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Einblicke in Geschichte und Tradition der heimischen Sonnenwendfeiern

„Die Sonn’ erwacht mit ihrer Pracht“

Schon blitzten goldene Lanzenspitzen durch die Wolken, und dann endlich erschien die Sonne, wie ein blutroter Feuerball im Wolkenmeer schwimmend“, beschrieb die Landes-Zeitung das Himmelsgeschehen in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1920. „Auf der Höhe wurde es Licht, nur im Tal noch lagerten die Schatten der Dämmerung und wallte der Nebel“. Dann wurde ein Holzstoß angezündet „als Erinnerung an die Sitten und Gebräuche der alten Germanen“. Und aus den „vielhundert jugendfrischen Kehlen“ erklang das Lied „Die Sonn’ erwacht, mit ihrer Pracht erfüllt sie die Berge, das Tal. O Morgenluft, o Waldesduft, o goldener Sonnenstrahl“.

veröffentlicht am 20.06.2015 um 00:00 Uhr

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So wie vor 95 Jahren auf dem Papenbrink ging es damals alljährlich im Juni auf den heimischen Anhöhen zu. „Zu den Glanzpunkten des Jahresgeschehens gehört unstreitig die Feier der Sommersonnenwende, die besonders nach dem Kriege in allen deutschen Gauen wieder in althergebrachter Weise gefeiert wird“, wusste die Schaumburger Zeitung zu berichten. „Man versammelt sich zu fröhlichem Spiel, wie die Urväter es getan, die durch Anzünden eines gewaltigen Holzstoßes Baldur, dem Gott des Lichts und des Friedens, ihre Verehrung darbrachten“.

In der Tat spielten der längste Tag (Sommersonnenwende, in diesem Jahr am morgigen Sonntag, 21. Juni) und der kürzeste Tag (Wintersonnenwende, 22. Dezember) im Bewusstsein der Menschen seit jeher eine besondere Rolle. Sie markierten den steten Rhythmuswechsel der Natur und das immer währende Erblühen, Reifen und Welken. Es war der Zeitpunkt, die bösen Mächte der Dunkelheit zu vertreiben und die guten um Wohlwollen, Beistand und guten Ernteertrag zu bitten.

Naturerleben und völkisches Brauchtum

Art, Inhalt und Dauer der (Mittsommer-) Wendfeiern waren von Region zu Region verschieden. Hierzulande wurde eine Mischung aus Naturerleben und völkischem Brauchtum gepflegt. Das Wichtigste seien seit jeher „Holzstoß und Feuerzeugung“ gewesen, heißt es in einem im Juni 1900 in den heimischen Zeitungen abgedruckten Beitrag des Volkskundlers Aurelius Polzer. In vorchristlicher Zeit hätten die Flammen „dem Wachstum weckenden Sonnengott Baldur, dem Gott der Fruchtbarkeit und des Erntesegens“, gegolten. „Als dann das Christentum in die deutschen Wälder drang und dem germanischen Götterglauben ein Ende machte, mussten auch Odin und seine Söhne anderen Namen und Gestalten weichen“. An Baldurs Stelle sei Johannes der Täufer getreten. „Aber wohl wissend, dass der Mensch an Äußerlichkeiten hängt, ließ man die alten Bräuche bestehen; so auch die Sonnenwendfeuer, die man in Johannisfeuer umbenannte, und die heute noch auf den Gipfeln der Berge entzündet werden.“ Was unsere Altvorderen im Laufe der Jahrhunderte an den „Sunnwend“-Tagen tatsächlich trieben, ist nahezu unbekannt. Die Quellenlage ist mehr als spärlich. Laut Polzer wurden unter anderem Tieropfer dargebracht und deren überm Feuer geröstetes Fleisch gegessen. Dazu trank man reichlich Met und sprang tanzend um und über die Flammen. Je häufiger der Holzstoß umrundet wurde, desto größer war die Chance, gesund durch Herbst und Winter zu kommen. Auch Nutzvieh, das durch die Glut geführt wurde, war vor Verhexung geschützt. Die Asche nahm man mit nach Hause. Sie förderte die Fruchtbarkeit der zwei- und vierbeinigen Bewohner und „übte große Heilkraft in vielen Dingen“. In einigen Gegenden wurden – begleitet von vielen guten Wünschen – brennende Räder hangabwärts gerollt und die verkohlten Reste der Holzscheite an die Haustüren genagelt und/oder aufs Dach gelegt. Das versperrte dem Bösen den Zugang und schützte vor Blitz und Unwetter.

Einen zahlenmäßigen Höhepunkt erlebte der Sommersonnenwendekult in den 1920er und 1930er Jahren. Viele versuchten, das Elend der Nachkriegszeit mit Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot durch Ausflüge in die Natur hinter sich zu lassen. Wandern wurde Volkssport Nr. 1. Allerorten taten sich Gleichgesinnte zu Tour-Gemeinschaften zusammen. Die Gruppen des Weserberglandes und Schaumburg-Lippes waren im „Wanderbund Wesergau“ zusammengeschlossen. Sitz des Vorstands war Hameln. Lieblingsziel war der Papenbrink. Der damals unbewaldete Bergkegel bot den besten Rundumblick weit und breit. Bei der Bundesversammlung der Wesergau-Vereine im März 1920 wurde beschlossen, dort jedes Jahr eine zentrale Sonnenwendfeier auszurichten.

Um die Vorbereitung der eingangs geschilderten Veranstaltung im Juni 1920, bei der das Gros der Teilnehmer die Nacht auf dem Berg in Zelten zubrachte, kümmerte sich der Wanderverein Bückeburg. Mehrere auswärtige Gruppen waren bereits Sonnabendabend mit der Eisenbahn angereist und „mit voller Klampfenmusik“ zum Papenbrink geleitet worden. Vorm Dunkelwerden wurde „Heil’ge Nacht, o gieße Du, Himmelsfrieden in dies Herz“ angestimmt. Ab und an drang Wetterleuchten aus der Ferne, „und der Schein der Blitze ließ die Weser aufleuchten wie ein silbernes Band“.

Am nächsten Morgen trafen weitere Besucherscharen auf der Anhöhe ein. „Frohsinn und Heiterkeit, wie es echten und rechten Wandergenossen geziemt, hat für einige Stunden die Sorgen des Alltags vergessen lassen“, zog Wesergau-Vorsitzender Kunze zufrieden Bilanz. „Möge sich der Wandersport zur Blüte entfalten und ein Geschlecht heranzuziehen, das erfüllt ist von deutschem Geist und vaterländischer Gesinnung und dem Heimat und Gottes Natur als eines der edelsten Güter gilt!“

Ob und in welchem Umfang die Wünsche in Erfüllung gingen, ist nicht überliefert. Der Papenbrink jedenfalls wurde fortan als jährlicher Sonnenwend-Treff von Pennälern und Schülerinnen der höheren Töchterschulen Rinteln und Bückeburg in Beschlag genommen. Ein Teil der heimischen Wandervereine stieg auf den Bückeberg um. Als Organisator des Gymnasiasten-Feiern trat die Ortsgruppe Rinteln-Bückeburg des „Allgemeinen Deutschen Schulvereins“ (ADS) auf den Plan. Ziel der 1881 aus der Taufe gehobenen Initiative war es, „die deutschen Stammesgenossen außerhalb des Mutterlandes in ihrem Deutschsein zu bestärken“. Dazu gehörten der Bau und die Erhaltung deutscher Auslandsschulen, Kindergärten und Bibliotheken. Auswärtige Studenten wurden mittels Stipendien zur Weiterbildung an hiesigen Universitäten angeregt. Einen Teil der dazu erforderlichen Mittel versuchte man durch öffentlichkeitswirksame (Spenden-) Aktionen zu beschaffen. Dem Vereinszweck entsprechend gehörten dem ADS vorwiegend Lehrer, Schüler und vorzeigbare Persönlichkeiten wie der weltbekannte Historiker Theodor Mommsen an. In Rinteln und Bückeburg machten Oberstufenschüler (-innen) des Ernestinums, des Hildburg-Lyzeums sowie des Adolfinums und der Marienschule mit. Anführer und Ansprechpartner waren die Studienräte Paul Erdniß (Ernestinum) und Dr. Wilhelm Michel (Adolfinum).

Der Schülerchor sang „Flamme, empor!“

Einer der größten ADS-Sonnenwend-Treffs ging 1926 über die Bühne. „Abends um 7 ½ Uhr machten sich die Rintelner Gruppen unter Begleitung zahlreicher Angehöriger und Gäste auf den Weg, während das Trommler- und Pfeiferchor des Gymnasiums unermüdlich spielte“, war anschließend in der Schaumburger Zeitung zu lesen. „Kurz vor 9 Uhr war man auf dem Papenbrink, wo schon die Bundesbrüder und -schwestern aus Bückeburg sich in überraschend großer Zahl eingefunden hatten und nun mit ihrem trefflichen Schüler-Blasorchester die Weserstädter begrüßten.“

Nach der Eröffnung durch Studienrat Erdniß folgte die Aufführung „eines Festspiels vom deutschen Geist, das bedeutungsvoll zur Geltung kam“. Später wurde der große Holzstoß angezündet, und der Schülerchor Bückeburg sang „Flamme, empor!“. Nach weiteren Musikdarbietungen, Tänzen und dem gemeinsam angestimmten Deutschlandlied machte man sich um halbzehn „im tiefsten Innern befriedigt und mit dem frohen Gefühl, noch lange vom Gewinn der Veranstaltung zehren zu können“, auf den Heimweg.

Das Feuerbrauchtum und der Glück und Segen verheißende Sprung junger Brautpaare über die Glut war auch ein beliebtes Postkartenmotiv.



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