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„Die Tiere werden entsorgt wie Müll!“

Wenn Monika Hachmeister morgens das Tor zum Hof des Tierheims Bückeburg öffnen will und ihr von innen ein Hund entgegensieht, den sie nicht kennt, dann weiß sie, was nachts passiert ist: Ein Auto fährt vor, ein Fahrer steigt aus, packt seinen Hund – und wirft ihn einfach über den Zaun. Und tschüss, Bello. Immer wieder findet ein Hund unfreiwillig den kürzesten Weg ins Tierheim. „Die Tiere werden entsorgt wie Müll!“, empört sich Monika Hachmeister als Vorsitzende des Tierschutzvereins im Gespräch über die skrupellosen Handlungen der ehemaligen Tierhalter. Hachmeister: „Erst letzte Woche wurden uns zwei süße kleine Pudel an den Zaun gebunden.“

veröffentlicht am 27.07.2011 um 00:00 Uhr

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Der Beginn der Sommerferien läute dabei immer wieder eine besonders kritische Zeit für das ohnehin schon überfüllte Tierheim ein, das eigentlich nur für bedürftige Fundtiere und nicht für unliebsame Haustiere vorgesehen ist. „Die Situation eskaliert“ erklärt Monika Hachmeister besorgt. Wären es anfangs noch primär Katzen gewesen, die im Tierheim abgegeben wurden, seien es in diesem Jahr vor allem auch viele Hunde, die ihr zu Hause verlieren. Aktuell hätten 45 bis 48 Hunde einen Platz im Tierheim. Mindestens 18 stünden noch auf der Warteliste, hätten aber keine Aussicht auf einen Platz.

Der Grund für diese Entwicklung, so die Vorsitzende, liege vor allem im neu verabschiedeten Hundegesetz (NHundG), das seit dem 1. Juli dieses Jahres in Kraft ist. In diesem wird die Verchippung und der Abschluss einer Haftpflichtversicherung für Hunde ab einem Alter von sechs Monaten sowie der Erwerb eines Sachkundenachweises, des sogenannten Hundeführerscheins“, innerhalb der ersten zwei Jahre der Haltung vorgeschrieben. Laut dem zuständigen Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung, soll das neue Gesetz unter anderem. „den Tierschutz stärken.“

Monika Hachmeister muss jedoch eine gegensätzliche Entwicklung feststellen: „Das Gesetz ist einfach nicht zu Ende gedacht.“ Infolge des neuen Gesetzes kämen in erster Linie zusätzliche Pflichten und Kosten auf die Hundebesitzer zu, die viele entweder nicht tragen wollten oder schlicht nicht tragen könnten. Wer Hartz IV beziehe, könne sich die steigenden Ausgaben für den Hund oftmals nicht leisten. Dabei bliebe das Tier am Schluss auf der Strecke – und fliegt über den Zaun.

Wurde nicht mehr gebraucht: Diese Wasserschildkröte wurde ebenfalls ausgesetzt.

Auch die Weitervermittlung der gestrandeten Vierbeiner gestalte sich höchst schwierig, insbesondere bei den älteren Tieren. Von den insgesamt 300 Katzen, die im Jahr im Tierheim aufgenommen würden, fänden zwar viele eine neue Heimat, allerdings könnten sich die meisten Tierfreunde eher für die Babys als für die Mütter erwärmen.

Hachmeister benennt ein Beispiel: Die Babykätzchen der Katze Angel, die damals hochtragend im Bückeburger Tierheim eintraf, konnten innerhalb kürzester Zeit vermittelt werden. Angel lebt jedoch bis heute im Tierheim und das, obwohl sie „so zutraulich und zahm ist“. Ähnlich erginge es den rund 30 etwas eigensinnigeren Katzen im großzügigen Außengehege sowie den kränklichen und daher kostspieligen Hunden, die im Heim leben.

Manchmal würden sich die Leute erbarmen, erzählt die Vorsitzende, und einen betagteren Schäferhund mit Hüftproblemen mitnehmen, doch das sei eher die Ausnahme. „Bei uns darf jedes Tier leben, solange es noch Lebensqualität hat“, so Hachmeister, egal wie alt oder ungewöhnlich es sein mag. Abgegeben werden übrigens nicht nur Hunde und Katzen: Hängebauchschweine, Tauben, Meerschweinchen, Hamster oder ein Steinmarder werden abgegeben. Nur Schlangen gebe es hier nicht, sagt sie schmunzelnd.

Was solche Exoten anbelangt, sieht die Situation im Artenschutzzentrum des Naturschutzbunds (Nabu) in Leiferde schon anders aus. Ganz aktuell trafen hier in den letzten zwei Wochen schon ein Nymphensittich, eine Kornnatter, eine Kükennatter sowie drei Griechische Landschildkröten ein. Zu Beginn der Ferienzeit steigt die Zahl ausgesetzter Tiere, insbesondere von Exoten wie Leguanen oder Kornnattern und ihre Aufnahme in Auffangstationen sprunghaft an, erklärt der Nabu Niedersachsen. Für den Dackel gibt es ausgewiesene hundefreundliche Hotels. Das Meerschwein kann bei Oma bleiben und die Ratten übernimmt eine Freundin. Aber mit der Schildkröte nach Italien fliegen? Das kann sich kaum jemand vorstellen.

Doch wohin mit exotischen Haustieren, für die es keine ,Pfötchenpensionen‘ gibt? „Die Lösung scheint für manche Menschen recht einfach“, erklärte Bärbel Rogoschik, Leiterin des Nabu-Artenschutzzentrums Leiferde. „Wir merken sofort, wann die Sommerferien nahen, denn dann steigen die Zahlen exotischer Fundtiere bei uns sprunghaft an.“

Dr. Florian Brandes, Stationsleiter der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen, sieht hingegen keinen Zusammenhang zwischen der Ferienzeit im Sommer und der wachsenden Zahl herrenloser Tiere. Natürlich würden in der Station immer wieder Tiere aufgenommen, die entlaufen oder von der Feuerwehr gefunden worden seien, aber „Normalabgabetiere nehmen wir nicht an“, so Brandes. Zum Teil würden zwar Wasserschildkröten gefunden, die man hierzulande für gewöhnlich nicht in der freien Natur antrifft, doch dies sei eher die Ausnahme.

Offenbar glauben einige Besitzer, weil eine Wasserschildkröte bei ihnen im Gartenteich lebt, wäre sie auch in einem Badesee gut aufgehoben. Doch exotische Haustiere wie Leguan, Bartagame oder Schmuckschildkröte stammen aus heißen Regionen wie Florida oder Australien. Den Sommer mögen sie noch gut überstehen, aber Temperaturen um den Gefrierpunkt im Winter gefährden ihr Leben erheblich. Was viele Besitzer überrascht, denn Schildkröten sind schneller als ihr Ruf und noch dazu wahre Ausbruchskünstler.

Die Naturschützer vom Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde raten dazu, sich wirklich umfassend über die Bedürfnisse eines Haustieres zu informieren, egal ob es sich um ein Kaninchen oder eine Schildkröte handelt. Dazu gehört in jedem Fall die Überlegung, wo man das Tier unterbringen kann, während man im Urlaub oder auch mal im Krankenhaus ist. Wer ein Haustier besitzt, hat im Falle einer Wasserschildkröte die Verantwortung für ein mindestens 40-jähriges Leben übernommen. So lange möchte wohl niemand auf den Sommerurlaub verzichten.

Als Katzenbesitzer könnte man sich in dieser Situation zum Beispiel an die private Katzenpension „VergissMeinNicht“ in Deckbergen wenden, die Heidemarie Rößler nebenberuflich betreibt. Insgesamt könnten hier bis zu zwölf Katzen auf 100 Quadratmetern unterkommen. Zurzeit befinden sich sieben Katzen in der Pension. Der anstehende Sommerurlaub sei dabei der Hauptgrund für Katzenhalter, ihr Tier in der Pension abzugeben. Zwischen der Ferienzeit und der Auslastung sieht Heidemarie Rößler jedoch keinen Zusammenhang. Sieben Katzen in der Unterkunft seien ganz normal. In größeren Pensionen sähe die Lage jedoch sicherlich anders aus. Dass jemand sein Tier einfach abliefert, hätte sie zudem „noch nie gehabt“, so Rößler. Bisher hätte jeder Halter seine Katze nach dem Urlaub auch wieder abgeholt.

Die Mitarbeiter des Nabu-Artenschutzzentrums befürchten für die nächsten Wochen weitere exotische Neuzugänge, denn die Ferien haben ja gerade erst begonnen. Doch „unsere Kapazitäten, Exoten aufzunehmen, sind begrenzt, und außerdem fehlt uns dann der Platz für wahre Notfälle“, betonte Bärbel Rogoschik.

Doch nicht nur die Sommerferien stellen in einigen Einrichtungen einen bedeutenden Faktor in Sachen Anstiegszahlen dar, auch die Vorweihnachtszeit spiele eine entscheidende Rolle. Wieso? Weil viele Halter vor Weihnachten in den Skiurlaub fahren würden und dann zu Hause kein Tier gebrauchen könnten. Es wird dann im Tierheim Bückeburg als „Fundtier“ zusammen mit der vollen Ausstattung abgegeben.

„Die Leute wollen uns für dumm verkaufen“, erzählt Monika Hachmeister. Doch man entscheide sich doch „im Zweifelsfall immer für das Tier.“ Je näher die Zeit dann an Weihnachten heranrückt, desto häufiger würden sich die ja mittlerweile wieder haustierlosen Menschen dafür entscheiden, sich ein neues Lebewesen nach Hause zu holen. Ein „süßer Welpe“ liege dann wieder unter dem Tannenbaum.

Schließlich appelliert Hachmeister noch an alle Tierliebhaber ohne Haustier. Wer meint, er hätte unter der Woche nicht viel Zeit für eine Katze und wüsste auch in der Urlaubszeit nicht, wohin mit ihr, der könne sich eben direkt zwei aus dem Heim holen: „Die beschäftigen sich miteinander.“ Aber was geschieht da mit der Einrichtung? „Ich selbst habe acht Katzen und immer noch hübsche Gardinen“, argumentiert Hachmeister.

Wer sich diese Aufgabe (noch) nicht zutraut, kann sowohl beim Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde und bei der Wild- und Artenschutzstation Sachsenhagen, als auch beim Tierheim Bückeburg Patenschaften für Bewohner übernehmen. Diese Patenschaften, von denen es zurzeit noch „viel zu wenig“ gebe, sind vor allem auch eine wichtige finanzielle Spritze für die Einrichtungen. Diese ermöglichten dem Tierheim etwa den Bau eines Quarantänegebäudes, wie auch die Errichtung des großen Außengeheges für Katzen. Beide Projekte entstanden in Eigeninitiative und sind heute zentraler Bestandteil der Einrichtung.

Leider kann sie sich, erklärt Monika Hachmeister, wenn sie abends das große Tor schließt, nie sicher sein, wie lange sie noch bestehen wird. Oder wer morgens ihr entgegenblickt, wenn sie das Tor aufschließt.



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