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Erinnerungen an eine einst unentbehrliche Zunft

Die Totenfrauen

Sie wuschen die Verstorbenen, trösteten die Angehörigen und zogen umher, um Nachbarn und Freunde zur Beerdigung zu bitten – bis ins vorige Jahrhundert hinein spielten „Totenfrauen“ im gemeindlichen Zusammenleben eine wichtige Rolle. Vor allem auf dem platten Land, wo es noch vor wenigen Jahrzehnten weder Ärzte noch Bestattungsunternehmer gab, waren die andernorts auch als „Leichenfrauen“, „Leichenbesorgerinnen“, „Seelfrauen“ oder „Seelnonnen“ bezeichneten Laien-Helferinnen unentbehrlich.

veröffentlicht am 22.11.2014 um 00:00 Uhr

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Die ersten Expertinnen dieser Art soll es bereits im Mittelalter gegeben haben. Schon damals mochten sich die meisten Hinterbliebenen nicht selbst am Leichnam des verstorbenen Familienangehörigen „vergreifen“. Das übernahmen mancherorts die mildtätigen Schwestern der sich seit dem 12. Jahrhundert europaweit ausbreitenden „Beginen“-Bewegung. Die ordensmäßig organisierten und in eigenen Höfen und Häusern zusammenlebenden Frauen waren auf Heilkunde und Krankenpflege spezialisiert.

In den Dörfern und Städten des Schaumburger Landes nahmen den Leichendienst Nachbarsfrauen wahr. Den meisten ging es weniger um christliche Nächstenliebe, sondern um die Linderung der eigenen Not. Nach getaner Arbeit gab es ein paar Münzen, ein Stück Brot oder ein Kleidungsstück des Verstorbenen. Es war, wenn man so will, der Beginn des heutzutage professionell betriebenen Bestattungswesens. An Friedhofskapellen, Trauerfloristik, Trauerdrucksachen sowie Urnenhain-, See- oder Ruheforstbeisetzungen dachte allerdings noch keiner.

Art und Umfang des frühen „Leichendienstes“ waren von Region zu Region sehr verschieden. Hauptaufgabe war stets das Waschen und – in bessergestellten Familien – das Neueinkleiden der Toten. Im Laufe der Zeit kamen Aushilfstätigkeiten bei der Vorbereitung der Grablege hinzu. Dazu gehörte hierzulande vor allem der Hausbesuch bei Freunden und Nachbarn der/des Verstorbenen, um diesen von Ursachen und näheren Umständen des Dahinscheidens zu erzählen und sie zum Begräbnis einzuladen. In einigen Archiv-Akten werden die meist dunkel gekleideten Frauen deshalb auch als „Leichenbitterinnen“ und/oder „Klageweiber“ bezeichnet. In manchen Gemeinden blieb der Job über Generationen hinweg in ein und derselben Familie. Das Fachwissen wurde von Frau zu Frau weitergegeben.

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Darstellungen von heimischen Totenfrauen als Leichbitterinnen sind selten. Hier die Darstellung eines männlichen „Toten-Herolds“, veröffentlicht in einem 1658 erschienenen Ständebuch des Nürnberger Kupferstechers Johann Christoph Weigel (1661-1726).

Zu einer bemerkenswerten Aufwertung und Ausweitung des Aufgabenbereichs der Zunft kam es vor 200 Jahren. Die unmittelbare Nähe zu den Menschen und das intime Wissen um das Geschehen vor Ort brachte eine ganze Reihe der adligen Landesherren auf die Idee, die „Leichenbesorgerinnen“ als verlängerten Arm der staatlichen Polizei- und Gesundheitsbehörden zu nutzen. „Die Todtenfrauen sollen einen Eid leisten, nachdem sie verpflichtet sind, alle Widernatürlichkeit wie z. B. Verwundungen oder sonstige Verletzung, welche sie an dem Leichname bemerken, sogleich der Obrigkeit anzuzeigen“, ordnete die Fürstlich Schaumburg-Lippische Regierung in einer 1819 bekannt gegebenen „Instruction für die Todtenfrauen“ an. Vor allem bei plötzlichen und unerwarteten Todesfällen seien höchste Aufmerksamkeit und genaueste Erkundigungen gefragt. Nur so könne herausgefunden werden, ob der Verblichene vor seinem Hinscheiden „anhaltendes Würgen und Erbrechen mit heftigem Leibschneiden oder aber große Verblutungen erlitten“ habe.

Unabhängig davon musste bei jeder Leichenschau ein exakt vorgegebener Maßnahmenkatalog abgearbeitet werden. Danach hatte Totenfrau „

1. den Kopf genau untersuchen, ob an demselben keine Wunde, Beule und Knochenverletzung vorhanden ist;

2. das Innere der Ohren untersuchen, ob keine fremde Körper in demselben sind;

3. das Genick und den Hals untersuchen, ob an demselben auch eine zu große Beweglichkeit stattfinde, welche, wenn sie stattfindet, eine Verletzung des Halswirbels vermuten lässt, oder ob ein roter oder blauer Strich nebst Eindruck um den Hals befindlich ist, welches ein Zeichen von Erhängen ist, und

4. auch Brust, Bauch und Rücken ebenfalls gehörig besichtigen“.

Bei auffälligem Befund waren sofort Bürgermeister oder Bauernvogt zu unterrichten, ohne jedoch sonst „gegen jedermann darüber zu schwatzen, weil sonst jemand unschuldigerweise in bösen Ruf kommen kann“.

Ob und wie die landesherrliche „Instruction“ umgesetzt wurde, lässt sich aus den im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten nicht eindeutig herauslesen. Einiges spricht dafür, dass die meist sehr schlichten und aus einfachen Verhältnissen kommenden Frauen mit der neuen Zusatzaufgabe stark überfordert waren. Jedenfalls wurden die Vorgaben gut 50 Jahre später nochmals wiederholt und ergänzt. Nach der 1862 vom damaligen Fürsten Adolf I. auf den Weg gebrachten „Verordnung, die Todtenfrauen betreffend“, mussten die Kandidatinnen „vor Antritt ihres Dienstes gehörigen Unterricht und Belehrung über ihre Dienstobliegenheiten durch die Amtswundärzte resp. durch den Landchirurgus erhalten“ und in einer Prüfung nachweisen, dass sie die „gehörige Qualifikation produciret“ hatten. Im neu gefassten Paragraf 7 wurden die Helferinnen ausdrücklich zu sorgfältigem Umgang mit den Leichnamen ermahnt: „Die Todtenfrauen sollen mit den toten Körpern schonend und menschlich umgehen und mit dem kaum Verstorbenen, besonders wenn der Leib noch warm ist, nicht gleich in kalte feuchte Kammern aufs Stroh eilen“.

In der damals hessischen Grafschaft Schaumburg traute man den Totenfrauen in puncto Leichenschau offenbar deutlich weniger zu. Nach einem 1824 abgefassten Erlass „über die Besichtigung der Todten“ war die Untersuchung der Leichname ausschließlich Sache der Wundärzte. Nur in Orten, „wo oder in deren Nähe dergleichen nicht wohnen“, durften auch „sonstige dazu sich eignende Personen als Todtenbeschauer“ herangezogen werden. Über deren Eignung und Auswahl entschied der „Kreisrath unter Zuziehung des Kreisphysikus“. Ob und in welchem Umfang dabei in Rinteln und Umgebung auch Totenfrauen berücksichtigt wurden, geht aus der von der Regierung in Kassel zu Papier gebrachten Regelung nicht hervor.

Mit dem Ende der Fürstenära 1918 war es auch mit den hoheitlichen Aufgaben der Totenfrauen vorbei. Sie blieben zwar weiterhin Angestellte der Städte und Gemeinden, die Zahl ihrer Einsätze ging jedoch stetig zurück. Der Erste Weltkrieg hatte die Vorstellungen von Tod und Sterben nachhaltig verändert. Vorbereitung und Durchführung von Beisetzungen wurden zunehmend den neu auf den Markt drängenden Bestattungsunternehmern anvertraut. Verwandtschaft und Freunde konnte man viel einfacher per Zeitungsanzeige informieren. Mit dem Wegbrechen der Nachfrage sank auch das ohnehin karge Einkommen. Die Vergütungssätze in Obernkirchen während der 1920er Jahren lagen pro Leichnam bei 3 Mark (Erwachsene) und 2 Mark je Kind. In Bückeburg, Rinteln und Stadthagen war es bis zu einer Mark mehr. Anträge auf Anhebung der Gebühren wurden von den klammen Gemeinden abgelehnt. Etwas besser sah es in den Dörfern aus. Hier durften die Totenfrauen bei ihren Rundgängen als „Leichenbitterinnen“ auf Trinkgelder hoffen. In den 1930er zogen sich Staat und Kommunen endgültig aus der Verantwortung für die häusliche Totenfürsorge zurück. Wenn überhaupt, wurde ein Teil der Aufgaben von Gemeindeschwestern weitergeführt. Eine Anfrage des Berliner Reichsinnenministeriums vom März 1938, ob es Bedarf an einer gesetzlichen, deutschlandweit geltenden Regelung gebe, beantwortete die Schaumburg-Lippische Landesregierung so: „Man kann die Angelegenheit auf sich beruhen lassen“.

Fürst Georg Wilhelm zu Schaumburg-Lippe (1784-1860) machte 1819 die Totenfrauen seines Landes zu Hilfskräften der staatlichen Polizei- und Gesundheitsbehörden.



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