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Warum die Hölle wie Grönland ist

Die Stones sind immer noch heiß wie ein Brennstab

Der Tanz mit dem Teufel ist klar definiert: Seine Schrittfolge richtet sich nach „Sympathy For The Devil“. In dieser Hinsicht haben die Rolling Stones einen großartigen Job getan. Die Hölle hat die furchtlosen Gesellen des britischen Königreichs nicht schocken können, eher schon Satansbräute wie Anita Pallenberg, mit denen sie Tage, Nächte und Drogen teilten. Die zerstörerische Kraft der Weibsbilder hätte mehrmals das Aus für die Gruppe bedeuten können, aber die Liebe zum Rock’n’Roll war stärker als jede andere.

veröffentlicht am 20.08.2011 um 04:30 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

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Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Gehe ich doch gleich in medias res und behaupte: Das beste Album aus dem Dunstkreis der Stones heißt „Wandering Spirit“, weil es mit zürnendem Rock („Wired All Night“), siedendem Funk (Bill Withers‘ „Use Me“) und brennendem Discogroove („Sweet Thing“) funkelt. Ist nicht von den Stones, nein, sondern die dritte Soloscheibe von Mick Jagger. Die Wahrheit ist manchmal so gemein.

Die rollenden Steine hat aber auch des Sängers 93er Sahnesolo nicht aufhalten können, genauso wenig, wie die Drogen, die Weiber und der Suff es getan haben. Die Wild Horses sind wild geblieben, da gibt es kein Vertun. Dass nicht jedes von über 20 Studioalben wie Gold zu glänzen vermag, ist klar. Zwei, drei Platten wohnt der Nimbus des Großartigen aber sehrwohl inne. Zu den Glanzlichtern der Band zählen unzweifelhaft das 69er Werk „Let It Bleed“ (mit „You Can’t Always Get What You Want“), das pulsierende 72er Doppelalbum „Exile On Main Street“ und der 81er Knaller „Tattoo You“, der aus Sessions der 73er „Goats Head Soup“, also quasi aus einer Resterampe, zusammengestellt wurde. Wer so was fast zehn Jahre in der Schublade unter Verschluss hält, gehört zu den Gewinnern.

Dabei hätte es anders und schon viel früher enden können, als Brian Jones im Juli 1969 tot aus dem Swimming Pool von Cotchford Farm gefischt worden war. Knapp einen Monat vorher hatten Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Bill Wyman ihren introvertierten, labilen und den Drogen verfallenen Gitarristen aus der Band geworfen. Eine Rückkehr, ein Aufschrei der Fans, eine zürnende Masse, die sich nun abkehren würde, hatte sich mit Jones‘ Tauchgang von selbst erledigt. Der Sensenmann war zum praktischen Detail fürs Bandgefüge geworden. Rein musikalisch eher ein Maulwurfsauswurf denn ein Erdbeben. „Keith und Mick prägten die Musik, nicht Brian“, schreibt der besonnene Bassist Bill Wyman, der den Stones-Sound 30 Jahre lang erdete, in seiner Rolling-Stones-Story (Verlag DK).

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Nichts hat die Rolling Stones umgehauen, nicht einmal die Nadel, an der Keith Richards hing. Der heroinisierte Desperado des Rocks, kaputt, und doch lebendig, mit unerklärlichem Chic, eine Stil-Ikone, elegant verlebt und witzig. Wenn er in seiner Biografie „Life“ ausschweifend erklärt, dass er clean sei, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass er nicht doch mal wieder am kokosnussgroßen Riesenjoint ziehen würde. Und natürlich habe er nicht die ganze Asche seines verstorbenen Vaters geschnupft, nicht die ganze.

Es musste ja auch was übrig bleiben, um aus Daddys Rest und den Verbrennungsrückständen jener Fegefeuer, in die das Establishment Keith und Co. unzählige Male hineinwünschte, als Band immer wieder aufzuerstehen wie Phönix. Wer all das überlebt, übersteht auch die feindliche Erdübernahme der Marsianer geschweige denn geht er an schlechten Liedern zugrunde, die er selber geschrieben hat. Beim bislang letzten Studioalbum „A Bigger Bang“ (2005) pofe ich jedenfalls immer ein und vermute, dass ich mindestens die letzten drei bis fünf Stücke gar nicht kenne, was nicht weiter schlimm ist, weil dann meistens auch Richards singen darf. Warum lässt der Jagger das zu?

Es ist wohl eine Art Zugeständnis, ein Kompromiss. Schon ewig schwelt die Hassliebe der „Glimmer Twins“, wie sie sich nennen, wie ein Damoklesschwert über der Gruppe. In den achtziger Jahren waren sie so weit voneinander entfernt wie die Sonne vom Mond. Keith, der Rockgitarrist mit dem ewig gleichen Ansatz von vorvorgestern, mehr und mehr unverstanden von Mick, der sich einen modernen, der neuen Zeit entsprechenden Sound wünschte und deshalb unter anderem mit Eurythmics-Chef Dave Stewart gemeinsame Sache machte. Was war aus ihnen geworden, was hatte der Mammon aus den südenglischen Ur-Stones gemacht? Im Zug von Dartford (Kent) nach London hatte Keith im Oktober 1960 Mick getroffen, der einen Stapel Bluesplatten unterm Arm trug. Muddy Waters, Willy Dixon, Chuck Berry. Auf dieser Reise, noch Holzklasse statt Aston Martin unter den Backen, sprang der Funke über und entfachte das am längsten anhaltende Rock’n’Roll-Feuer der Welt, das zum Flächenbrand sich ausweitete und auch nicht mit den verzankten Wassern der Glimmer Twins zu löschen war. „Ich war bereit, sie zu beerdigen, doch was soll man machen, wenn die Totgesagten die Sargdeckel öffnen und auf den Gräbern tanzen“, schrieb 1990 der Evening Standard auf dem Höhepunkt der „Urban Jungle“-Tour durch Europa.

1962. Noch kreischten die Mädels nicht ganz so laut. Das änderte sich zunehmend, erst recht, als „Not Fade Away“ als erste Single in den US-Billboard-Charts punktete, „It’s All Over Now“ in England auf die Nummer 1 zischte und schließlich das zweite Album „The Rolling Stones No.2“ am 15. Januar 1965 schon kurz nach dem Aufstehen die Spitze der Charts in England erklomm. Der damalige Bandmanager Andrew Loog Oldham hielt die Fäden in der Hand. Die „feine“ Gesellschaft war von der Rolle, geschockt, paralysiert, denn die Rolling Stones schnürten mit anzüglichen Texten, Gesten und Liedern das enge Wertekorsett auf, in das die Welt zu jenem Zeitpunkt gezwängt war. Die Presse urteilte vielerorts so, wie es der Daily Mirror tat: „Diese Musiker sind eine Gefahr für Recht und Ordnung. Als Ergebnis ihres Rituals aus Gekrächze, verfilzten Haaren und Sex wird die Polizei von Überfällen, Morden und anderen Delikten abgelenkt, nur um die von ihnen hervorgerufene Gewalt zu bändigen.“ Tatsächlich gab es kaum Konzerte ohne Ausschreitungen. Jagger: „Jemand hat einen Stuhl nach mir geworfen, als ich ,Satisfaction‘ sang – die drehen halt ein bisschen durch.“

Das mit dem Gekrächze Jaggers stimmt übrigens nicht, gekrächzt hat er nie, sein Gesang ist allerhöchstens leicht quäkig-schnäbelnd. Aber er weiß trotzdem mit einer Phrasierung zu begeistern, die selbst den Teufel verstummen lässt. Bei „Laugh I Nearly Died“, eines der wenigen Juwelen des 2005er Albums, fleht und bettelt Jagger wie ein Gefangener Guantanamos so großartig, dass die Luft vibriert, wie vom Wahnsinn getrieben, was ihm, als Abgesandten Luzifers, gut auf den sehnigen, hageren Leib passt. Ein Geniestreich, leider der einzige auf dem Album „A Bigger Bang“. Aber da ist auch „You Can’t Always Get What You Want“, an dem die Diva Jagger schon 1969 sich hinaufsang in den Olymp der Einzigartigen, da ist „Angie“, unvermeidlich, weil zu oft dazu geknutscht, aber unglaublich sättigend gesungen, und da schwirrt das fast unbekannte „Keys To Your Love“ herbei, in dem das bekannteste Großmaul des Rocks eunuchengleich sich hinaufschwingt, Silben wie Worte verschluckt und wieder rotzig rauswürgt – wunderbar und so schön unartig.

Die Sehne ist der dürre Jagger, die Ader der faltige Richards. Was in dessen Blutbahnen jahrelang brodelte, war kein Lebenssaft, sondern ein Killercocktail, den nur er überleben konnte. „Wach bleiben mit Merck“, das war sein Motto, und unter diesem Einfluss entstand „Exile“ 1971 in Südfrankreich, Villa Nellcote. Zum Frühstück gab’s Jim Beam. Keith, hundertprozentig nicht annähernd der beste rockende Rhythmusgitarrist, für den ihn viele halten, füllt das Bild des verruchten Rockmusikers meisterlich aus. Der Typ ist crazy und aus anderem Holz geschnitzt. Fluppe anzünden, weiter geht’s. Ron Wood macht das genauso, nur subtiler. Und hinten drin behält Charlie Watts als Drummer die Ruhe. „Diese Burschen verstehen ihr Handwerk perfekt. Was Muddy Waters für den Blues ist, sind diese Kerle für den Rock’n’Roll“, attestierte Erfolgsproduzent Don Was. Was soll er anders sagen; die hatten ihn ja als Produzent in den Neunzigern engagiert…

„Irgendwas passiert um uns herum, wenn wir spielen. Es ist entweder Magie oder eine Katastrophe“, sagte Charlie Watts in einem Interview vor einigen Jahren. So sinniere ich noch heute über zwei Konzerte innerhalb kürzester Zeit. Das eine im Juni 1995 in Hannover, das andere zwei Monate später in Wolfsburg auf dem VW-Gelände. In Hannover waren die Stones Weltklasse, wieder heiß wie ein Brennstab, und der glüht verdammt lange nach, wie die Welt nicht erst seit Fukushima weiß. Jagger machte die Menge an. Richards, Wood und Bassist Darryl Jones, der Anfang der neunziger Jahre Bill Wyman ersetzt hatte, spielten die Saiten glühend. „Satisfaction“, „Honky Tonk Woman“, „Sympathy For The Devil“, „Beat Of Burdon“. Gegen diese Show war die Hölle wie Grönland. In Wolfsburg zwei Monate später kam Watts aus dem Takt. Magie und Katastrophe.

Sie haben dem vermaledeiten, großmäuligen Slash von Guns’n’Roses in den Arsch getreten, als er mal mitspielen wollte. Sie haben den schwuchteligen Elton John für sein Prinzessinen-Liedchen als „The bitch is back“ bezeichnet, was ich aus gutem Grunde nicht übersetze, und sie sind für öffentliches Urinieren schon in den sechziger Jahren in U-Haft gewandert. Das sind Kerle! Die Zeit wird den Mantel der Bedeutungslosigkeit über die Langeweiler von Sunrise Avenue, The Killers, Nickelback und Green Day legen, nicht über die Rolling Stones. Sie haben niemals nur eine Sekunde darüber nachgedacht, in Würde zu altern, was ohnehin schon ein Quatsch ist, für sie, die diesen Globus am Drehen halten, aber erst recht. You Got Me Rocking. Moment, ich leg noch mal „Stripped“ auf…

…so. „Street Fighting Man“. „Shine A Light“. „Love In Vain“ – und das alles halbwegs akustisch. Superalbum. Wer die Musik der Stones begreifen will, muss den Blues mögen. Er ist ihre Keimzelle. Gerade die sechziger Alben wie „Aftermath“ und „Their Satanic Majesties Request“ zeugen von der hohen Kunst, den warmen Blues mit den ruppigen Rockelementen auf ein Niveau zu hieven, was ihnen auch beim 1981er „Tattoo You“ herrlich gelang. Der Hype um diese tolle Band war in den Anfangsjahren logisch und später dann größer als sie selbst. Aber Rockmusik ohne sie wäre arm. Was bin ich froh, dass die Rolling Stones nicht dem Ratschlag des Rockjournalisten Nik Cohn gefolgt sind, der 1970 schrieb: „Wenn sie Stilgefühl haben, sorgen sie dafür, dass sie vor ihrem 30. Geburtstag bei einem Flugzeugabsturz umkommen.“ Ätschmann, Cohn.

Please allow me to introduce myself I’m a man of wealth and taste

I’ve been around for a long, long year

Stole many a man’s soul and faith.

I was ’round when Jesus Christ Had his moment of doubt and pain

Made damn sure that Pilate

Washed his hands and sealed his fate.

Pleased to meet you Hope you guess my name

But what’s puzzling you Is the nature of my game

Die Rolling Stones im 21. Jahrhundert. Kaum jemand hätte vermutet, dass es sie dann noch gibt – sie selbst am allerwenigsten.

Keith Richards in Aktion: Der Gitarrist verkörpert den Rock’n’Roll wie kein anderer. Im Hintergrund die Diva Jagger – ein herrliches Bild (oben). Bandbesetzung in den Sechzigern: Brian Jones, Bill Wyman, Mick Jagger, Keith Richards und Charlie Watts (v.l.) Fotos: Archiv



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