie als Lohnanteil die Mahlmetze nicht gehabt hätten, denn durch die rigorose Ausbeutung der Besatzer, wurden auch die Nahrungsmittel knapp. So stieg der Roggenpreis um mehr als das Doppelte an. Auch sonst änderte sich nach dem Untergang der Festung vieles für die Bürger und auch die Mühlenpächter. Nur eine geringe Zahl der fremden Truppen blieb ausbeutend in Hameln, die Festung wurde geschleift. Die welfischen Lande waren nun über Jahre Kriegs- und Besatzungsgebiet. Ohne die Garnison ging der Bedarf an Getreideprodukten rapide zurück und betrug nur noch 4 bis 5 Tonnen pro Tag. Eigentlich benötigte man jetzt nur noch zwei Mühlen. Doch ehe sich die Auslastungsfrage der Mühlen ernstlich stellte, führte die Zerstörung des Hamel-Wehres bei der Afferdschen Warte durch die abziehenden Preußen zur Stilllegung der Thiemühle, da sie kein Wasser mehr aus der Hamel bekam. Die Gräben wurden zugeschüttet, die Wälle planiert, und damit stand die Thiemühle erst einmal auf dem Trockenen.

Immerhin besaß die Stadt ja noch die Pfort- und die Brückermühle, sodass man glaubte, die Versorgung mit den Getreideprodukten durch diese beiden Mühlen sei gesichert. Doch weit gefehlt! Inzwischen war die Pfortmühle in die Jahre gekommen und zeigte ernste Schäden. Auch für die Brückermühle mussten das Mühlenbett und das Gerinne erneuert werden. Bei Eisgang, Hoch- oder Niedrigwasser hatte bisher die Thiemühle als einzige die notwendige Mahlarbeit verrichtet. Was sollte werden, wenn eines der geschilderten Ereignisse eintraf? Es war Müller Strauß, der sich mit einem Vorschlag zur Abhilfe des Problems zu Worte meldete. Er empfahl, die trocken liegende Thiemühle wieder in Gang zu setzen: „Nach langem Sinnen und Forschen habe ich eine einfache Lösung gefunden, wie die Mühle wieder zum Laufen kommen kann. Es sollte ein Kanal gegraben werden von der Hamel im Norden der Stadt hinüber zu den Resten des alten halbverschütteten Stadtgrabens, an dem ja die Mühle liegt.“

Außerdem solle man zwei große Teiche oberhalb der Mühle anlegen, um zusätzliche Leistung und Wasserreserve zu erhalten, meinte ein Mathematikus, namens Massip. Er vermass das Gelände und fand als günstigste Stelle für den Ansatz des Kanals einen Punkt, der sich 120 Schritt westlich von der Hamelbrücke beim Neuen Thor befand. Und Müller Strauß brachte nicht nur den Vorschlag ein, sondern machte auch gleich ein Angebot: Er würde den Kanal auf eigene Kosten graben lassen, wenn ihm die Mühle auf drei Jahre pachtfrei überlassen würde oder man sie ihm sogar auf Erbzins verkaufte. Der Maire Grimsehl und der Syndicus Lüders waren schnell für dieses Angebot gewonnen, sahen sie doch die Versorgung mit Getreideprodukten so auch bei ungünstigen Wasserverhältnissen gesichert. Bei Ingangsetzung der Thiemühle würden sie eher auf die dann überflüssige Brückermühle verzichten, die ohnehin für den Getreidetransport unbequem lag und noch erheblicher Reparaturinvestitionen bedurfte. Auch der Schleusenmeister Dammert bestätigte, dass der Plan von Strauß vernünftig und gut durchführbar sei. Doch so wie heute war es schon damals: Kaum hat jemand einen Vorschlag, erhebt sich Widerspruch von diversen Interessengruppen! Mit emotionalen Argumenten protestierten die Vorsteher und Lohnherren als Vertreter der Bürgerschaft gegen die Vorschläge von Strauß und Massip. Man würde durch diese Veränderung den Pächtern der Brücker- und Pfortmühle Konkurrenz machen, und ein Erbzinsverkauf sei gänzlich abzulehnen, da dies den Kämmereiinteressen zuwiderliefe. Man wisse doch zu gut aus der Vergangenheit, welche nachteiligen Folgen die „Austhunung“ von Stadtgütern habe. Schließlich forderten die Gegner noch, man solle die Thiemühle als Fabrik einrichten, da sie ja auch nahe der Weser läge. Doch die Argumente verfingen nicht, die Regierungskommission entschied anders. Sie genehmigte Mitte Februar 1809 die Pläne des Maire, bewilligte Geld für die Erneuerung der Stauanlage bei der Afferdschen Warte. Mit der Anlage von Mühlenteichen war die Kommission nicht einverstanden.

Für kurze Zeit wird Müller Strauß hocherfreut gewesen sein, doch umso größer war seine Enttäuschung, als bei der Ausbietung nicht er, sondern der Sägemüller Brüning den Zuschlag für die Thiemühle erhielt. Brüning war kapitalkräftiger und damit in der Lage, jährlich 275 Thaler zu zahlen. 1822 kam es zum Verkauf an den letzten Pächter der Brücker- und der Thiemühle Ernst Wesemann.

Die Thiemühle arbeitete über Jahre rentabel. Etwa 1875 erwarb August Menge die Mühle und ersetzte den Wasserradantrieb durch eine Turbine. Menge arbeitete fortan als Handelsmüller und fand seinen Kundenkreis im weiteren Umfeld von Hameln. Naturgemäß waren seiner Mühle durch die Wasserverhältnisse der Hamel doch enge Grenzen gesetzt. Im Jahre 1905 fiel die Thiemühle an die Stadt Hameln zurück. Da sich der Betrieb nicht mehr lohnte, wurde sie 1911 stillgelegt und musste schließlich dem Amtsgericht weichen.

Thiemühle vor dem Abriss für einen Erweiterungsbau des

Amtsgerichts im frühen 20. Jahrhundert.



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