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"Der Himmel verdunkelte sich": Ex-Minister Rolf Krumsiek berichtetüber seine Kindheit in der Bergstadt

"Die Spitfires schossen auf alles, was sich bewegte"

Obernkirchen (sig). Seine Heimatstadt hat sich im Laufe von 70 Jahren erheblich verändert, aber sie wird immer eine besondere Rolle in seinem Leben spielen. Die Rede ist von dem ehemaligen NRW-Minister Dr. Rolf Krumsiek, der bei einer Zusammenkunft des Fördervereins der Stiftskirche in der "Roten Schule" über seine Kindheit und Jugend in der Bergstadt sprach.

veröffentlicht am 20.06.2007 um 00:00 Uhr

Rolf Krumsiek

Der gelernte Jurist konnte sich sehr gut noch an viele Einzelheiten erinnern. Und wenn es irgendwo eine kleine Lücke gab, dann wurde sie von den Zuhörern ausgefüllt. Darunter befanden sich nämlich etliche Altersgenossen. Wie man seine beruflichen Ziele mit Ausdauer und Fleiß erreichen kann, hatte dem heute 73-Jährigen der Vater vorgelebt. Der begann als Schlosser, wurde danach Maschinenbauingenieur undschließlich Betriebsleiter bei der Glasfabrik Heye. Unter den Vorfahren befanden sich viele Glasmacher bis hin zum Obermeister und außerdem Bergleute. Aufgewachsen ist Rolf Krumsiek am heutigen Rolfshagener Weg, der damals "In den Eichen" hieß. "Unser Leben spielte sich weitgehend in der Küche ab", erinnerte er sich. Die Familie besaß aber ein eigenes Backhaus und Waschhaus sowie dazu eine Räucherkammer für die Würste aus der eigenen Schlachtung. EineKanalisation gab es erst in den 50-er Jahren und Kindergärten auch noch nicht. "Der nahe Wald war unser großer und idealer Spielplatz", versicherte Krumsiek. Aus Obernkirchen sei man in jener Zeit kaum herausgekommen. Einer der weitesten Wege war die Anlieferung des Korns bei der Beeker Mühle. "Ich habe Schafe und Ziegen gehütet, damit sie nicht gestohlen wurden, und dabei Latein gelernt," berichteteder Pensionär. Beim "Eichenkrug" habe es eine Außenbahn zum Kegeln gegeben. Dort vergnügten sich gern die Glasmacher. Vom Hörensagen weiß Krumsiek, dass 1938 ein Zeppelin am Himmel über Obernkirchen auftauchte. Das war damals eine Sensation. Als er im Sommer 1940 eingeschult wurde, gab es keine Zuckertüte. Man drückte ihm einen Apfel in die Hand. Nachdem der Frankreich-Feldzug vorbei war, wurden militärische Einheiten von Westen nach Osten verlegt. Eine Verpflegungseinheit sei damals "auf der Hütte" untergebracht worden, und in der Stadt standen Beutepanzer aus Frankreich. In jenen Tagen kamen die ersten Fremdarbeiter für Heye nach Obernkirchen. Später folgten Angehörige anderer Länder. "Nach der intensiven Propaganda, die wir erlebten, war ich erstaunt, dass das alles Menschen wie du und ich waren", berichtete der frühere SPD-Politiker. Die Glasfabrik sei 1943 auf Kriegsproduktion umgestellt worden. Von diesem Jahr an hab es auch regelmäßig Luftalarm gegeben. Krumsiek: "Am Tag kamen die englischen Flugzeuge, nachts die amerikanischen Maschinen. Von Wunstorf und Hameln aus starteten die deutschen Abfangjäger, und dann gab es hier regelmäßig Luftgefechte. Etliche Angriffe galten der Raffinerie bei Misburg, und dabei verdunkelte sich in der Ferne der Himmel." Im Jahre 1944 sah Rolf Krumsiek, dass zwei Piloten mit Fallschirmen aus einer abgeschossenen Maschine ausstiegen. Ein deutsches Flugzeug lag nur etwa hundert Meter vom Forsthaus Walter in den Baumkronen. Zur Hitler-Jugend eingezogen wurde der Obernkirchener schon vor seinem 10. Lebensjahr. Bei einem Manöver im Bückeberg nahm er mit seinen Kameraden sogar den Bannführer gefangen. Als er 1944 das Gymnasium in Bückeburg besuchte, erinnerte er sich an Angriffe britischer "Spitfire", deren Piloten auf alles zielten, was sich bewegte, selbst auf Rot-Kreuz-Züge. Sie wollten vor allem die Bahnlinie zwischen Minden und Hannover treffen, die wichtigste Ost-West-Verbindung. Einen Angriff erlebte er in der Nähedes Gasthauses "Wilhelmshöhe" in Ahnsen. Als am 8. April eine amerikanische Panzereinheit in Obernkirchen einrückte, folgten ihr gleich, mit weißen Tüchern wedelnd, zahlreiche ausländische Fremdarbeiter. Wesentliche Kampfhandlungen hätte es, so Krumsiek, um Obernkirchen herum nicht gegeben. Wie er die Zeit des Zusammenbruchs und des Wiederaufbaues in seiner Heimat erlebte, berichtet unsere Zeitung gesondert.

So sah vor acht Jahrzehnten die Glasfabrik aus. Fotos: sig/pr.
  • So sah vor acht Jahrzehnten die Glasfabrik aus. Fotos: sig/pr.


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