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Die Spiders: „Rocker mit Ehre und Respekt“

Und was ist nach inzwischen 34 Jahren aus den Spiders geworden? Es gibt sie immer noch. Aber anders als bei vielen MCs prägen keine negativen Schlagzeilen das heutige Bild. Doch Vorurteile gibt es leider noch immer. Ungehobelt, streitlustig und ohne gesellschaftliche Grundlage, so sehen viele Menschen die Spiders, wenn sie auf einer Ausfahrt auf einem Dorffest haltmachen. Ist es die „Kutte“, die obligatorische Weste, oder sind es die martialisch klingenden Harleys, die dann manchen Dorfrowdy animieren, den Konflikt zu suchen?

veröffentlicht am 24.06.2011 um 18:23 Uhr

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„Wir wollen das nicht und ärgern uns darüber, wenn uns die Menschen in solch eine Schublade stecken,“ sagt „Keule“, der trotz seiner erst 41 Jahre schon viele Jahre bei den Spiders mitfährt. „Wir sind viel unterwegs, wir fahren gern und feiern gern. Aber eben ohne Streit. Ganz früher mag das auch mal anders gewesen sein, doch heute steht für die Spiders die Gemeinschaft im Vordergrund.“ Der inzwischen 51-jährige Bernd ergänzt: „Wir gehen doch offen auf die Leute zu, Ehre und Respekt sind unsere Leitmotive. Wer bei uns grundlos Schwächere drangsaliert, gehört nicht in unsere Gemeinschaft.“

Begonnen hat diese Gemeinschaft mit fünf Motorrad-Begeisterten 1977 beim Stammtisch in der damaligen Disko „TT“ in Klein Berkel. Die Harley war noch kein Thema, eher der Hubraum war entscheidend. 500 Kubikzentimeter mussten es mindestens sein. Das hat sich aber geändert, so „Steiner“ (48), ein Urgestein der Spiders. „Heute ist es die Marke, die Harley ist obligatorisch. Aber wer die fährt, kann dann alles damit machen, was er möchte – und sich traut.“ Ob überlange Gabel, Spiegel mit Knochenhand, offene Vergaser oder der als Ape-Hanger bekannte hohe Lenker – jeder nach seinem Geschmack.

Das „Spiders Corner“ ist ihr eigenes Clubheim. Es war zunächst an einer Straßenecke in Hamelns Nordstadt gelegen, so entstand der Name. Später zog es die Rocker dann nach Grupenhagen aufs Dorf. Auf einem Bauernhof steht eine gemütliche Holzhütte, alles mutet wie im Wild-Wild-West an. Vor der Hütte ein großer Grill. Na klar, starke Männer brauchen große Steaks. Und drinnen eine gemütliche Kneipe, denn Durst hat man schließlich auch.

Der Wechsel aufs Dorf war ein Glücksfall für die Spiders, denn dort geht alles stressfreier zu. „Unser Vermieter hier ist klasse, er hilft uns, wo er kann, und dafür sind wir ihm sehr dankbar! Wenn wir unsere jährliche Summertime Rock Party starten, dann räumt er sogar für uns eine Scheune aus.“ Und nicht nur er kommt gut mit den rauhbeinigen Typen auf ihren großen Motorrädern klar. Das ganze Dorf unterstützt zum Beispiel die Party, stellt Parkflächen auf den Höfen zur Verfügung, und die Bewohner sind selber mit dabei.

Woran liegt das, fragen sich manche. „Wir haben unter anderem ganz normale Berufe meint „Torsten“, bei uns gibt es Selbstständige im Baugewerbe, arbeiten als Estrichleger, Schlosser, Autoverkäufer oder Schädlingsbekämpfer. Auch in sozialen Berufen sind wir vertreten.“ „Und wir verhalten uns wie alle anderen hier im Dorf,“ ergänzt „Ertel (48)“, auch schon viel Jahre dabei. „Wir möchten am Abend gemütlich vor unserem Clubhaus quatschen, Ausfahrten planen und einfach das Leben genießen. Und das gemeinsam mit wirklich guten Freunden, die auch in schlechten Zeiten zueinander stehen. Und schlechte Zeiten hat jeder von uns mal, darum ist genau das enorm wichtig.“

Damit diese besondere Zusammengehörigkeit auch Bestand hat, kann nicht einfach jeder bei den Spiders mitmachen. Ein in den meisten MCs bewährtes System wird auch hier angewandt. Zunächst lernt man sich zwanglos kennen, durchaus mehrere Monate lang. In dieser Zeit gilt man als „Hangaround“ – einer, der locker dabei ist. Da Familie und Club eng verwoben sind und alle an einem Strang ziehen müssen, ist das eine gute Möglichkeit, alles erst einmal einzuschätzen. Wer dabei bleiben will, wird Anwärter, sprich „Prospect“. Der Prospect hat dann schon die „Kutte“, welche ihn nun viele Jahre begleiten wird, aber das Vereinsemblem, die große Spinne im Netz auf dem Rücken, das fehlt. Die nun folgende oft mehrjährige Zeit soll beiden Seiten zeigen, ob man menschlich wirklich für viele Jahre zueinander passt. Aber Prospects müssen auch arbeiten, sich das Emblem verdienen, was sie später stolz bei jeder Ausfahrt tragen werden. „Wir haben viel Geld in Clubhaus und Einrichtung gesteckt, wir pflegen alles selber, und auch ein Prospect muss da mit ran“, sagt Bernd, „damit er alles zu schätzen weiß und pfleglich damit umgeht. Aber alle helfen mit, einer bestellt Getränke, andere organisieren Urlaube oder planen Veranstaltungen.“ „Wir machen viele Ausfahrten, und auch da gibt es Aufgaben für jeden. Prospects fahren unter anderem traditionell hinten und müssen im Fall einer Panne die Vordersten einholen, damit sie warten“, erläutert Keule, während er statt des Prospects „Hühne“ den Grill reinigt.

Der CNC Fräser Hühne ist mit seinen 23 Jahren der Joungster der Gruppe. Er kommt aus dem Chapter Alfeld, einem Ableger der Hamelner Spiders. Drei Chapter haben die Spiders: Hameln, Alfeld und Osterode. Entfernungen spielen für die Gemeinschaft keine Rolle. „Hühne muss noch fahren und hat früh Schichtbeginn, darum mach ich jetzt den Grill klar, den er vorher bedient hat“, meint Keule. Wenn Hühne einmal das Spiders Emblem auf die Kutte bekommt und zum vollen „Member“ wird, dann wartet auf ihn ein besonderes Ritual: er muß den „Member Drink“ schlucken. „Er hat geheime Zutaten und schmeckt wirklich sch ... Runter muss er irgendwie, aber raus kommt er meist von alleine“, erläutern die Spiders nicht ohne Vorfreude.

Keule ist mit Leib und Seele Spider und hat sich sogar das Spinnenzeichen auf den Arm tätowieren lassen. Viele Tattoos haben die meisten der Rocker. Ebenfalls mit Leib und Seele dabei ist Steiner: „aber ich finde meinen Körper auch so schön,“ sagt er grinsend: „Ich habe darum gar kein Tattoo.“ Toleranz wird großgeschrieben – „wer einmal nach der Prospect-Zeit dabei ist, der passt zu uns“, egal ob mit oder ohne Tattoo.

„Die Harley und die Einstellung zu Respekt und Ehre ist uns wichtig,“ unterstreicht Torsten, und erklärt, warum es wohl so gut klappt mit den Nachbarn: „Benimm dich anständig, und du wirst anständig behandelt, das gilt untereinander aber auch gegenüber Gästen und Fremden.“ Was viele erstaunt: Neben Freunden sind auch Fremde gern gesehen. „Jeden dritten Freitag im Monat ist das Clubhaus für Gäste geöffnet. So lernen wir immer wieder tolle neue Leute kennen“, meint der ehemalige Dragster-Rennfahrer Ertel. Viele der Spiders haben inzwischen Familie und neben dem Motorradfahren ganz normale Hobbys. Keule läuft Marathon und Steiner liebt sein Boot auf der Weser. Und damit die Familie nicht zu kurz kommt, organisieren die Spiders gemeinsame Ausfahrten oder ein Zeltfest für alle. Diesmal waren wir in Großenwieden mit über 100 Personen. Es war ein tolles Pfingsten, und auch die Bewohner von Großenwieden waren super nett zu uns. Wir sind deshalb sogar schon zum zweiten Mal dort gewesen.

Aber nicht immer bleibt ein Leben völlig gradlinig, Interessen ändern sich, und was passiert, wenn jemand die Kutte ablegen möchte? In anderen Gruppierungen undenkbar. Auch hier sind die Spiders tolerant. „Lebenswege sind nicht vorhersehbar, und wer mit einem nachvollziehbaren Grund sagt „ich möchte etwas anderes machen“, bleibt trotzdem weiter unser Freund. Nächstes Wochenende besuchen wir den Geburtstag eines Ehemaligen. „Wird bestimmt super“, aber noch mehr freuen sie sich auf ihre Summertime Rock Party am Samstag, 2. Juli, ab 19 Uhr in Grupenhagen, wo mit Innuendo und Nitrogods zwei echte Band-Highlights auf die Gäste warten. Diese Party ist offen für jeden, der handgemachte Rockmusik, uriges Ambiente, gute Laune und ein unkompliziertes Miteinander mag. Und wer dort hinkommt, lernt eine Gruppe kennen, die er vielleicht so nicht unbedingt erwartet hätte: Rocker „mit Ehre und Respekt“ – und einem Leben für die Harley.

USA 1969: Easy Rider kommt in die Kinos. Ein neues Lebensgefühl entsteht. Anders möchte man sein, frei und ohne gesellschaftliche Zwänge. Und mittendrin die Harley Davidson – lange Gabel, kleiner Tank. So fuhren Dennis Hopper und Peter Fonda in die Köpfe vieler Motorradfans. Doch schon damals war es schwierig, dieses Leben friedlich und allein zu führen. Motorradclubs und -gangs bildeten sich. So auch 1977 in Hameln: ein Motorradclub, der Spiders MC Germany, wird gegründet.



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